"You're the One" Ein Hoch auf das dramatische Schwarz-Weiß

José Luis Garci verführt die Zuschauer in "You're the One" zur Nostalgie: Es war einmal...

Von Cristina Moles Kaupp


"You're the one": Spanien in der Franco-Zeit
Internationale Filmfestspiele Berlin

"You're the one": Spanien in der Franco-Zeit

Eines vorweg: Die amerikanischen Kollegen sind verstummt. Obwohl sich nach "You're the one" eine Frage regelrecht aufdrängt: Handelt es sich hier um einen Fetisch-Film für all die unterdrückten Raucher dieser Welt? Schwamm drüber. Der spanische Beitrag ist alles andere als ein Raucherfilm, vielmehr eine Liebeserklärung an den Film der vierziger Jahre, als es noch schöne Frauen gab, die voller Anmut zu leiden vermochten. Ein Hoch auf das dramatische Schwarz-Weiß.

Als Regisseur José Luis Garci noch ein kleiner Junge war, ahnte er nicht, wie sehr ihn seine Leidenschaft fürs Kino prägen würde. Dass er einmal selber Lichtgestalten leichtfüßig durch dunkle Säle schicken würde und die Menschen damit zum Schluchzen bringt. So wie jetzt mit "You're the one": Ein Schniefen schleicht durch die Reihen, als hätte ein Virus das Publikum übermannt. Einer, der sich die Zartbesaiteten greift und zur Nostalgie verführt, selbst wenn sie die Zeiten gar nicht erlebten, die Garci geschickt in schlichtem Schwarz-Weiß reinszeniert: Es war einmal 1946 in der spanischen Provinz.

Dorthin verschlägt es eine schöne Reiche aus Madrid: Julia. Als spanische Inkarnation Lana Turners schreitet Lydia Bosch still durch die Szenerie - blond, hinreißend, aber todtraurig. Ihr Geliebter ist im Gefängnis gestorben, ein Künstler, von Francos Schergen verfolgt. Seitdem findet sie keine Freude mehr am Leben, versinkt in todessehnsüchtigen Opern und verblasst. Doch Graci gönnt ihr ein letztes Aufbäumen gegen das bourgeoise Elternhaus, und Julia fährt zum Sommersitz der Familie aufs Land. Zu einfachen Leuten, die sie seit ihrer Kindheit kennt: Pilara, deren Söhnchen Juanito und die weise Schwiegermutter Gala aus Cuba. Können sie Julia helfen, sich von ihrem Leiden zu befreien?

Halb Spanien lag unter einem grauen Dunst

Garci rückt Frauen in den Vordergrund, die ihren Mann im Krieg verloren haben, einsam sind und trotzdem nicht verzweifeln. Seine zentralen Männerfiguren hingegen sind Außenseiter. Ausnahmepersonen wie der Dorflehrer Orfeo, den sein imposanter Name erdrückt. Denn er ist kein Mann der großen Leidenschaft, hat keine Familie und liebt dafür seine Schüler umso mehr. Der Pastor steht berufsbedingt ähnlich verloren da und wettert auf seiner Kanzel gegen die Moderne. Aber es wohnt noch eine zweite Seele in seiner Brust. Abends sitzt er mit den anderen in der Bar Espana und schaut durch das einzige Fenster in die weite Welt. Denn dort laufen all die großen Filme, denen Garci nun nahe rückt: Film noir, amerikanische Epen, pathetisch mit viel Hingabe zum Detail.

Starke Frauen prägen José Luis Garcis Film.
Internationale Filmfestspiele Berlin

Starke Frauen prägen José Luis Garcis Film.

"Es war eine finstere Zeit in der spanischen Geschichte", erinnert sich der 56-Jährige. Alles war irgendwie schwarz-weiß, die Schulklamotten, die Erinnerungen, die Seele Spaniens. "Für mich waren damals Musik und Film das Wichtigste." Prägende Bilder und Klänge aus Amerika. Wie "The Bad and the Beautiful" von Vincente Minnelli, das Vorbild für "You're the One". "Die Liebe zum Film wurde zum Glaubensbekenntnis. Es gab ja auch nicht viel mehr. Außer dem Tabak, den Zigaretten und Zigarren. Halb Spanien lag unter einem grauen Dunst. Die Leute konzentrierten sich auf die einfachen nahe liegenden Dinge."

Das tun auch die ausnahmslos sympathischen Protagonisten in Garcis Film. Zweifellos sind sie großartig besetzt, wie käme sonst diese langsame Geschichte in Fluss? Ohne Action, ohne dramatischen Höhepunkt. Harmlose Anekdoten, in denen der Krieg und die Zeit danach nur eine Nebenrolle spielen wie das Wetter. So sind Erinnerungen nun mal. Blenden Störendes einfach aus, vermitteln es als harmlosen Grauton und - gut. Lassen wir den Regisseur in Ruhe seine Lieblingszeit weiter idealisieren und goutieren sein Spiel mit Filmzitaten und kleinen Hommagen an Autoren, Maler und Musiker, die so wichtig waren für ihn und seine Generation.

Selbst in der Retrofaszination wohnen tausend Gründe für harmlose kleine Filme, die sich trotzdem festsetzen. Und sei es nur mit einem weltbekannten Song: Cole Porters "You're The One".



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