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»Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« auf Amazon Prime West-Berlin ist überall

Die Neuverfilmung von »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« holt das Original in die Gegenwart. Es ist eine universelle Geschichte über Jugend, Sucht, Freundschaft und emotionale Gleichgültigkeit geworden.
aus DER SPIEGEL 8/2021
Darstellerin McKinnon (M.): Kapriziöse Unkaputtbarkeit

Darstellerin McKinnon (M.): Kapriziöse Unkaputtbarkeit

Foto:

Josef Fischnaller / Amazon Studios / Soap Images / Constantin Television

Eigentlich ist der Junkie eine Figur, die aus der Zeit gefallen ist. Die Taliban finanzieren sich zwar über den Verkauf von Opium, und in Deutschland wird immer noch Heroin beschlagnahmt, irgendwer muss das Zeug also nehmen. Aus der öffentlichen Wahrnehmung und der Popkultur aber ist es verschwunden. Unsere beschleunigte Zeit verlangt eher Aufputschmittel, Kokain und Amphetamin. Psychedelische Drogen, um »outside of the box« zu denken, wie man im Silicon Valley sagt. Kiffen, um herunterzukommen. Aber Heroin? Der Zeitgeist berauscht sich doch woanders. Wenn schon Spritze, dann Impfstoff. Fit und gesund sein schlägt Kaputtheit.

Umso erstaunlicher, dass Amazon Prime Video, einer der Global Player der Serienwelt, nun eine der größten Junkiesagas der Popgeschichte wieder aufleben lässt, »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«. Und noch erstaunlicher: Es ist ziemlich gut geworden.

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1978 erschien das Buch, für das die damals 16-jährige Christiane F. zwei Journalisten ihr Leben erzählte. Wie sie mit 12 Jahren angefangen hatte zu kiffen, mit 13 Heroin nahm, mit 14 auf den Strich ging. Sie erzählte von Abhängigkeit, von emotionaler Verrohung, von Junkiefreundschaften, von Sex und Gewalt.

Eigenartiges Zwitterwesen

Es war einer der größten Sachbucherfolge der Nachkriegszeit, hielt sich sagenhafte anderthalb Jahre auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und wurde 1981 unter Mitarbeit von David Bowie verfilmt. Jede und jeder, der in den Achtzigern groß geworden ist, kann sich daran erinnern. An den Grusel dieser Geschichte, an ihre eigenartige Anziehungskraft.

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Die Produzenten Oliver Berben und Sophie von Uslar und die Autorin Annette Hess (»Weissensee«) hatten nun Zugang zu den gesamten Aufnahmen der Interviews, aus denen das Buch entstanden war – und sie haben daraus ein großes und eigenartiges Zwitterwesen entstehen lassen. Natürlich ist da immer noch die West-Berliner Dunkelheit des Originals. Doch mit all der Kunstfertigkeit, die die Erzählform Serie bietet, wurde einiges an Lokalkolorit abgeschliffen und der Stoff in eine universelle Geschichte über Jugend, Sucht, Freundschaft und emotionale Gleichgültigkeit verwandelt.

Die Story von Christiane und ihren Freunden ist mit bestürzender Akkuratesse herausgearbeitet. Wie familiäre Dramen, Langeweile und Abenteuerlust dieses Mädchen und ihre Freunde auf die Straße treiben. Großartig auch, wie die Junkie-Intimität dargestellt wird, diese eigentümliche Mischung aus Misstrauen und Nähe, diese Beziehungen, in denen man sich unglaublich nahekommt, gleichzeitig bester Freund und übelster Feind ist, Verbündeter bei der Drogenbeschaffung, Gegner beim Horten des Stoffs. Was ist der erste Sex im Vergleich zur Intensität, sich gegenseitig einen Schuss zu setzen?

Kapriziöse Unkaputtbarkeit

Jana McKinnon spielt Christiane mit kapriziöser Unkaputtbarkeit, und Lea Drinda als ihre Freundin Babsi erinnert an Jean Seberg.

Angesiedelt ist das alles in einem Fantasie-Berlin, wo die Graffiti an den Wänden von Bands künden, die es in den Siebzigern noch gar nicht gab, heutiger Techno im Klub Sound läuft und die dunklen Schrankwände in den Freierwohnungen noch von der Düsternis der Nachkriegszeit erzählen. Die Lederjacken sind unzweifelhaft aus den Siebzigern.

Zwei Dinge allerdings passen nicht so richtig. Erstens: Die Darstellerinnen und Darsteller sehen einfach zu gut aus. Der Junkie, wie ihn das Originalbuch und der damalige Kinofilm erfanden, war doch eine ausgemergelte Figur, jemand, der nicht mitmacht. Ein Verweigerer, der nicht mehr daran glaubt, dass die Welt sich auf eine Art und Weise ändern lässt, die der Mühe wert wäre, damit aufzuhören, sich selbst kaputtzumachen.

Und, damit eng verbunden, zweitens: Sie sind zu alt. Das Schockierende an »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« war, dass Christiane und ihre Freunde ja tatsächlich Kinder waren. Der Babystrich hieß nicht ohne Grund so. Das jedoch haben die Schöpfer der Serie aufgegeben. Jana McKinnon, die die Christiane spielt, ist gut fünf Jahre älter als ihr Vorbild.

Ausweglosigkeit

Die Schönheit und das Alter der Protagonistinnen und Protagonisten helfen natürlich, den Figuren bis zum Ende zu folgen. Durch all die Untiefen, all die Freierautos, in die Christiane und ihre Freunde steigen, in all die schmierigen Toiletten, auf denen sie sich einen Schuss setzen und über der Kloschüssel zusammensinken. Aber es ist doch ein bisschen zu viel des Drecks verloren gegangen, der das Orginal prägte – allerdings ohne, dass die Zeichnung der Charaktere darunter gelitten hätte.

»Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« spielte in West-Berlin, dieser stillgestellten Halbstadt im Schatten der Mauer. Es war ein Buch (und später ein Kinofilm), der von Ausweglosigkeit und Klaustrophobie handelte. Davon, fliehen zu wollen und nicht zu können.

Die Serie »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« erzählt eine Geschichte, die immer und überall spielen könnte. Von Jugendlichen, die ein anderes Leben wollen. Über den hohen Flug, auf den der tiefe Fall folgt. Über die Logik der Drogenabhängigkeit, das Glück und das Elend des Junkies.

Ab 19. Februar auf Amazon Prime

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