Zum Tod von Regie-Legende Chabrol Poularde und Politik

Morden mit Michelin-Sternchen: Regisseur Claude Chabrol inszenierte seine Krimis wie edle Speisen - doch hinter dem Hedonismus verbargen sich grausame Gesellschaftsdramen. Am Sonntagmorgen verstarb der große böse Chronist des französischen Bürgertums in Paris.

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Das Catering bei den Dreharbeiten zu seinen Filmen soll stets exzellent gewesen sein. Auch in den angespanntesten Produktionsphasen ließ es sich Claude Chabrol angeblich nicht nehmen, mittags eine gute Flasche Wein zu leeren. Eine Marotte, die bestens zum Inhalt seiner Krimis passt, in denen unappetitliche Morde stets vor appetitlich gedeckten Tischen stattfanden.

Als Sohn eines wohlhabenden Provinzapothekers liebte Chabrol eben, was er in seinen Geschichten auch immer wieder lustvoll kritisierte: die Bourgeoisie. Aus seiner Herkunft machte er nie einen Hehl - und seinen eigenen Hedonismus zum Markenzeichen. Wie der von ihm vergötterte Alfred Hitchcock präsentierte er sich selbst am liebsten mit Zigarre zwischen den Lippen.

Als Kritiker des legendären Cineasten-Debattenblatts "Cahiers du cinéma" schrieb er in den fünfziger Jahren über die Regie-Autoren des klassischen Hollywoodkinos - und strebte bald selbst eine Karriere als Filmemacher an. Man kann sich gut vorstellen, wie harmlos der Genussmensch Chabrol, der es neben der Journalistenarbeit seinem Vater zuliebe auch noch halbherzig mit einem Pharmaziestudium probierte, auf die anderen der Gruppe gewirkt haben muss - auf den zornigen Arbeitersohn François Truffaut zum Beispiel oder auf den strengen Asketen Éric Rohmer und den gefährlich hochtourigen Analytiker Jean-Luc Godard.

Genuss und Dekadenz

Und trotzdem war er der erste der Clique, der einen eigenen Film fertigstellte - wenn auch nur dank der bürgerlichen Herkunft seiner damaligen Ehefrau. Deren Erbe brachte er im Jahr 1957 mit dem Dreh zu "Die Enttäuschten" durch, einem bösartigen, salopp gefilmten Sittengemälde über das satte und doch enttäuschende Leben in der Provinz. Die Nouvelle Vague war geboren.

Dem Thema Genuss und Dekadenz sollte Claude Chabrol sein ganzes Schaffen lang treu bleiben. "Was ich möchte", sagte er einmal in einem Interview, "ist unsere gegenwärtige Gesellschaft in ihrer totalen Verwesung zeigen. Da diese Verwesungserscheinungen jedoch luxuriös ausstaffiert sind, macht es richtig Spaß, sie zu filmen".

So stieß er mit seinen leichthändig inszenierten und delikat ausgestatteten Morddramen stets in gesellschaftspolitische Problemzonen vor, ohne dass einem das als Zuschauer so richtig bewusst wurde. Im Gegensatz zu seinen Kollegen von der Nouvelle Vague hatte er übrigens auch nichts dagegen, Unterhaltungskünstler genannt zu werden.

Makrogesellschaftliches in Mikrogesellschaftlichem

Doch hinter den hübsch ausstaffieren Tischszenen verbarg sich meist ein ganz und gar unhübsches Verbrechen. So sieht es aus, das Morden mit Michelin-Sternen. Hierzulande liefen Chabrols Filme unter kongenial übersetzten Titeln wie "Champagner-Mörder" (1967), "Hühnchen in Essig" (1985) oder "Süßes Gift" (2000).

Tatsächlich, Poularde und Politik gingen bei Chabrol immer gut zusammen. Denn ob man nun frühe Klassiker wie "Der Schlachter" (1970) nimmt oder späte wie "Die Blume des Bösen" (2003), wo Querelen in der Lokalpolitik direkt in ungesühnte Verbrechen aus der Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Nazis führen - stets zeigte der Regisseur mikrogesellschaftliche Dramen, in denen die makrogesellschaftlichen nachhallten.

Chabrols Fach war eindeutig der kleine flinke (und doch genau reflektierte) Film: In der Miniatur offenbarte sich bei ihm die Monstrosität, in der Normalität verbarg sich stets die Anomalie. Fast 60 Produktionen legte er auf diese Weise in gut einem halben Jahrhundert vor. Und je schneller er drehte, desto pikanter erschien das Resultat.

Schöne Frauen, die schlimme Dinge tun

Nicht so gut war Chabrol, wenn er sich übertrieben ambitioniert gab. Anfang der Neunziger - da war er um die 60 und hatte wohl die unberechtigte Sorge, doch nicht in die Hall of Fame der Filmkunst aufgenommen zu werden - fabrizierte er ein paar wirklich fürchterliche Produktionen. Beispielsweise bemüht cineastische Ergüsse wie die postmodernistische Fritz-Lang-Hommage "Dr. M" (1990) oder kreuzbrave Adaptionen von Literaturklassikern wie "Madame Bovary" (1991).

Zu Hochform lief der alte Genießer eben immer dann auf, wenn er sich in seinem natürlichen Lebensumfeld bewegte - in das selbstredend auch attraktive Aktricen gehörten. Und wenn sein Kollege François Truffaut einmal die Quintessenz des Filmemachens damit umschrieb, schöne Frauen schöne Dinge tun zu lassen, dann muss man den Satz für Chabrol wohl leicht umdichten: Bei ihm taten die schönen Frauen vor allem schlimme Dinge.

Parallelen zur realen Welt

Immer wieder entdeckte der Regisseur beängstigend starke Schauspierlerinnen - denen er oft Jahrzehnte später noch mal Hauptrollen verschaffte. In den fünfziger und sechziger Jahren waren das Bernadette Lafont und Stéphane Audran (mit der Chabrol vorübergehend in zweiter Ehe verheiratet war und die er 1992 noch mal in "Betty" grandios ins Bild setzte), in den Achtzigern und Neunzigern Sandrine Bonnaire und Isabelle Huppert.

Mit letzterer drehte er 2006 auch sein spätes Meisterwerk "Geheime Staatsaffären", einen gewohnt leichthändigen Film über schwere Verbrechen in Frankreichs Wirtschaftspolitik. Wieder einmal kam er so sardonisch und delikat daher, dass man leicht die Parallelen zur unschönen Realität übersehen konnte. Spielte der leise Korruptionsthriller doch auf die Machenschaften rund um den staatlichen Mineralölkonzern Elf Aquitaine an, in die eine Reihe von höchsten Politikern verstrickt war.

Als Claude Chabrol letztes Jahr mit dem gewohnt rotweinseligen Mörderrätsel "Kommissar Bellamy" schließlich seinen 58. und letzten Spielfilm vorstellte, wurde er von einer Zeitung gefragt, wie er selbst denn am liebsten stürbe. Die Antwort: "Als Opfer meiner Schwächen, seien das der Wein, die Zigarren oder auch die Gänsestopfleber. Jeden Tag 15 Zigarren und das zehn Tage lang - dann sollte die Sache doch erledigt sein, oder?"

Über die näheren Umstände seines Todes ist noch nichts bekannt: Am Sonntagmorgen verstarb im Alter von 80 Jahren in Paris der große Genießer und große Filmemacher Claude Chabrol.



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