Zum Tod von Sidney Poitier Der Titan

»Ich wollte wertvoll sein, nach meinen eigenen Bedingungen«: Der brillante Schauspieler Sidney Poitier wurde mit Filmen wie »Porgy und Bess« zum ersten schwarzen Hollywoodstar – er blieb lange der einzige.
Poitier 1963: Seine Hautfarbe blieb politisch

Poitier 1963: Seine Hautfarbe blieb politisch

Foto: Michael Ochs Archives / Getty Images

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Als Sidney Poitier, der nun mit 94 Jahren gestorben ist, 1964 für »Lilien auf dem Feld« seinen ersten Oscar erhielt, war nicht die Ehrung der Skandal. Als Schauspieler hatte er ihn mit seinen Rollen in »Porgy und Bess«, »Flucht in Ketten« oder »Die Saat der Gewalt« längst verdient, und Hollywood hatte die kommerzielle Wichtigkeit eines schwarzen Publikums längst erkannt. Der eigentliche Skandal in weiten Teilen der USA war der flüchtige Wangenkuss, mit dem Anne Bancroft ihm die Statuette überreichte. Eine Weiße küsst einen Schwarzen? Undenkbar.

Als Sidney Poitier 2002 seinen zweiten Oscar erhielt, diesmal für sein Lebenswerk, brachte Denzel Washington als Laudator dieses Lebenswerk auf den Punkt: »Vor Sidney konnten afroamerikanische Schauspieler in großen Filmproduktionen nur Nebenrollen übernehmen, die für gewisse Teile des Landes leicht herauszuschneiden waren. Man kann aber Sidney Poitier nicht aus einem Sidney-Poitier-Film herausschneiden.«

Poitier 1964 bei der Oscarverleihung mit u.a. Anne Bancroft und Gregory Peck: Ein Skandal

Poitier 1964 bei der Oscarverleihung mit u.a. Anne Bancroft und Gregory Peck: Ein Skandal

Foto: Bettmann Archive/ Getty Images

Er war der erste afroamerikanische Filmstar. Der erste, dessen Namen noch über dem Titel genannt wurde. Der erste, auf dessen Persönlichkeit die Filme zugeschnitten wurden. Sidney Poitier war der erste Denzel Washington, Eddie Murphy, Will Smith, Morgan Freeman, Samuel L. Jackson. Wenn dies die Götter des »schwarzen Kinos« sind, war Sidney Poitier ihr Titan.

Fotostrecke

Leben und Arbeiten von Sidney Poitier

Foto:

Matt Sayles/ AP

Dabei ist Poitier nicht einmal in den USA aufgewachsen. Geboren 1927 in Miami, als seine Eltern dort Verwandte besuchten, lebte er zunächst auf den Bahamas, einer britischen Kronkolonie. In einer neunköpfigen Familie von Tomatenzüchtern. In Armut. Mit 10 Jahren sah er in Nassau erstmals ein Automobil, mit 15 wurde er zur Verwandtschaft nach Florida geschickt. Mit 16 Jahren arbeitete er in New York als Tellerwäscher.

Dort lernte er das Theater kennen, genauer: das »American Negro Theatre«, gegründet von Schwarzen zur Förderung sowohl schwarzer Talente als auch deren »Würde und Ehre«, wie es in der Satzung heißt. An der Aufnahmeprüfung scheiterte er wegen seines starken karibischen Akzents. Vor dem Radio trainierte er sich den Zungenschlag ab, mit Zeitungen und Büchern brachte er sich das Lesen bei – und wurde endlich angenommen.

1946 debütierte er am Theater mit »Lysistrata«, keine vier Jahre später erfolgte der Ruf nach Hollywood. Dort begann sich allmählich ein Fenster für afroamerikanische Darsteller zu öffnen. Allzu stereotype Rollen lehnte Poitier ab: »Überleben«, sagte er später einmal, »war für mich immer eine Frage meines inneren Selbst. Das ist wichtiger als das äußere Selbst. Ich wollte wertvoll sein, nach meinen eigenen Bedingungen. Ich wollte für mich selbst akzeptabel sein.«

Aktivist Poitier 1968 bei einer von Martin Luther King Jr. organisierten Demo

Aktivist Poitier 1968 bei einer von Martin Luther King Jr. organisierten Demo

Foto: Chester Sheard / Getty Images

In den Fünfzigerjahren spielte Poitier den reisenden Handwerker, den cleveren Studenten, den gewissenhaften Lehrer und den coolen Detektiv. Nie den Liebhaber. Der erste Filmkuss zwischen einer weißen Frau und einem schwarzen Mann war erst 1967 in »Rat mal, wer zum Essen kommt?« (mit Katherine Hepburn und Spencer Tracy in seiner letzten Rolle) zu sehen – und das auch nur im Rückspiegel eines Taxis.

Poitier hatte sich erfolgreich eingeführt als elegante und kultivierte Alternative zu Leinwandhelden wie Rex Harrison, Albert Finney, Richard Harris oder Paul Newman – gegen sie allesamt setzte er sich bei den Oscars 1964 durch.

Seine Hautfarbe aber blieb politisch, und Poitier wusste das. Falls es ihm entfallen sein sollte, wurde er bei Reisen in den Süden daran erinnert – wenn er, der berühmte Star aus Hollywood, im Restaurant nur hinter einem Paravent bedient wurde. Er gehörte zu den Künstlern, die sich in der Bürgerrechtsbewegung engagierten und neben Martin Luther King Jr. am »Marsch auf Washington« teilnahmen. Er unterstützte eine Stiftung, die Afrikaner mit Stipendien beim Studium in den USA unterstützte – einer davon war der Vater des späteren Präsidenten Barack Obama.

Nie war Poitier populärer als in den späten Sechzigerjahren. Und nie wurde ihm seine Einsamkeit klarer. Er war noch immer »der Einzige« weit und breit, und das Gewicht der Verantwortung lastete schwer. Poitier war nicht nur der einzige Schwarze im Business, er hatte für alle zu spielen: »Ich musste die Actionfans bedienen, die Freunde der Romantik, die intellektuellen Fans.«

Die Stimmung kippte gegen Poitier aus genau den Gründen, die ihm den Einstieg in die Branche erst ermöglicht hatten. Teile der afroamerikanischen Bewegung – der er selbst durch seine pure Präsenz erst einen Spielraum verschafft hatte – warfen ihm nun vor, er verkaufe sich als angepasster, in gewisser Weise »weißer« Schwarzer. Ein Vorwurf, mit dem Jahrzehnte später auch Will Smith konfrontiert werden sollte.

Poitier nahm die Kritik ernst, er erkannte das Dilemma und zog sich zu Beginn der Siebzigerjahre – bis auf wenige Ausnahmen – aus der Schauspielerei zurück. Stattdessen erkämpfte er sich jetzt, woran es ihm zuvor fehlte: künstlerische Hoheit über Stoffe und Rollen und Themen der Filme, die er nun als Regisseur drehte.

»Wenn man sich an mich erinnert, weil ich ein paar gute Dinge getan habe, und mein Wirken einige gute Energien entzündet hat, dann ist das eine ganze Menge.«

Sidney Poitier

Seine eigenen Filme waren nun keine beflissenen Sozialthriller mehr, die im Grunde seinen eigenen Aufstieg erzählten. Sondern Komödien. Die Knastklamotte »Zwei wahnsinnig starke Typen« (mit Richard Pryor und Gene Wilder) spielte 1980 als erster Film eines afroamerikanischen Regisseurs mehr als hundert Millionen Dollar ein.

Als 1990 seine Komödie »Ghost Dad« (mit Bill Cosby) floppte, zog Poitier sich – wieder bis auf wenige Ausnahmen – ganz aus dem Geschäft zurück. 1997 bis 2007 spielte er die Rolle des »elder statesman« und vertrat die Bahamas als Botschafter in Japan, später bei der Unesco.

Er lebte zurückgezogen in Beverly Hills und trat nur noch in Erscheinung, wenn er mal wieder eine Ehrung entgegennehmen musste – so etwa die Presidential Medal of Freedom, überreicht von Barack Obama. Den Titel »Sir«, mit dem die Queen ihn 1974 adelte, trug er nie. In einem Interview zu seinem Neunzigsten erklärte Poitier: »Wenn man sich an mich erinnert, weil ich ein paar gute Dinge getan habe, und mein Wirken einige gute Energien entzündet hat, dann ist das eine ganze Menge.«

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.