Woody Allens "Blue Jasmine" Königin Cate im freien Fall

In "Blue Jasmine" lässt Woody Allen eine blasierte High-Society-Frau über die faulen Börsengeschäfte ihres Mannes stürzen. Statt Geschlechterklamauk gelingt Allen damit eine scharfsinnige Tragödie über Anmaßung - und Hauptdarstellerin Cate Blanchett eine wahre Meisterleistung.
Woody Allens "Blue Jasmine": Königin Cate im freien Fall

Woody Allens "Blue Jasmine": Königin Cate im freien Fall

Foto: Warner Bros.

Längst hatten wir uns dran gewöhnt, den alljährlich in unseren Kinos anlaufenden neuen Woody-Allen-Film zu begrüßen wie im Hausflur den netten Alzheimer-Opa von nebenan. Früher war der Kerl möglicherweise ein brillanter Spaßvogel - vielleicht trügt da auch unsere Erinnerung ein wenig -, inzwischen aber reißt er leider bei jeder Begegnung denselben Witz. Einen Witz, der ein bisschen zotig, sehr harmlos und brutal altmodisch ist (es kommen zuverlässig junge Frauen darin vor und irgendein europäischer Städtename), der aber beim neunten oder 15. Wiedererzählen ganz sicher nicht noch lustiger wird.

Jetzt aber schockt uns der 77-jährige Regisseur mit "Blue Jasmine". Er erzählt nicht bloß irgendeinen überraschend neuen Witz, sondern eine scharfsinnige, todernste Tragödie. Deren Heldin kommt mit einem Erste-Klasse-Ticket nach Kalifornien geflogen, trägt ein Chanel-Jäckchen, eine Perlenkette und eine riesige Louis-Vuitton-Tasche und steht plötzlich in einer ziemlich ärmlichen Straße von San Francisco vor einer verschlossenen Wohnungstür herum - so zerrupft, als habe man sie aus großer Höhe ohne Fallschirm abgeworfen.

Cate Blanchett spielt Jasmine, eine Frau aus der New Yorker High Society, die aus ihrem Leben in Saus und Braus herauskatapultiert wurde, weil ihr Mann als betrügerischer Börsenhai entlarvt ist und im Knast schmoren muss bis ans Ende seiner Tage: Der Investment-Typ, den Alec Baldwin da in Rückblickszenen auf die Leinwand ölt, ist nach dem Vorbild des realen Milliardenverschleuderers Bernie Madoff modelliert.

Ohne Glanz und Gloria

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"Blue Jasmine": Endstation Sehnsucht im Hochkapitalismus

Foto: Warner Bros.

Aus erst nach und nach vollständig enthüllten Gründen ist Jasmine total pleite und ziemlich allein. Ihre reichen Freundinnen, ihr eigener erwachsener Sohn und offensichtlich sogar ihre Nervenärzte wollen nichts mehr von ihr wissen. Deshalb sucht sie nun bei ihrer aschenputteligen Adoptivschwester Ginger (gespielt von der notorisch schrillen Sally Hawkins) Zuflucht, einer Supermarktkassiererin mit Hang zu proletigen Verlierertypen (Bobby Cannavale, den manche aus der TV-Serie "Cold Case" kennen).

"Blue Jasmine" ist ein großartiger Horrorfilm aus dem Hochkapitalismus, der sich ganz auf Cate Blanchett konzentriert. Auf eine Frau im freien Fall, die in einem Moment strahlend schön, unnahbar und stolz sein kann und sich im nächsten Augenblick in einen zitternden Haufen Elend verwandelt. Die sich ständig Tabletten in den Rachen wirft, sich augenrollend über die lärmenden Freunde ihrer Schwester empört und absolut entgeistert dreinblickt, als ihr die Idee angetragen wird, sie könnte mit einem Job als Sprechstundenhilfe bei einem Zahnarzt zum ersten Mal im Leben selber ein paar Dollars verdienen.

Wir sehen einer so genannten Trophäenfrau, die auf der Müllkippe des Lebens zu landen droht, dabei zu, wie sie einerseits versucht, Kontakt mit der schäbigen Wirklichkeit aufzunehmen, wie sie andererseits aber die allermeiste Zeit über in ihrem alten Verblendungzusammenhang verharrt. Mitten in der Unterklassenwelt von San Francisco spreizt sich diese Jasmine, als stehe sie immer noch auf der Terrasse ihrer längst versteigerten Villa in den Hamptons und prüfe mit der Zehenspitze die Temperatur des Swimmingpools.

Die Schauspielerin Blanchett hat vor einiger Zeit in einem Broadway-Theater eine gleichfalls Geistesverwirrte gespielt, die gleichfalls bei ihrer Schwester einzieht und gleichfalls mit deren Proll-Lover (einem Mann namens Kowalski) aneinandergerät: die Rolle der Blanche DuBois in "Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams.

Anschluss ans alte Edelluder-Leben

Trotzdem ist "Blue Jasmine" viel mehr als nur eine Aktualisierung des Theaterklassikers aus dem Jahr 1947. Nebenbei erzählt Woody Allen nicht bloß vom luxuriösen Irrsinn der Wall-Street-Könige unserer Zeit, sondern er erinnert voller Grimm auch an eigene Verletzungen. So spiegelt sich im Hass, den Jasmines Sohn nach der katastrophalen Trennung seiner Eltern auf seine Mutter schiebt, sehr deutlich das Elend, das Allen einst nach seiner Scheidung von Mia Farrow mit seiner Adoptivtochter Dylan erlebte, die bis heute jeden Umgang mit ihm verweigert und ihn des Missbrauchs bezichtigt.

Natürlich gibt es einiges zu lachen in diesem Woody-Allen-Film, der angeblich sein 44. ist. So ist die nervöse Heldin in San Francisco allerlei absurden erotischen Nachstellungen ausgesetzt, wenn unter anderem der gruselige Doktor, in dessen Praxis sie arbeitet, ihr an die Wäsche will. Trotzdem opfert der Regisseur das Drama im Zentrum des Films diesmal nicht dem Allen-typischen Peinlichkeitsklamauk zwischen den Geschlechtern, für den ihn die wirklich treuen Fans (viele von ihnen schieben sich inzwischen mit Rollatoren ins Kino) seit "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten..." aus dem Jahr 1972 inbrünstig lieben.

"Blue Jasmine" ist Cate Blanchetts Show. Wir sehen ihrer Heldin zu, wie sie in San Francisco mit einem neuen reichen Lover (Peter Sarsgaard) Anschluss zu finden versucht an ihr altes Edelluder-Leben, wie sie sich verzweifelt in neue Lügen verstrickt und sich abstrampelt für eine zweite Chance. Und wir leiden und hoffen mit ihr, wie wir es noch mit keiner von Woody Allens Figuren getan haben.

Vielleicht ist das der eigentliche Witz an diesem Film: Er erzählt nicht von den bedingt liebenswerten, zuletzt immer abseitigeren Schrullen eines älteren Herrn, sondern von der dringlichen, herzzerreißenden, wenngleich absolut verkommenen Lebensnot einer Frau in den besten Jahren, die sich zu Höherem geboren fühlt. Wir bestaunen Jasmines Aufstieg, Fall und ihre zumindest zeitweilig möglich erscheinende Neuerfindung als große Dame. Ein echtes Königinnendrama.

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