Zum Tod von Blake Edwards Der unverschämte Handwerker

Er war der Weltmeister im Wahnwitz: Hollywood-Regisseur Blake Edwards schuf mit Filmen wie "Frühstück bei Tiffany" oder "Victor/Victoria" ebenso komische wie auch tragische Geniestreiche. Das passte zum Leben des chronisch Depressiven, der doch alle zum Lachen brachte.

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In einer Zeit, in der viele hochnäsige Europäer es liebten, Hollywood als eine einzige große Verblödungsfabrik zu beschimpfen, trumpfte Blake Edwards auf mit Humor, Intelligenz und Eleganz - und widerlegte die Großkotze der schlecht gelaunten Kulturkritik auf die souveränste Weise: indem er Filme schuf, die an Schönheit und Spaß fast alles übertreffen, was die Kinogeschichtschreiber sonst bis heute so als Meilensteine feiern.

Blake Edwards, der am Donnerstag mit 88 Jahren starb, war unter anderem der Regisseur der Filme "Frühstück bei Tiffany" (1961), "Der Rosarote Panther" (1963) und "Der Partyschreck" (1968). Es ist ein lächerliches Unrecht, dass er nie einen regulären Regie-Oscar bekommen hat, sondern nur 2004 die Ehrenauszeichnung der so genannten Academy.

"Ich habe mein ganzes Leben damit zugebracht, unserer traurigen Existenz eine lustige Seite abzugewinnen", hat Edwards einmal gesagt, "und irgendwann hab ich es geschafft, mir Szenen auszudenken, die mir und den Zuschauern halfen, den Schmerz wegzulachen."

Ähnlich wie Billy Wilder und anders als Ernst Lubitsch, den anderen beiden klassischen komischen Genies Hollywoods, verstand sich Edwards nicht als Großkünstler, sondern als schamloser und unverschämter Handwerker. Er stammte aus Oklahoma und fing in Hollywood als Schauspieler an. Bis er die miesen Rollen, die man ihm gab, satt hatte, und sich selber als Regisseur versuchte. So richtig zündeten sein Humor und seine Karriere aber erst, als er Mitte der fünfziger Jahre Henri Mancini kennenlernte. Der Komponist wurde sein dickster Freund und ein famoser musikalischer Inspirator.

Nach einem ersten Hit mit "Unternehmen Petticoat" (1959) gab man Edwards die sensationell erfolgreiche Capote-Novelle "Frühstück bei Tiffany", damit er daraus eine Kinoversion machte. Die funkelnde, zauberhafte Audrey Hepburn war bei ihm eine blitzsaubere Holly Golightly und anders als im Buch keine Frau, die von Männern für ihre Liebe Geld nimmt. Deshalb bekam der Autor Capote angesichts der Filmfassung angeblich erstmal einen Tobsuchtsanfall. In Wahrheit aber hatte der Regisseur Edwards den Esprit, den sanften Schwung und die melancholisch aufgekratzte Stimmung der Vorlage ganz wunderbar eingefangen.

Zu ungeschickt zum Selbstmord?

Wie nah die Verzweiflung der Komik ist, das konnte man auch dem Schauspieler Peter Sellers ansehen, als er im ersten Film der "Rosaroter Panther"-Reihe den Inspektor Clouseau spielte: einen Mann, der von einem unerschütterlichen Temperament zu sein scheint, obwohl ihm fast alles schief geht bei seinen Ermittlungen. Seine größten Lacher bekomme der Filmemacher Edwards für Scherze, "die für jede Horrorfilm zu grausam wären", schrieb in den sechziger Jahren ein amerikanischer Kritiker. Und Edwards animierte auch seine Akteure zu komischen Meisterleistungen. Im ersten "Rosaroten Panther" waren Claudia Cardinale, David Niven und Robert Wagner mit von der Partie, mit einer Begeisterung fürs Burleske und Komödiantische, die auch die Titelmelodie des Komponisten Mancini unsterblich macht.

Blake Edwards hat vorher und nachher viele Niederlagen in Hollywood einstecken müssen, man hat manche seiner Filme verstümmelt und verschnitten, man hat einige seiner Drehbücher in den Müll geworfen und ihm immer mal wieder gesagt, sein Humor passe leider nicht mehr in die Zeit.

Er hat sich dafür mit einer Satire über das Filmgeschäft gerächt, die "S.O.B. - Hollywoods letzter Heuler" (1981) heißt und nicht sein bester Film ist. Er hat ein paar eher schwachsinnige Komödien über das Showgeschäft gedreht wie "Zehn - die Traumfrau" (1980) mit der damals fast alle Männer verzückenden Bo Derek, dafür aber auch nette Alterswerke wie "Blind Date - Verabredung mit einer Unbekannten" (1987) mit Kim Basinger. Sein von den Kritiken am meisten bejubelter Erfolg war wohl "Victor/ Victoria" (1981), in dem Edwards' Frau Julie Andrews hinreißend eine brotlose Opernsängerin im Paris der dreißiger Jahre spielt.

Der tollste, verrückteste, poetischste Geniestreich aber gelang Edwards in "Der Partyschreck", der im original einfach "The Party" heißt und allen Nachgeborenen eine herrliche Ahnung davon verschafft, welcher bekiffte und beschwipste Geist im Hollywood der späten sechziger Jahre herrschte. Peter Sellers spielt einen Inder namens Hrundi V. Bakshi, der erst auf einem Filmset jede Szene versaut und dann versehentlich zu einer glamourösen Party im Haus eines Studiobosses eingeladen wird. Dort geht dann schief, was schiefgehen kann. In dem todschick eingerichteten Haus fließt ein Bach, in dem der Held einen seiner Schuhe verliert, dann flirtet er erst mit dem Papagei des Hausherrn und dann mit einer schönen Frau namens Michele und sorgt für immer absurdere Katastrophen.

"Der Partyschreck" ist eine abenteuerliche Reise ins komplette Chaos, der Held aber ist ein heiliger Narr mit Schuhcreme im Gesicht, der am Ende natürlich auch das Mädchen kriegt. Allein seine herzzerreißende Suche nach einem Klo, als er mal dringend eines benötigt, ist ein ewiger Brüller, aber auch ein Abbild tragischer Panik: Da sucht ein Mann verzweifelt Erleichterung und verliert mittendrin die Hoffnung, sie je zu finden.

Für Blake Edwards, den Weltmeister des Wahnwitzes, ist die Party vorbei. Er habe sein Leben lang an Depressionen gelitten, hat er in späten Jahren gesagt, für einen Selbstmord sei er nicht zu feige, sondern nur zu ungeschickt gewesen. Was für ein Glück für Millionen von Kinogängern, die er mit seinen Filmen dazu gebracht hat, in Tränen auszubrechen vor lauter Lachen.



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