Wirtschaftssatire "Der Informant!" Münchhausen der Marktwirtschaft

Raubtierkapitalismus mit Streichelzoo-Charme: Matt Damon führt in "Der Informant!" als putziger, pummeliger Spitzenmanager das FBI und die Lebensmittelindustrie hinters Licht. Kapitalismus wird zum Bonzenklamauk, zur Krankengeschichte eines Lügners.
Fotostrecke

Wirtschaftssatire "Der Informant!": Dollar und Dallas

Foto: Warner Bros.

Der Mann ist ein Kämpfer. Wie der junge Tom Cruise in der John-Grisham-Verfilmung "Die Firma" zieht er gegen Gier, Lug und Betrug zu Felde. Das System ist unübersichtlich, sein Wille stark. Und so geht Mark Whitacre (Matt Damon), Spitzenmanager eines Lebensmittelkonzerns im Mittleren Westen, unerbittlich gegen illegale Preisabsprachen, schwarze Konten und Korruption vor, in seinem Konzern, in seiner Branche. Bald steht ihm das FBI zur Seite. Der Mann aus Illinois wird für die Bundespolizei zur Schlüsselfigur im nationalen Krieg gegen die Gier.

Die Sache hat nur einen Haken. Mark Whitacre ist ein notorischer Lügner. Die meisten Rechtsvergehen seines Arbeitgebers denkt er sich selbst aus und versucht, für sich einen Vorteil rauszuschlagen.

In den Wirtschaftskrimis und Spionagethrillern von John Grisham und Michael Crichton findet er die Stichworte dafür. Er kombiniert sie nur mit seinen intimen Kenntnissen über die Company, den Rest erledigt seine sympathisch kindliche Phantasie. 0014 nennt er sich selbst - "weil ich doppelt so schlau bin wie 007".

Den Möchtegern-Bond hat es wirklich gegeben. Mitte der Neunziger hat Mark Whitacre Archer Daniels Midland (ADM) ins Wanken gebracht, immerhin einen der 30 größten US-Konzerne. Sieben Millionen Dollar soll er am Ende auf illegalen Konten geparkt haben. Vielleicht waren es auch neun, so richtig Buch geführt hat niemand darüber, Whitacre selbst hatte am Ende keinen Überblick mehr. Um der kriminalistischen Neugier des FBI Futter zu geben, manipulierte und fabulierte er lustig in alle Richtungen drauflos - und konnte zwischen Trug und Realität irgendwann nicht mehr unterscheiden.

Immer neu beschlipst, immer neu geföhnt

Steven Soderbergh, der gerade erst mit seinem "Che"-Zweiteiler die Revolution begraben hat, legt jetzt mit "Der Informant!" einen sonderbaren Abgesang auf den Kapitalismus vor: Statt einer Börsengötterdämmerung in Pechschwarz hat er eine Wirtschaftsklamotte in Pastellfarben gedreht. Gelegentlich wirkt sein Film wie eine späte Folge der Kapitalisten-Soap "Dallas", mit dem rustikalen Rancher-Chic und den beigen Hotellobbys.

Raubtierkapitalismus? Nein, eher Streichelzoo-Feeling. Denn wenn hier ein um 15 Kilo angespeckter Matt Damon als windiger Quasselkopp mit sonderbar verrutschtem Rechtsbewusstsein mit immer neuen Sportwagen vor seinem Kleinfamilienheim auffährt, kann man ihm nicht so recht böse sein. Der Mann ist kein Protzer, kein Bösewicht, kein Hai im Nadelstreifenanzug. Mit dem gegelten Börsenguru Gordon Gekko aus "Wall Street", der die Yuppie-Folklore der 80er Jahre maßgeblich mitbegründete, hat der pummelige Schnauzerträger so gar nichts gemein.

Und doch verkörpert er das Gewinnmaximierungsprinzip auf seine Weise viel brutaler als andere, das ist der perfide Dreh in diesem durch und durch putzigen Bonzenklamauk. Denn hier haben wir jemanden, der zu seinem eigenen Vorteil so viele Lügen in die Welt setzt, bis er sie am Ende selbst glaubt. Er meint doch zum Beispiel allen Ernstes, dass man ihn in dem Unternehmen, das er mit seinen Intrigen in den Ruin zu treiben droht, nach reinigender Gerichtsverhandlung und Entlassung aller Vorstände in eine noch höhere Position versetzen wird. Kapitalismus als Krankengeschichte eines pathologischen Lügners.

Vorne Mais, hinten Profit

Obwohl Soderbergh sein Dollar-Lustspiel aus den fröhlichen Tagen der frühen 90er Jahre salopp inszeniert hat, mutet er dem Zuschauer einiges zu. Im Gewimmel immer gleich beschlipster und föhnfrisierter Anzugträger verliert man leicht den Überblick, wer hier eigentlich welchen Dreck am Stecken hat. Das Chaos ist durchaus dem Erzählprinzip geschuldet. Schließlich führt uns der (immer anders beschlipste, immer neu geföhnte) Filmheld Whitacre mit einem inneren Monolog durch die Handlung, und der liebenswerte Psycho verfügt nun mal über eine ganz eigene Weltsicht. Absolute Wahrheiten werden in diesem Film nicht präsentiert.

So hält er uns bei Laune, dieser Münchhausen der Marktwirtschaft, dieser Ulysses des Corporate America. Wie in James Joyces gleichnamigem Roman wird das Publikum mit dem schier unerschöpflichen Gedankenstrom des Protagonisten konfrontiert. Und worüber sinniert der Dollarjongleur so beim Dollarjonglieren? Über Krawatten, Eisbären, Flugmeilen und Automaten, mit deren Hilfe Tokioter Geschäftsmänner die gebrauchte Unterwäsche junger Frauen käuflich erwerben können.

Nur ganz selten kommt Whitacre, der gelernte Biochemiker, auf Dinge zu sprechen, die seine Arbeit betreffen. Zum Beispiel auf die Möglichkeiten, die der Lebensmittelzusatzstoff Lysin für seinen Industriezweig bereithält. Die Feinheiten dieses Produktionsprozesses sind den Aktionären des von ihm mitgeführten Unternehmens allerdings herzlich egal, da macht sich Whitacres keine Illusionen: "Die interessieren sich nur dafür, dass vorn Mais hineingeschüttet wird und hinten Profit rauskommt."

Warum also die Welt mit Wahrheiten langweilen, wenn die Lüge die interessanteren Verkaufsargumente liefert?

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.