YouTube-Kinofilm Schwarmkreativität für Hollywood

Zehntausende von Kameras und nur ein Drehtag: Das Internet-Projekt "Life in A Day" will den globalen Alltag porträtieren. Aus YouTube-Amateurschnipseln sollen Regisseur Kevin MacDonald und Produzent Ridley Scott einen Kinofilm machen. Ob das funktioniert?

Youtube

Katharina liest gern und mag keine Wespen. Frank filmt die TV-Berichterstattung über das Unglück bei der Loveparade in Duisburg ab. Der User "Angry Aussie" geht am Strand von Melbourne spazieren und beklagt sich über den kalten Winter. Menschen erzählen in Amateurvideos aus ihrem Leben. Das machen sie zwar sowieso - doch nun soll aus dem globalen YouTube-Alltag die Geschichte eines Tages entstehen, zusammengeschnitten als Kinofilm mit dem Titel "Life in a Day".

Weltweit sollten Amateurfilmer einen Tag ihres Lebens mit einer Videokamera einfangen. Vom Alltag bis zur eigenen Hochzeitsfeier war alles möglich, einzige Voraussetzung: Es muss am 24. Juli 2010 irgendwo auf der Welt passiert sein. "Wenn man 'Life in a Day' in der Zukunft sieht, soll man wie in einer Zeitkapsel erfahren, wie es war, an diesem Tag auf der Welt zu leben", so definiert Regisseur Kevin MacDonald das ehrgeizige Ziel.

Aus dem Amateurmaterial, hochgeladen auf YouTube, wird der britische Filmemacher ("Der letzte König von Schottland") einen Kinofilm schneiden. Der Hollywood-Regisseur Ridley Scott ("Alien", "Gladiator") ist der mächtige Produzent im Hintergrund. Tausende Stunden Filmmaterial wird MacDonald sichten und zu einer Geschichte spinnen müssen.

Fast 19 Millionen Menschen haben bereits den YouTube-Kanal von "Life in a Day" besucht. "Mit der Reichweite, die YouTube hat und der Kreativität der Nutzer auf der ganzen Welt kann so ein globales Projekt klappen", sagt YouTube-Sprecher Henning Dostewitz. Der fertige Film wird im Januar beim renommierten Indie-Filmwettbewerb "Sundance Festival" in Utah präsentiert.

Doch das Projekt ist risikoreich. Denn allzu oft liefern die Amateurfilmer hohle Selbstdarstellungen, das lassen erste Stichproben aus den über 80.000 eingereichten Videos erahnen.

500 Kameras in 40 Ländern verteilt

Ein anderes Problem versuchten die "Life in a Day"-Macher schon im Vorfeld zu lösen: Man wollte auch Filme aus Ländern bekommen, in denen nicht jeder Zweite mit einem Kamerahandy durch die Gegend läuft. Um die weniger wohlhabenden Erdenwinkel einzubeziehen, holte man Rick Smolan ins Boot. 2003 hatte der Fotograf das Projekt "America 24/7",realisiert, für das 1000 Bildjournalisten sowie 25.000 Amateure den amerikanischen Alltag porträtierten. Für "Live in A Day" organisierte Smolan die Verteilung von 500 Kameras in 40 Ländern wie Haiti, Peru, Paraguay oder Ghana. "Wir arbeiteten dafür mit lokalen Organisationen zusammen, die die Kameras an die Leute gaben", erzählt Smolan. "Sicher kann das nur ein kleiner Beitrag sein, um den weltweiten Mix etwas bunter zu machen."

Ein weiteres Problem: Die Zensur. Wie das Leben am 24. Juli 2010 in der Türkei, in China und in vielen arabischen Ländern so war, das werden die Zuschauer nicht erfahren - hier ist YouTube gesperrt.

Innovation oder Schritt zurück?

"Das Projekt wird den Menschen die Augen für die Möglichkeiten öffnen, die das Internet für den Film bietet", zeigt sich Kevin MacDonald dennoch überzeugt. "Es ist ein absolut einzigartiges Film-Experiment." Tatsächlich gab es weltweit in den vergangenen Jahren mehrere vergleichbare Projekte - jedoch nie in dieser Größenordnung. Auf regionaler Ebene etwa schnitt Regisseur Detlev Buck aus Amateurmaterial seine Fußballeuropameisterschaftsdoku "23 Tage - Das Youtube Fan-Tagebuch" zusammen, die es 2008 sogar auf die Kinoleinwand schaffte.

Regisseur Volker Heise schickte im selben Jahr über 80 Kamerateams und Tausende von privaten Handy-Filmern in alle Ecken Berlins. "24 Stunden Berlin" wurde schließlich als Echtzeit-Fernsehprogramm beim Sender RBB ausgestrahlt.

Heise beobachtet "Life in a Day" mit Skepsis. "Ein Meilenstein wäre eine dokumentarische Erzählweise gewesen, die auf dem Internet basiert und die Möglichkeiten des Internets nutzt, um die Geschichten aus dem Alltag der Erde zu erzählen", sagt er. "Ob ein Kinofilm aber die richtige Antwort darauf ist - also der Rückgriff auf ein älteres Medium - da bin ich mir nicht so sicher."

Schwarmkreativität für innovative Projekte

Nach Angaben des Unternehmens werden jede Minute durchschnittlich 24 Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen. Das Gros davon sind TV-Mitschnitte, gerippte Musikvideos und anderes Fremdmaterial. Doch die Aussicht darauf, mit selbstgedrehten Clips zum Star des Web 2.0 zu werden, lässt immer mehr Wohn- und Jugendzimmer zum Videostudio werden. "Live in a Day" ist nur ein weiterer Versuch, der wildwuchernden User-Aktivität einen Rahmen zu geben.

Projekte, die sich die Schwarmkreativität zunutze machen wollen, schießen wie Pilze aus dem Boden: Ein weltweit online gecastetes Sinfonieorchester hatte im März Premiere in der New Yorker Carnegie Hall. Selbsternannte Videokünstler können es bis ins Guggenheim Museum schaffen, wenn sie bis zum 31. Juli auf dem Kanal von "Youtube Play" ihre Beiträge eingereicht haben.

Auch "Life in a Day" wird wohl hauptsächlich von denen profitieren, die sich im Web 2.0 bereits auskennen. Ein Abbild der Welt wird der Film deshalb nicht werden - ein interessantes Experiment ist es dennoch. Und natürlich eine großangelegte Marketingmaßnahme. Denn dass sich internationale Regiestars über die Internetschnipsel hermachen, ist dem Werbebudget von LG Electronics zu verdanken.

Der Konzern sei "überzeugt davon, dass Technologie das Leben der Menschen bereichert", erklärt der Sprecher des südkoreanischen Elektronikgiganten und schwärmt von einer "phantastischen Gelegenheit für die Zusammenarbeit mit den YouTube-Nutzern auf einer persönlichen und emotionalen Ebene".

Eine Botschaft zum globalen Alltag wird "Life in a Day" also sicher rüberbringen: Dass die Handykamera einfach dazugehört.

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insgesamt 3 Beiträge
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frank_lloyd_right 05.08.2010
1. Na, da müssen sie aber aufpassen,
daß da kein M(a)cDonald´s - Werbefilm draus wird. Ten Minutes Older o.ä. bringt´s da irgendwie mehr, aber mal ein Projekt für echte Millionen auf Youtube - ach egal, jedem das Seine.
binho 05.08.2010
2. Pangea Day
Es lohnt sich auch, in diesem Zusammenhang den TED Prize Wish von Jehane Noujaim zu erwähnen und das daraus entstandene Projekt: http://www.pangeaday.org/ Pangea Day war ein tolles Erlebnis und hat eine Neuauflage verdient!
querollo 06.08.2010
3. Gute Idee, aber nicht neu
Genau diese Idee liegt dem Buchprojekt "Ein Tag" zu Grunde. http://www.amazon.de/EIN-TAG-weltweites-Buchexperiment-Geschichten/dp/3000288694/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1281059324&sr=8-1
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