Woody Allen "Jeder Film ist eine Therapie"

Mit der fiktiven Jazz-Biografie "Sweet And Lowdown" erfüllte sich Woody Allen einen langgehegten Wunsch. Ein Gespräch über Superman, Thomas Mann und simplen Überlebenswillen als einzigen Antrieb.

Von Ulrich Lössl


"Ich bin New-York-imprägniert"
DPA

"Ich bin New-York-imprägniert"

SPIEGEL ONLINE:

Was inspirierte Sie zur fingierten Lebensgeschichte von Emmet Ray?

Allen:Ich wollte schon lange ein Jazz-Movie im Stil von "Zelig" und "Broadway Danny Rose" machen, also pseudo-dokumentarisch eine Geschichte erzählen. Deswegen habe ich Emmet Ray erfunden. Über "Sweet And Lowdown" freue ich mich besonders, weil im Film viele meiner Lieblingsstücke gespielt werden. Es swingt richtig.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie als leidenschaftlicher Klarinettist nur Regie geführt und nicht selbst mitgespielt?

Allen: Weil es keine Rolle für mich gab. Außerdem trete ich ja als Kommentator auf. Ich äußere mich über einen Menschen, den es eigentlich nicht gibt. Ist das nicht komisch?

SPIEGEL ONLINE: Ihre Witze sind im Laufe der Jahre sehr sophisticated geworden. Früher fabrizierten Sie lupenreinen Comic-Humor...

Allen: Das lag daran, dass ich bis zu meinem 18. Lebensjahr nur Comics gelesen habe - vor allem Superman. Und früher habe ich ja Witze am Fließband produziert: Ich saß mit Kollegen in einem Büro und wir haben seitenweise Witze aufgeschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Lesen Sie heute noch "Superman"?

Allen: Nein. Schon lange nicht mehr. Mein erstes richtiges Lese-Erlebnis verdanke ich Ernest Hemingway. Mit seinen Short Storys habe ich das Bücherlesen begonnen.

Sean Penn als Emmet Ray in "Sweet and lowdown"
ARTHAUS

Sean Penn als Emmet Ray in "Sweet and lowdown"

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Lieblingsschriftsteller?

Allen: Viele. Aber auf Deutschland bezogen schätze ich Thomas Mann über die Maßen. Vor allem seine "Buddenbrooks" habe ich mit dem größten Vergnügen gelesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten in den USA als vom europäischen Kino beeinflusster Filmemacher. Aber eigentlich hat doch alles, was Sie machen, den New York-Touch?

Allen: Das sehe ich genauso. Ich ziehe aus New York eine einzigartige urbane Sensibilität. Es gibt da einen ganz bestimmten Rhythmus, der sich schwer beschreiben lässt. Und natürlich jede Menge herrlicher Neurosen. Ich bin in der Bronx geboren, in Brooklyn aufgewachsen und lebe seit Jahren in Manhattan. Ich bin sozusagen New-York-imprägniert. Und ganz gleich, wo ich mich auf der Welt befinde - eigentlich bin ich in New York.

SPIEGEL ONLINE: Stellen Sie sich vor, Sie wären in Detroit geboren - was wäre wohl dann aus Ihnen geworden?

Allen: Interessantes Gedankenspiel. Aber sehen Sie, Barry Levinson ist in Baltimore aufgewachsen, und er macht wunderschöne Filme über das Leben dort. Vielleicht wäre aus mir ein Detroit-Chronist geworden, wer weiß?

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie ein blonder, athletischer, 1-Meter-80-Mann ohne Brille wären - sähe Ihr Leben anders aus?

Allen: Mein Leben? Schwer zu sagen... Ich hätte sicher als Schauspieler andere Typen verkörpert und somit in kommerzielleren Filmen mitgespielt. In den USA ist dieser Look, den sie ansprechen, sehr populär.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ein Künstler?

Allen: Nein, ich sehe mich als eine Showbusiness-Persönlichkeit. Ich bin ein Cabaret-Komiker, der die Leute unterhalten will - allerdings auf seine Weise. Manchmal gelingt es mir, manchmal nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mehr glückliche als unglückliche Tage in Ihrem Leben gehabt?

Allen: Das ist eine Definitionsfrage. Wenn Glück eine Art Extra-Bonus bedeutet, dann würde ich die Frage verneinen. Wenn aber, wie Dostojewskij meinte, jeder Tag, an dem man lebt, ein glücklicher Tag ist - dann müsste ich freilich ja sagen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre Hauptantriebskraft im Leben?

Allen: Sie meinen, was mich dazu bringt, jeden Morgen aufzustehen? Ich glaube, simpler Überlebenswille. Wenn ich im Bett bliebe, würde ich sehr schnell depressiv werden. Da gehe ich lieber unter die Dusche und lasse mich von den trivialen Anforderungen des Lebens ablenken. Ich schreibe, übe Klarinette, gehe ins Kino, schaue mir ein Basketball-Spiel im Fernsehen an oder spiele mit meiner Tochter. Diese Dinge erlauben es mir, mich vor meiner natürlichen Traurigkeit zu verstecken.

SPIEGEL ONLINE: Das Leben als Ablenkung?

Allen: Ganz genau. Das Ziel ist, sich vom Schmerz, am Leben zu sein, so oft wie möglich abzulenken. Deswegen arbeite ich auch so gerne. Jeder Film ist eine Therapie.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Ihren Seelenzustand an Ihren Filmen ablesen?

Allen: Ja, aber er ist immer diametral entgegengesetzt. Wenn ich depressiv bin, schreibe ich einen sehr lustigen Film. Nur wenn ich ausgeglichen und froh bin, fühle ich mich bereit einen sehr ernsten Film zu machen. Alles andere wäre Selbstmord.



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