Wolfgang Petersens "Troja" "Den großen Atem spüren"

Historien- und Helden-Dramen sind in Hollywood seit "Gladiator" wieder en vogue. Statt sich mit dem Zweikampf der Comicfiguren Superman und Batman zu befassen, wendet sich der deutsche Regisseur Wolfgang Petersen lieber den griechischen Sagen zu: In seinem Filmepos "Troja" wird Brad Pitt Achilles verkörpern, den Superhelden der Antike.

Von Helmut Sorge, Los Angeles


Achilles, der hehre Held der Griechen, der vor Troja fiel, weil auch die Götter irren können, ließ sich die Schweinshaxe deutscher Art schmecken.

Der Spross der Meeresgöttin Thetis und des göttlichen Zeus (wahrscheinlich war aber auch der irdische und somit sterbliche Held Peleus der Vater, wer weiß das schon nach 3000 Jahren zu behaupten), genoss nach den Haxen einen Obstler und noch einen, und ereiferte sich in der Diskussion über die widerspenstigen Trojaner, die ihre Existenz und den Zorn der Götter riskierten, eben weil sie die von Paris entführte Griechin - Schöne Helena genannt - nicht herausrücken wollten.

Jene Helena, das erzählt uns Homer in seinen 15.000 Versen, war nämlich nicht irgendein Weib, sondern die Frau von Menelaos, dem König von Sparta. Genug Stoff also für einen Krieg (weil Scheidungsanwälte in solchen Fällen überfordert sind) und für Szenen, wie sie Gustav Schwab 1837 in seinen "Sagen des klassischen Altertums" nacherzählte: "Nun tobte Achilles seinen Grimm im Handgemenge aus, und zehn tapfere Trojaner mussten ihr Leben lassen. So wütete der göttliche Held wie der Sturm im entsetzlichen Waldbrand. Seine Rosse trabten stampfend über Schilde und Leichname dahin, die Achse seiner Wagenräder troff von Blut, und bis zu den schmucken Rändern des Sitzes spritzten die Tropfen empor."

Ein Jahrzehnt lang umzingelten die Griechen die Festung, doch erst mit einem übergroßen, hölzernen Pferd konnten die Belagerer Troja erobern. Achilles fiel in einer letzten Schlacht, von Paris' Pfeil just an jener Ferse getroffen, die allein an seinem Körper verwundbar war. Er riss sich, Kerl, der er war, das Eisen aus dem Fleisch und schleuderte seinen fliehenden Feinden nach: "Lauft nur davon, auch nach meinem Tod werdet ihr meinem Speer nicht entgehen, meine Rachegötter werden euch strafen!"

Der große Zeus gab seinen Segen

Nun wird Achilles tatsächlich wieder auferstehen. Der große Zeus gab seinen Segen, und der nicht unbekannte Schauspieler Brad Pitt malte seinen Namen unter einen Vertrag, den die Filmbosse von Warner Bros. mit ihm ausgehandelt haben. Im "Black Forest", einem heimeligen deutschen Lokal im kalifornischen Santa Monica, hatte sich Pitt vom deutschen Regisseur Wolfgang Petersen bei oben erwähnter Schweinshaxe erläutern lassen, wie der dieses historische Werk umzusetzen gedenkt. Wie wohl keine andere Sage (außer der Bibel) sind die Verse Homers in der Geschichte der Menschheit nacherzählt, interpretiert, umgeschrieben worden, von Goethe und Kleist, Corneille, Shakespeare und Opern-Komponisten, verewigt von pompejanischen Künstlern auf Wandbildern, Vasen und Sarkophagen.

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Nie zuvor jedoch ist der als Kind mit Bärenmark und Lebern von Löwen und Ebern gestärkte Achilles in einem großen Hollywood-Film dargestellt worden. Petersen aber kennt ihn seit seiner Jugend: Er hat Homers Verse damals, im humanistischen Gymnasium in Hamburg, dem elitären Johanneum, "nahezu verschlungen".

Neun Jahre lang hat Petersen für das Große Latinum gepaukt, dazu sechs Jahre Griechisch, das er heute noch schreiben kann. Er erinnerte sich an edle Geschöpfe wie Dionedes, Poseidon, Odysseus oder an die Liebesgeschichte von Achilles und Deidameia, Tochter des Königs Lykonedes. In der "Ilias", der von Homer beschriebenen Welt des Altertums, lebten Giganten, die auf geschuppten Drachenschwänzen, statt auf Füßen liefen, existierte der Mensch Geryones, der drei Leiber hatte und auch sonst noch im Überfluss von den Göttern ausgestattet worden war: mit drei Köpfen, sechs Armen und sechs Füßen. Weit vor der Zeit der Feministinnen marschierte hier auch ein gefürchtetes Frauen-Volk auf - die Amazonen.

Historien-Boom in Hollywood

1200 vor Christi Geburt war das wohl, kein Archäologe kann es versichern. Und selbst darüber, ob Homer tatsächlich lebte, streiten die Gelehrten. Sicher scheint jedoch, dass sich in jener Phase der Geschichte das menschliche Wissen entwickelte, Grundlagen zur Religion und Philosophie, die "erste Morgendämmerung der Geschichte", wie Gustav Schwab formulierte. Diese Mythen, aber auch die faktisch nachvollziehbare Geschichte, haben in jüngster Zeit nicht allein Wolfgang Petersen, sondern auch seine Konkurrenz in Hollywood wieder entdeckt. Monumentale Geschichts-Epen wie "Quo Vadis" und "Ben Hur" schienen längst der Vergangenheit anzugehören, Erinnerungen an eine andere Zeit, vor allem seit Cleopatra im Jahre 1963 trotz Elizabeth Taylor in der Hauptrolle den Zorn der Götter und der Kritiker auf sich zog, und das produzierende Studio in finanzielle Turbulenzen trieb.

Doch seit der mit zahlreichen Oscar-Statuen geehrte "Gladiator" nahezu eine halbe Milliarde Dollar einspielte und die Branche, so Petersen, "wirklich überraschte", sind Klassiker plötzlich wieder en vogue: Fox lässt Alexander den Großen wieder auferstehen, Sony will Hannibal mit seinen Elefanten über die Alpen treiben, und Universal erzählt, wie sich 300 Spartaner und ihre 3000 griechischen Verbündeten 480 vor Christi in der Schlacht von Thermopyla für einige Tage gegen zwei Millionen Perser verteidigen.

Achilles-Darsteller Pitt: Superheld der Antike
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"Endlich", freut sich Petersen, werde er "wieder Zeit haben, eine Geschichte zu erzählen" und die "Figuren ohne Hast" zu entwickeln. Vor 20 Jahren hatte er diese Chance zuletzt bekommen: Mit seinem Welterfolg "Das Boot". Der Mensch stand im Mittelpunkt, nicht die Politik und der Wahn der Mächtigen, die die U-Bootbesatzungen aus der Normalität, der bürgerlichen Berechenbarkeit, ins Inferno abkommandierten.

Die Zuschauer, so meint der Regisseur, haben "jetzt wahrscheinlich genug, von platten, flachen Hollywood-Sommergeschichten, den schnellen Schnitten, Explosion nach Explosion". Sie wollen sich "wieder in größeren Geschichten verlieren", den "großen Atem spüren". Eigentlich wollte Petersen zunächst eine von ihm entwickelte Geschichte, "Superman vs. Batman" verfilmen, aber Warner will es wohl doch noch nicht wagen, zwei verstaubte Helden in einem kostspieligen Mega-Film vorzuführen. Sie boten ihm an, nur "Superman" zu drehen - doch er lehnte ab.

"Interessiert dich Troja?"

"Interessiert dich Troja?", wollten die Studio-Bosse kurz danach von Petersen wissen, dessen Filme ("Air Force One", "The Perfect Storm") insgesamt weit mehr als eine Milliarde Dollar eingespielt haben. Natürlich interessierte es ihn. Er war unentwegt auf der Suche nach einem epischen Stoff, der visuelles Spektakel garantierte und in dem auch "Stille eine Aussage sein kann". Überdies garantiert die Troja-Story Liebe, Intrigen und Helden - Achilles eben.

Tausende Soldaten werden aufmarschieren, wahrscheinlich in Marokko, die Fetzen und die Speere werden fliegen. Die antike Stadt Troja wird auf Malta wieder aufgebaut (zumindest die Festungsmauern, um die Achilles seinen trojanischen Rivalen Hektor hetzte, das Tor, durch das die Verteidiger das Holz-Pferd zogen, in dem sich griechische Elitesoldaten verbargen), an Hand der Troja-Überreste, die der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann vor 121 Jahren am Hisarlik entdeckte, einem Erdhügel an der türkischen Westküste.

"Eine ganz große Herausforderung", weiß Petersen, sei dieser Film, der auf mindestens zwei Stunden und 45 Minuten geschnitten wird, eben weil es "eine große Geschichte ist". Statt der üblichen 120 Drehbuchseiten ist "Troja" auf 170 angelegt. 140 Millionen Dollar soll das Werk kosten, die Marketing-Rechnungen nicht eingeschlossen. Folglich, so Petersen, ist "der Druck so groß wie die Erwartungen". Am 1. April nächsten Jahres, so die Planung, werden die Dreharbeiten beginnen. "Ein wirklich hartes Stück Arbeit steht bevor", sagt der Regisseur, doch in den nächsten Wochen ist sein Terminkalender auch mit schönen Stunden besetzt: Der gebürtige Norddeutsche sucht die Schauspieler für seine zehn bis zwölf weiteren Hauptrollen aus, darunter natürlich auch eine Helena.

Da die Griechin zu einer der schönsten Frauen der Helden-Saga zählte, bleibt dem deutschen Filmemacher, der immerhin vor 25 Jahren Nastassja Kinski entdeckte, keine Wahl: "Ich muss mir die schönsten Frauen der Welt ansehen". Zeus, ganz sicher, wird auf einer Wolke schweben und über Petersen wachen.



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