Wolfgang Petersens "Troja" Heldendämmerung

Der deutsche Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen verwandelte Homers "Ilias" in pralles Popcorn-Kino. "Troja" besticht allerdings kaum durch seine opulenten Schauwerte, sondern funktioniert vor allem als Psychogramm zweier frustrierter Superhelden.

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Halbgott Achilles (Brad Pitt): Blonder Beau mit Frustpotenzial
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Halbgott Achilles (Brad Pitt): Blonder Beau mit Frustpotenzial

Es ist schon ein Kreuz mit diesen Super-Söldnern. Griechenkönig Agamemnon steht auf dem Schlachtfeld und braucht nichts dringender als seinen Joker, den unbesiegbaren Mega-Killer Achilles, der ihm mal wieder die Kastanien aus dem machtgierig entfachten Kriegsfeuer holen soll. Der blonde Beau liegt aber leider noch in den Federn, zugedeckt von einer lieblichen Bettdecke aus nackten Frauenleibern, und raunzt den herbeigeeilten Boten missmutig an, er würde den blöden Krieg schon noch früh genug gewinnen.

Tut er dann auch. Dem hünenhaften Krieger, den die Gegenseite ins Feld geschickt hat, springt er locker flockig entgegen und rammt ihm ein Schwert in den Nacken. Eine Sache von Sekunden: Krieg gewonnen, Griechen glücklich, König mächtiger als je zuvor. Nur Achilles selbst wirkt irgendwie immer noch schlecht gelaunt.

Trojaner-Prinz Hektor (Eric Bana, M.): Genervtes Grunzen
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Trojaner-Prinz Hektor (Eric Bana, M.): Genervtes Grunzen

Diese durchaus amüsante Sequenz eröffnet einen der teuersten Hollywood-Filme seit "Titanic". Knapp 200 Millionen Dollar durfte der deutsche Regisseur Wolfgang Petersen verjubeln, um die klassischste aller Tragödien zu verfilmen. Dass seine fast dreistündige Leinwand-Version der "Ilias", dem Kampf der Griechen um Troja und das erbitterte Duell der beiden Heldenfiguren Hektor und Achilles, nicht zum langweiligen und - atmigen Sandalen-Epos wurde, ist vor allem Drehbuch und Darstellerriege zu verdanken.

Lange lag der Plan, Homers Heldensage zu verfilmen, auf den Schreibtischen der Hollywood-Bosse herum, doch keiner traute sich so recht an den pompösen Antikengesang heran. Erst als der für seine Arbeit an Spike Lees New-York-Melodram "25th Hour" zu Recht gelobte Autor David Benioff ein Skript vorlegte, das mehr Zwischenmenschliches als Schlachtengetümmel verhieß, kamen die Mühlen in Gang. Auch Petersen, der für Warner Bros. eigentlich zwei ganz andere Superhelden gegeneinander antreten lassen sollte, ließ sich nun bereitwillig von der Planung des Comic-Spektakels "Batman vs. Superman" weglocken.

Streitobjekt Helena (Diane Krüger): Schön, aber einfältig
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Streitobjekt Helena (Diane Krüger): Schön, aber einfältig

Das kürzlich in Berlin uraufgeführte Historien-Spektakel "Troja" erzählt zunächst die altbekannte Story: Der junge Trojanerprinz Paris (Orlando Bloom) verliebt sich in die Frau des Spartaner-Königs Menelaos (Brendan Gleeson) und entführt sie in seine Heimatstadt. Sehr zum Unmut seines älteren Bruders Hektor (Eric Bana), einem erfahrenen Krieger, der ahnt, dass Paris' ungestümer Akt wohl Ärger geben wird. Menelaos nämlich ist wiederum der Bruder des Griechen-Herrschers Agamemnon (Brian Cox), der - siehe oben - schon lange auf eine Gelegenheit wartete, seinem Riesenreich auch Troja einzuverleiben. Flugs sind 1000 Galeeren mit Soldaten befüllt und das ganze Griechenheer nimmt Kurs auf die idyllische Stadt am Bosporus, wo König Priamos (Peter O'Toole) nichts ahnend den Ruhm seiner angeblich uneinnehmbaren Stadtmauern genießt.

Petersen und Benioff verzichteten auf die Einbindung der griechischen Götter als eitle Schicksalsgeber (Petersen: "Wer hätte denn die Götter spielen sollen? Woody Allen? Oder Dennis Hopper?") und konzentrierten sich ganz auf die universelle Geschichte von Liebe, die Krieg gebiert und Gewalt, die Gegengewalt erzeugt. Dabei verneigt sich der Regisseur nicht nur ausgiebig vor den Meistern des Monumentalfilms und lässt Peter O'Toole mit aufgerissenen Lawrence-von-Arabien-Augen auf die brennende Stadt starren, er zitiert auch fröhlich die Pioniere des Sandalen-Genres, indem der Heerscharen von Komparsen mit Lederröckchen, Pappschild und Plastikbrustpanzer ausstattet.

Trojaner-König Priamos (Peter O'Toole): Hommage an Monumentalmeister
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Trojaner-König Priamos (Peter O'Toole): Hommage an Monumentalmeister

Die Landung am Strand von Troja inszeniert Petersen hingegen wie einst Spielberg die Invasion der Alliierten am Omaha Beach, nur, dass die Griechen halt nicht als Befreier anlanden, sondern als imperialistische Sturmtruppen. Die Kritik am Gebaren der aktuellen US-Regierung im Irak, die Petersen in Interviews freimütig übt, kommt hier mehr oder minder subtil zum Tragen: Agamemnon ist ein dekadenter Clown, der von Brian Cox mit dem irren Blick der Machtgeilheit ausgestattet wird. Sein Bruder Menelaos ist ein ungeschlachter Klotz, der sich - dumm gelaufen - seine bildschöne, aber einfältige Frau (Diane Krüger) von einem smarten Jüngling ausspannen lässt. Ein US-Kritiker beschrieb die Griechenfürsten von "Troja" als in die Jahre gekommene Motorradrocker. Man könnte auch einfach Barbaren sagen: Von der feinsinnigen Hochkultur der Antike fehlt jede Spur. "Man braucht Krieg, um Macht zu schmieden", ist Agamemnons Motto.

Vor allem aber braucht er Achilles, den Superkiller, dem es nahezu egal ist, wem er seine Dienste leiht. Widerwillig zieht der Halbgott mit den Griechen in die Schlacht um Troja. Notdürftig motiviert er sich damit, dass es ja nun einmal die Schlacht aller Schlachten sei und vielleicht der Eintrag seines Namens in die Geschichtsbücher dabei herausspringen könnte.

Trojanisches Pferd der Griechen: Schauwerte im teuersten Hollywood-Film des Jahres
AP / Warner Bros.

Trojanisches Pferd der Griechen: Schauwerte im teuersten Hollywood-Film des Jahres

Die gewagte Besetzung des antiken Helden mit dem Popkultur-Idol Brad Pitt erweist sich hierbei als Glücksgriff. Der Hollywood-Schönling spielt den Unbesiegbaren mit einem verächtlichen Zug. Noch ein Krieg? na gut, wenn's sein muss, scheint er innerlich zu seufzen. Pitt erinnert dabei an seinen Tyler Durden aus "Fight Club", der so abgestumpft ist, dass er Prügeleien anzettelt, um wenigstens den Schmerz als intensivste aller Empfindungen noch zu spüren. Auch an Superman muss man denken, wie er zuweilen grüblerisch in seiner Festung der Einsamkeit hockt und mit der Ewigkeit hadert. Vielleicht hatte sich Petersen vor Troja schon ein bisschen zu viel mit dem Comic-Stoff befasst.

Denn wenn Achilles als demoralisierter Superman daher kommt, dann trifft er mit Hektor auf einen frustrierten Batman, der die Nase voll vom Töten und seiner verantwortungsvollen Rolle als aufrechter Trojaner-Prinz hat. Zu den schönsten Momenten in "Troja" zählt die Szene, als Paris seinem Bruder auf dem Schiff in die Heimat von der Entführung Helenas berichtet. Eric Bana versöhnt den Zuschauer hier grandios mit seinem jüngsten Versagen als "Hulk": Hektors Augen verdrehen sich genervt nach oben, angewidert und mit einem qequälten Grunzen wendet er sich ab. Superhelden haben's schwer, das steht den Übermännern deutlich ins Gesicht geschrieben.

Zum Höhepunkt gerät - digitale Massenschlachten hin, Trojanisches Pferd her - letztlich das Zusammentreffen der beiden Helden in einem einsamen Zweikampf vor der Toren Trojas. Achilles hat sich inzwischen in die gottesfürchtige Trojanerin Briseis (Rose Byrne) verliebt. Mit dem zynischen Spruch "Die Götter sind neidisch auf uns, weil wir sterblich sind", beeindruckt er sie mächtig, vergisst dabei aber offenbar, dass er selbst nur erneut in den Krieg zog, um Unsterblichkeit zu erlangen.

Ähnlich ambivalent rumort es in Hektor, dem Bodenständigen, der eigentlich nur noch ein beschauliches Leben als braver Familienvater im Sinn hat, aber stattdessen erst seinen feigen Bruder Paris vor dem Zorn Menelaos' beschützen muss und dann auch noch Troja vor der Griechenhorde retten soll. Den einen rufen Pflicht und Vaterland, der andere will am Ende nur noch seinen von Hektor irrtümlich ermordeten Vetter Patroclus (Garrett Hedlund) rächen. Gewalt und Rache ist alles, worauf der gefühlskalte Killer als Erwiderung zurückgreifen kann. Vereint in ihrer Resignation liefern sich die beiden ein zerstörerisches Duell, bei dem einer den Kürzeren zieht. Der anderen folgt - man weiß es ja - am Ende nach, wenngleich weitaus unspektakulärer.

Was bleibt? Tausende Tote, eine zerstörte Stadt, in der einst Zivilisation und Schöngeist herrschten, zwei Frauen, die ihre Geliebten betrauern, und die schöne Helena, die ganz modern zu ihrem Paris, dem einzigen Überlebenden der Männerriege sagt: "Ich will keinen Helden, sondern einen Mann, der für mich da ist". Recht hat sie. Krieg, das rieb uns Wolfgang Petersen ja auch schon einst beim "Boot" unter die Nase, ist zwar menschlich, aber sinnlos.

"Troja" indes ist ein unterhaltsames und handfestes Popcorn-Event, dem man einige Längen und Pathos-schwangere Dialoge gerne verzeiht. Wer im Sandalen-Genre, wo Männer schwitzen und Muskeln glänzen müssen, auch noch nach ästhetischer Eleganz sucht, kann "Gladiator" gucken. Oder Homer lesen.


Troja (Troy)


USA 2004. Regie: Wolfgang Petersen. Buch: David Benioff. Darsteller: Brad Pitt, Eric Bana, Orlando Bloom, Peter O'Toole, Brian Cox, Brendan Gleeson, Diane Krüger, Sean Bean, Julie Christie, Saffron Burrows, Rose Byrne. Produktion: Warner Bros., Radiant Pictures, Village Roadshow Pictures, Plan B Films. Verleih: Warner Bros.. Länge: 163 Minuten. Start: 13. Mai 2004



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