Zombie-Blockbuster "World War Z" All die schönen Leichen

Eine Zombie-Plage sucht die Erde heim - und Hollywood-Held Brad Pitt muss nicht nur die Welt retten, sondern auch die wahnwitzige Summe von 250 Millionen Dollar, die sein neuer Film gekostet haben soll. Könnte klappen, denn das befürchtete Geldgrab "World War Z" sieht oft genug grandios aus.
Zombie-Blockbuster "World War Z": All die schönen Leichen

Zombie-Blockbuster "World War Z": All die schönen Leichen

Foto: Paramount

Brad Pitt steht auf dem Dachsims eines Hochhauses, unter sich die verwüsteten Straßen Philadelphias, hinter sich eine Horde rasender Untoter. Er hat - samt Frau und Kindern - gerade noch rechtzeitig den rettenden Hubschrauber erreicht, doch beim Handgemenge mit den rabiaten Zombies verletzt er sich. Ungewiss, ob er infiziert ist und im nächsten Augenblick selbst zum gedankenlosen Alptraum auf zwei Beinen mutiert, hält er inne - um sich im Fall einer Verwandlung in die Tiefe zu stürzen.

Der am Abgrund balancierende Brad Pitt ist mehr als nur eine dramatische Momentaufnahme in "World War Z", einem Film über eine apokalyptische Pandemie, die den Großteil der Weltbevölkerung dahinrafft und als lebende Leichen auferstehen lässt. Er ist Sinnbild für eine von gravierenden Problemen geplagte Hollywood-Produktion, die bereits dem Untergang geweiht schien und nun zum Erfolg verdammt ist.

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"World War Z": Zurück aus dem Geldgrab

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Jüngst veröffentlichte die US-Ausgabe der "Vanity Fair" unter dem Titel "Brad's War" einen detailreichen Artikel über die lange und verquere Genese des Films . Ungewöhnlich und erfrischend ist die Offenheit, mit der maßgeblich Beteiligte darin Auskunft geben. Die Chronologie des Grauens hinter der Kamera beginnt im Jahr 2006, als Pitts Produktionsfirma Plan B für eine Million Dollar die Filmrechte an Max Brooks' Buch "World War Z: An Oral History of the Zombie War" erwarb. Der Roman schildert in Form von Augenzeugenberichten die Folgen einer globalen Zombie-Plage und kreuzt dabei herben Horror mit düsterer Polit-Satire.

Also ein Genrestoff - populär, aber nicht unbedingt zur globalen Familienunterhaltung tauglich. Doch Paramount, als Studio akut auf der Suche nach Franchise-tauglichem Material, sah darin Potential für eine Filmreihe: Illustre Schauplätze in aller Welt, spektakuläre Action und mittendrin Brad Pitt, für den die Heldenrolle des Uno-Mitarbeiters Gerry Lane - die sich so nicht in der Vorlage findet - entwickelt wurde. Was kann da schon schiefgehen? Nahezu alles.

Horror zu Höchstpreisen

2011 begannen auf Malta die Dreharbeiten unter Regisseur Marc Forster ("Monster's Ball", "Quantum of Solace"). Zu diesem Zeitpunkt gab es zwar mehrere Drehbuchfassungen verschiedener Autoren, aber noch immer keinen definitiven dritten Akt. Das ohnehin schon hoch angesetzte Budget explodierte alsbald. Ein mit kapitalen Kosten gedrehter Showdown wurde wieder verworfen, und im Frühjahr 2012 hatte man nach diversen logistischen und kreativen Krisen einen 70-minütigen Rohschnitt ohne befriedigenden Schluss. Mit Damon Lindelof ("Prometheus", "Star Trek Into Darkness") und Drew Goddard ("Cloverfield", "The Cabin in the Woods") zog man weitere Autoren hinzu, und letztlich schrieb Goddard ein komplett neues Finale.

Die dafür nachgedrehten Szenen markieren im fertigen Film eine abrupte dramaturgische wie ästhetische Kehrtwende vom ausladenden Doomsday-Szenario hin zum klaustrophoben Kammerspiel. Aber, und dies ist die größte Überraschung, es funktioniert: Ungeachtet seiner verunfallten Entstehung ist "World War Z" solide, bisweilen sogar mitreißend. Nicht weil er inhaltlich etwas Neues zum Subgenre des Zombiefilms beizutragen hätte: Von George A. Romeros ideologiekritischen Klassikern "Night of the Living Dead" (1968) und "Dawn of the Dead" (1978) über Danny Boyles virtuose Dystopie "28 Days Later" (2002) bis hin zur komödiantischen Hommage "Shaun of the Dead" (2004) mangelt es wahrlich nicht an Erzählvarianten. Dazu zählt auch die aktuelle Renaissance der Untoten in der erfolgreichen US-Kabelserie "The Walking Dead".

Die schiere Wucht und Dimension der Bilder hebt diesen Film jedoch von seinen Vorläufern ab: Wenn Gerry Lane auf der Suche nach Ursprung der Seuche und möglichen Gegenmitteln rund um den umkämpften Erdball hetzt, geschieht das insbesondere in der ersten, atemlosen Stunde mit einer im meist sparsam finanzierten Horrorsegment ungewohnten, visuellen Grandezza. "World War Z" mag ein Geldgrab sein, doch man sieht die Summen auf der Leinwand.

Furios etwa der Zwischenstopp in Jerusalem, wo sich Zombiemassen buchstäblich zur Attacke auftürmen und Lane zur rasanten Flucht durch die im Chaos versinkende Altstadt zwingen. Quasi im Vorbeilaufen bekommt er dabei eine kompetente Partnerin in Gestalt der IDF-Soldatin Segen (eine Entdeckung: die israelische Schauspielerin Daniella Kertesz).

Zahltag in Zombieland

Schlussendlich hängt jedoch alles an Brad Pitt. Mangelndes Engagement kann man ihm nicht vorwerfen, und womöglich macht die Doppelbelastung als Hauptdarsteller und Produzent seine Darstellung des Getriebenen so überzeugend. Neben der Welt muss Pitt schließlich seinen Ruf als zugkräftiger Star sowie ein Investment retten, das irgendwo zwischen 200 und 250 Millionen Dollar liegen soll. Eine Viertelmilliarde. Für einen Zombiefilm. Durch schmale Budgets geprüfte Genrefilmer werden da wahlweise lachen oder weinen.

Doch reichen der Name Brad Pitt, eine wirkungsvolle Kampagne und einige außergewöhnliche Sequenzen, um das Massenpublikum zu gewinnen? Und können umgekehrt traditionsbewusste Horrorfans ein Mainstream-Spektakel akzeptieren, das zwar mit temporeicher Montage und Schauwerten glänzt, aber aufgrund der angepeilten Altersfreigabe fast blutleer daherkommt?

Und es steht noch mehr zur Disposition. Erst gerade prognostizierte Steven Spielberg die Implosion einer Filmindustrie , die ihr Geschäftsmodell allein auf eine Handvoll überteurer, potentieller Blockbuster stützt. Unklar ist, was "World War Z" sein wird: Ein weiteres Symptom dieser wachsenden Monokultur, die den Wert eines Films primär nach dessen Eignung für Marken- und Franchisebildung bemisst, und wegen der einhergehenden Kosteneskalation immer höhere Einspielergebnisse benötigt. Oder aber Hollywoods nächster Flop, der eben dieses System erschüttert.

So oder so, den wirklichen Ausgang des Zombie-Weltkriegs werden nicht Kinohelden entscheiden. Sondern Bilanzbuchhalter.

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