Filme über Punk Aggressiv in die Achtziger

Punk is nett: Drei feministische Gören aus Schweden treffen auf einen Hänger aus Berlin: Mit ihren Filmen "Wir sind die Besten" und "Tod den Hippies" erzählen Lukas Moodysson und Oskar Roehler höchst unterschiedlich von Punk.
Filme über Punk: Aggressiv in die Achtziger

Filme über Punk: Aggressiv in die Achtziger

Foto: X Verleih

Punk is dead? Kann nicht sein. Schließlich sind gerade die Ur-Punks Buzzcocks wieder auf Tour, an U-Bahnhöfen schnorren besprühte Lederjacken mit Hunden, und es kommen gleich zwei Filme in die Kinos, die sich mit dem Thema beschäftigen - wenn auch retrospektiv.

Lukas Moodysson, Regisseur der Kommunen-Satire "Zusammen" und des wunderschönen Mädchenliebefilms "Fucking Amal", ist Jahrgang 1969. Mit "Wir sind die Besten" hat er einen autobiografischen Comic seiner Frau Coco, Jahrgang 1970, verfilmt. Oskar Roehler, Jahrgang 1959, der seine Vergangenheit schon mehrmals verarbeitete (etwa in "Die Unberührbare"), porträtiert in "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!" die gleiche Zeit, aber aus einer anderen Perspektive in einer anderen Stadt: Sein Alter Ego Robert (Tom Schilling), soeben aus der Provinz geflüchtet, mäandert mit Iro durch das abgerissene Berlin der frühen Achtzigerjahre, so wie es Roehler selbst einst tat.

Bis morgens bekommt er im "Risiko" von Blixa Bargeld (Alexander Scheer) Vasen voller Wodka ausgeschenkt, während drogenverseuchte Kerle in den Ecken vegetieren. Danach geht er beim Sozialamt die Berlinzulage kassieren, putzt in der Peepshow von Schwarz (Wilson Gonzales Ochsenknecht) das Sperma von den Wänden, vögelt nach Möglichkeit herum, sucht und findet Subkultur, und erleichtert irgendwann seinen RAF-Sympathisantenvater (Samuel Finzi) um einen Batzen RAF-Geld, um einen Drogendeal zu finanzieren.

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"Tod den Hippies - Es lebe der Punk!": Abhängen in Westberlin

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Der Iro als äußeres Zeichen für Unangepasstheit taucht bei Moodysson ebenfalls auf. Die Protagonistin Bobo wird ihn einer Freundin schneiden, denn für Bobo ist Punk 1982 noch lange nicht tot: Sie ist 13, die ungeschminkten Augen gucken durch eine Nickelbrille, der formlose Wollpulli verbirgt, was die bunten Discoklamotten der anderen betonen, die Haare hat sie mit der Nagelschere zum Pseudo-Igel gestutzt. Per Walkman hört sie schwedische Punkbands.

Nur mit dem Stürzen des Systems und dem Saufen ist es nicht weit her: Im toleranten Schweden finden sich kaum anständige Feindbilder.

Doch Bobo kämpft weiter. Gemeinsam mit Klara, deren großer Bruder einst die Punkidee in den Haushalt brachte, sich aber zwischenzeitlich Joy Division zugewandt hat, sind die beiden Mädchen selbsternannte Außenseiterinnen inmitten einer Gesellschaft, die alle umarmt. Als Bobo und Klara sich eines Nachmittags im Stockholmer Jugendzentrum mopsen, gründen sie eine Band - eigentlich nur, um den Jungs, die im lokalen Übungsraum regelmäßig die Matten beim Hardrocken schwingen und sich despektierlich über die "kleinen Punkfotzen" äußern, eins auszuwischen.

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Von nun an wird auf Schlagzeug und Bass eingedroschen, dazu brüllt Klara energische Texte mit eindeutigen Aussagen: "Wir hassen Sport / wir hassen Sport! / Nuklearpower überall / doch ihr denkt nur an Basketball! / Wir hassen Sport / wir hassen Sport!". Das ist Punk, man muss es ihnen lassen.

Im Gegensatz zu Roehlers Szene- und Zeitporträt, das eine Menge Punkklischees (Suff, Krach, Armut) nimmt und zur Groteske überdreht, bis sie platzen, strickt Moodysson ein mit feinem Humor angereichertes Teenage Rebell-Drama in agilen Bildern. Und erklärt beiläufig, wie auch ein für seine aufmerksame Genderpolitik bekanntes Land wie Schweden Klischees züchtet: Als die Band, die inzwischen durch die schüchterne Gitarristin Hedvig (mit frisch geschnittenem Iro) erweitert worden ist, das erste Konzert spielen soll, verkündet der hippieeske Jugendzentrumsleiter das mit den Quotenworten "Wir wollen nämlich auch eine Mädchenband!".

Hier kommen die Riot Grrls!

"Wir sind keine Mädchenband", empören sich Bobo und Klara - zu Recht: "Mädchenband" verniedlicht in ihren Ohren ihre Ziele, setzt voraus, dass die Band musikalisch schlechter ist, man ihr gegenüber toleranter sein soll. Bis sie sich ihre Begriffe zurückerobern, das "Riot" vor das "Grrls" setzen, wird es noch ein paar Jahre dauern.

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"Wir sind die Besten": Alarm schlagen in Schweden

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Dramaturgisch hält sich Moodysson an den etwas plätschernden Lauf der Dinge - Bobo tröstet die alleinerziehende, tolerante Mutter, schiebt ihren ersten Liebeskummer, streitet sich mit Klara und verträgt sich wieder. Das Konzert in der Kleinstadt Västeras, bei dem die Band statt "Wir hassen Sport" frech "Wir hassen Västeras!" skandieren, steht zwar am Ende, ist aber keineswegs der krönende Abschluss: Die Heldinnen haben sich allenfalls innerlich weiterentwickelt. Ihre Instrumente haben sie noch immer nicht spielen gelernt. Wozu auch.

Während Moodysson also persönliche Erinnerungen für eine Gesellschaftsanalyse verwendet, den ganzen Punk im wahren Sinn des Wortes durch die seltene Mädchenbrille zeigt, verharrt Roehler im Altbewährten. Schilling, Scheer, Frederick Lau als Busenfreund Gries und vor allem Marc Hosemann als Nick Cave und die schick überzeichnete Hannelore Hoger als drogensüchtige Mutter meistern ihre Jobs in "Tod den Hippies!" zwar unterhaltsam, allein: Was eigentlich erzählt werden soll, ist ein wenig dem Motto "Destroy!!!" zum Opfer gefallen.

Roehler hält sich zur Provokation an Pipi-Kacka- und Spermaszenen und haut ab und an mal einen gelungenen Witz oder Spruch raus. Um die meisten seiner Figuren schert sich Roehler allerdings wenig - er lässt sie kommentarlos fallen, anstatt sie weiterzuerzählen. Emotional will er sie dem Publikum schon gar nicht näherbringen. Wäre ihm vermutlich zu hippieesk.

Dass Iro-Storys momentan für mehrere Filmemacher ein Thema sind (auf der diesjährigen Berlinale lief quasi der Sachfilm zu Roehler: "B-Movie" mit Berlin-Punk-Dokumentaraufnahmen zwischen 1979 und 1989), könnte einerseits am Alter der Regisseure liegen, die erst jetzt weit genug von ihren eigenen Geschichten entfernt sind. Zum anderen sickert langsam die Erkenntnis durch, dass die Achtzigerjahre - und dazu gehört Punk in Deutschland - das letzte Jahrzehnt sind, das man nacherzählen muss, weil es nicht für immer in digitaler Form erhalten ist.

Obwohl Moodysson durchaus auch glückliche Protagonistinnen zeigt, sind Wehmut oder Nostalgie allerdings weder beim einen noch beim anderen auszumachen. Dazu war diese Zeit dann doch zu aggro.

"Wir sind die Besten"

Schweden, Dänemark 2013

Originaltitel: "Vi är bäst"

Regie und Drehbuch: Lukas Moodysson

Darsteller: Mira Barkhammer, Mira Grosin, Liv LeMoyne, Steve Kratz, David Dencik

Verleih: Agentur Kulturprojektor

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 18

Start: 26. März 2015

Nordlichter Film 
"Tod den Hippies - Es lebe der Punk!"

Deutschland 2014

Regie und Drehbuch: Oskar Roehler

Darsteller: Tom Schilling, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Emilia Schüle

Verleih: X-Verleih (Warner)

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 16

Start: 26. März 2015

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