Zum Tod von Agnès Varda Sie prüfte die Welt mit der Kamera

90 - das war doch kein Alter für Agnès Varda, die seit den Sechzigern in ihren Filmen die Welt, die Arbeit und das Leben beschrieb, mit allen Zumutungen und Umwegen. Nun lässt sie uns zurück in einer törichteren Gegenwart.

AFP

Ein Nachruf von


"Wissen Sie, wie alt ich bin?" Dass Agnès Varda ihren 90. Geburtstag feiern würde, war ihr selbst, kurz davor, im vergangenen Jahr, etwas unheimlich. Das Thema ihres Alters stand bei unserem Treffen im Raum wie ein Rätsel. Sie erwartete keine Antwort.

Sie hatte ihren 80. Geburtstag gefilmt, da hatten ihr Freunde und Nachbarn 80 Besen vorbeigebracht, ein Sprachwitz mit dem umgangssprachlichen französischen Ausdruck "balais" für gelebte Jahre. Das war vor zehn Jahren, also stand ihr Neunzigster an, aber konnte das sein?

Sie arbeitete, sagten ihre Mitarbeiterinnen, mit mehr Energie und Freude als alle anderen. Aber sie konnte das Alter wie einen Termin vergessen, denn sie war nie bloß in der Gegenwart zu Hause, sondern erforschte und prüfte die Tiefe des Augenblicks mit den Instrumenten der Kultur.

Auch unseren Termin hatte sie vergessen, in ihrem privaten Haus und Museum und Büro und Archiv in der Rue Daguerre in Paris, das in so vielen ihrer Filme vorkommt. Später, als sich herausstellte, dass wir tatsächlich verabredet waren, murmelte sie etwas von der unmöglichen Handschrift ihrer Assistentin, die dazu noch mit Bleistift schreibe, also da könne man ja nix lesen.

Plötzlich kam sie auf Rogier, als wäre er ein Freund von ihr. Sie meinte Rogier van der Weyden, den Meister der altniederländischen Malerei, der Mitte des 15. Jahrhunderts wirkte. In der Varda-Welt gibt es, wie in der Science Fiction, Wurmlöcher der Kulturgeschichte.

Plötzlich plaudert die Pionierin der Nouvelle Vague - die in Wahrheit schon Filme machte und produzierte, als die jungen Männer noch unbekannt waren, von ihrem Freund Andy Warhol. Oder erwähnt Jim Morrison, den Sänger der Doors, mit dem sie nach Chambord fuhr. Oder Calder, der mit den Mobiles, der ein Nachbar war und oft im Hof abhing.

Wo ist hier die Moral?

Rogier stammt wie sie selbst aus Brüssel, dort sind im Rathaus seine Gerechtigkeitsallegorien zu bewundern. Aber unvergesslich ist sein Klappaltar im Hospiz in burgundischen Beaune. Dort malte er Mitte des 15. Jahrhunderts das jüngste Gericht. Wer es einmal gesehen hat, vergisst es nicht: Der Erzengel Michael prüft mit einer feinen Waage, wie Sünde und Tugend des Verstorbenen zueinander im Verhältnis stehen. Das jüngste Gericht ist ein Prüfungsverfahren mittels Instrument. Varda nutzte zum gleichen Zweck die Kamera.

Ihre Filme beschreiben die Welt, die Arbeit und das Leben anhand von ästhetischen, aber auch moralischen Fragen. Sie hat dann für das Publikum einiges an Zumutungen und Umwegen parat. In ihrem Liebesfilm aus dem Jahr 1964, "Le Bonheur", lernen wir ein junges Paar mit zwei Kindern kennen, die das Leben auf dem Land genießen. Doch der Ehemann verliebt sich in eine andere Frau, eine Postangestellte. Er bleibt dann bei seiner Ehefrau, aber sie nicht bei ihm. An einem wunderschönen Sommertag scheidet sie aus dem Leben. Nach übersichtlich langer Trauer nähern sich der Witwer und die Postangestellte erneut. Bald spazieren sie mit den Kindern dort, wo der Zuschauer die Familie zuerst gesehen hat. Bloß die Mutter ist eine andere Frau. Wo ist hier die Moral? Jeder stellt das Glück am höchsten - aber was ist dafür erlaubt? Meister van der Weyden hätte hier einiges zu wiegen.

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Zum Tod von Agnès Varda: Grande Dame des französischen Kinos

Varda wurde 1928 als Arlette Varda in Belgien geboren, weil sie in Arles gezeugt wurde. Später änderte sie den Namen in Agnès. Ihr Vater ist griechischer Herkunft. Die Familie floh 1940 vor den anrückenden Deutschen in den Süden und dort auf ein Boot. Das war im Hafen der Fischerstadt Sète festgemacht. Agnès und ihre Geschwister trugen Schwimmwesten und fielen an schulfreien Tagen auch regelmäßig ins Becken. Die Mutter konnte nicht schwimmen, versuchte, etwas Haushalt zu führen und die Kinder vor dem Ertrinken zu bewahren.

Agnès Varda verließ den Süden und ihre Familie, um zu studieren und die Freiheit zu suchen, Sie besuchte die Sorbonne und die École du Louvre. Um Geld zu verdienen, absolvierte sie eine Ausbildung zur Fotografin und fotografierte für Jean Vilar beim Festival von Avignon. 1958 lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, den Regisseur Jacques Demy. Er inszenierte einen der größten Erfolge des französischen Kinos, das Musical "Les Demoiselles de Rochefort" mit Catherine Deneuve. 1990 starb er und sie verfilmte während seiner letzten Monate sein Leben in "Jacquot de Nantes". Erst viele Jahre später machte sie öffentlich, dass er an Aids starb.

Überall Indizien für das weitere Schicksal

Der große Philippe Noiret, Gérard Depardieu und Michel Piccoli - sie spielten vor ihrer Kamera, als der Ruhm noch nicht ihr Zwilling war. Jean-Luc Godard setzte für sie seine Sonnenbrille ab. Varda besetzte für ihren ersten, bis heute revolutionären Film aber keinen von denen. Sie erzählt in ihrem frühen Meisterwerk "Cléo de 5 à 7" in Echtzeit zwei Stunden im Leben einer Frau, einer Sängerin, die auf das Ergebnis einer Biopsie wartet. In allen möglichen Ereignissen erkennt sie Indizien für ihr weiteres Schicksal - auch hier ahnt man die van der Weydensche Waage - die Prüfung ist im Gange.

Nun ist Agnès Varda gestorben, naturgemäß überraschend, denn 90 war kein Alter für sie - und für uns, die in einer nun törichteren Gegenwart zurückbleiben, ist der Moment gekommen, nochmal alles anzusehen. Vardas Filme sind bezaubernd, die Welt ist danach eine andere.

Ich hatte ihr einen Fisch aus Schokolade mitgebracht. Sie bedankte sich, nahm ihn vorsichtig in die Hand und schüttelte ihn, um zu prüfen, ob er auch gefüllt ist. Da es der Fall war, legte sie ihn zufrieden zur Seite. "Wir werden ihn jetzt nicht essen", befand sie, "denn wir haben ja noch zu arbeiten." Ich hoffe, sie hat ihn sich unterdessen schmecken lassen oder nimmt ihn mit auf ihre Reise.

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Gerdd 29.03.2019
1. Die Welt ...
will mir scheinen hat eine ihrer ganz großen Interpretinnen verloren und benötigt nun dringend eine Nachfolgerin. Idealerweise eine, die noch eine Schaffensphase von so um die sechzig Jahren vor sich hat und die Welt für uns "auseinanderklamüsern" kann, so wie die Agnes, die eigentlich ganz anders hieß.
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