Workshop Hollywood Wolfgang-Petersen- Produzentin Katz an der Spitze der Revolution

Einmal im Monat berichten Autoren und Regisseure, Agenten und Produzenten für SPIEGEL ONLINE von Hollywoods Projekten von morgen und übermorgen. Diesmal: Wolfgang Petersens Produzentin Gail Katz.

Von Rüdiger Sturm


Ihre Karriere als Produzentin begann mit einem Sprung ins kalte Wasser. Ende der achtziger Jahre hatte Gail Katz die Leitung der Produktionsabteilung von New World Pictures übernommen. Als sie herausfand, dass ihre Firma Wolfgang Petersens Projekt "Plastic Nightmare" entwickelte, kümmerte sie sich persönlich darum. Denn: "Wolfgang war die talentierteste Person, die für uns arbeitete." Dann platzte der Deal, und Gail Katz sagte ihrer Firma Adieu, um mit Petersens Hollywood-Debüt den Start als freie Produzentin zu wagen. "Eine aufregende Zeit", erinnert sie sich, "zumal ich auch noch mit meinem ersten Kind schwanger war."

Zunächst sah die Zukunft eher düster aus: Der Streifen, der unter dem Titel "Shattered" beziehungweise "Tod im Spiegel" in die Kinos kam, floppte, und Gail Katz sah ihre junge Karriere vor dem Ende. Doch dann lernte sie eine Hollywood-Wahrheit: "Wenn du einen richtigen Sturm überstehen kannst, hast in diesem Geschäft viele Leben."

Die berufliche Ehe mit Wolfgang Petersen hielt, und mit "In the Line of Fire", den sie für ihren bisher besten Film hält, startete eine seitdem selten getrübte Erfolgssträhne. Doch noch nie verfügte die Mittvierzigerin über so viel Macht wie jetzt. Mit millionenschwerer Finanzierung durch die deutsche Advanced Medien AG gründete Petersen im vergangenen Jahr die Firma Red Cliff Productions, um aus eigenen Mitteln Hollywood-Filme zu realisieren. Die Leitung von Red Cliff liegt in Katz' Händen. Als erstes Projekt ist der psychologische Thriller "Fear Itself" nach einem Drehbuch von Patrick Cirillo geplant. Die Geschichte handelt von einem brillanten, aber schizophrenen Paranoiker, der eine Verschwörung um einen Präsidentschaftskandidaten aufdeckt, aber niemanden davon überzeugen kann. Einige Top-Regisseure und -Stars meldeten bereits Interesse an. Sollte der für Sommer befürchtete Autorenstreik ausbleiben, wird Katz wahrscheinlich im Herbst mit den Produktionsvorbereitungen beginnen. Weiter entfernt von der Drehreife sind Skripts wie der Actionthriller "Ten Good Men" oder die Adaption von Jefferey Deavers Bestseller "Devil's Teardrop".

Mit Red Cliff steht Gail Katz an der Speerspitze einer kleinen Hollywood-Revolution. Die namhaften Produzenten suchen sich das Geld für ihre Filme lieber auf den Finanzmärkten, anstatt bei den großen Studios anzuklopfen. Die sind nur noch als reiner Vertriebskanal interessant, während die neue Produzentengarde die Rechte an diesen Filmen selbst kontrolliert und auswertet. Gail Katz hat mit dem alten System auch ihre unliebsamen Erfahrungen gemacht. Vor zwei Jahren wurde ihr Projekt "Bicentennial Man" von Warner Bros. und Regisseur Chris Columbus vermurkst, da sie sich zur gleichen Zeit auf die Produktion von "Der Sturm" konzentrieren musste.

Mit ihrem bequemen Finanzpolster im Rücken sucht sich Katz andere Themen aus als früher: "Die Frage lautet nicht mehr: Kann ich das einem Studio verkaufen, sondern will ich mein eigenes Geld da reinstecken?" So wagt sie sich auch an Stoffe, die nicht dem gewohnten Hollywood-Standard entsprechen, etwa die Verfilmung von Harold Nebenzals historischem Roman "Café Berlin". Dass sie eine deutsche Geschichte anpackt, ist Zufall. Trotz der Münchner Investoren sind keine Coproduktionen mit Deutschland geplant. Die Projektpalette ist ohnehin groß genug. Denn Gail Katz betreut weiterhin die Produktionen von Petersens Firma Radiant. Vor kurzem verkauften die beiden zwei Pilotfilme an amerikanische Fernsehsender, darunter den Serienstoff "The Agency" über die CIA. Für die größte Vorfreude sorgt bei ihr allerdings ein Hollywood-Streifen alter Schule: Wolfgang Petersens lang geplanter Film über die spektakuläre Antarktis-Expedition der "Endurance". Vor wenigen Tagen lieferte Autor Dan Gilroy die hoffentlich definitive Drehbuchfassung ab. Als Besetzung für den Polarforscher Ernest Shackleton wird neben Mel Gibson nun auch Russell Crowe diskutiert. In den nächsten zwei Jahren sollen endlich die Dreharbeiten starten. Damit erfüllt sich für Katz vielleicht ein lang gehegter Traum: einen Klassiker vom Range "Schindlers Liste" zu produzieren.



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