Zum Tod von Sydney Pollack Jenseits des Kitsches

Vor der Kamera gab er in kleinen Rollen gern den Schurken, hinter der Kamera inszenierte er große Gefühle: Sydney Pollack war einer der letzten Universalkönner Hollywoods. Das moderne Kino verdankt ihm unsterbliche Momente.

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Für einen kleinen Auftritt als Darsteller hat Sydney Pollack immer Zeit gehabt, ganz unabhängig davon, was bei ihm so alles auf dem übervollen Produktionsplan stand. Erstaunlicherweise legte der Mann, der als Regisseur und Produzent um seinen Star Robert Redford eine Aura der Unantastbarkeit geschaffen hat, wenig Wert darauf, selbst integer oder gar sympathisch rüberzukommen. Geschäftstüchtig und selbstsüchtig, so agierte er bei seinen kurzen oder weniger kurzen Einsätzen vor der Kamera.

Gefühle, ach! Er hat sie in große Kinomomente gegossen: Sydney Pollack
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Gefühle, ach! Er hat sie in große Kinomomente gegossen: Sydney Pollack

Ob er in Woody Allens Beziehungsstudie "Ehemänner und Ehefrauen" als untreuer Ehemann die Vorzüge einer jungen Geliebten pries, in Stanley Kubricks Erotikreigen "Eyes Wide Shut" für Nicole Kidman und Tom Cruise den zwielichtigen Zeremonienmeister gab oder unlängst George Clooney im Justizdrama "Michael Clayton" aufs unappetitliche Zusammenspiel von Recht und Geschäft hinwies – die Rolle des kaltschnäuzigen, abgeklärten Machers schien ihn auf den massigen Leib geschrieben.

Arbeitstier, Feingeist, Strippenzieher

Und irgendwie sollten diese Auftritte wohl auch ein wenig selbstironisch den eigenen Status im US-Unterhaltungsbetrieb reflektieren. Pollack war die letzten 40 Jahre, seit er mit dem neunfach Oscar-nominierten Sittengemälde "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" 1969 für Furore gesorgt hatte, irgendwie fast immer im großen Stil präsent. Er war ein Arbeitstier und Strippenzieher, aber auch ein Feingeist und actor’s director, dem sich Hollywoodgrößen bedingungslos anvertrauten, um ihre Rollenprofile zu erweitern.

Zu ihrem kommerziellen Schaden sollten diese Experimente auch nie sein, wie man an der Travestie-Komödie "Tootsie" sah, in der Dustin Hoffman 1982 nach einer längeren Leinwandpause in Frauenkleidern zum Mega-Erfolg stöckelte. Oder an dem Thriller "Yakuza", für den Pollack ausgerechnet den arg ergrauten Krimi-Altstar Robert Mitchum mit der Mafia in Japan aufräumen ließ. Oder an der bestürzend schönen Politromanze "So wie wir waren", in der Robert Redford und Barbra Streisand 1973 aufgrund ihrer unterschiedlichen Auffassung einer gerechten Gesellschaft auseinander driften.



Pollack war sicherlich nicht der politisch rigoroseste Regisseur des New Hollywood – wenn man den übers Fernsehen zum Kino gekommenen Alleskönner überhaupt den jungen Wilden der Sechziger und Siebziger zurechnen will. Doch noch in klassischen Genre-Werken verstand er es, einfallsreich die jeweiligen gesellschaftlichen Schwingungen einzuarbeiten.

Diese Fähigkeit hat er sich bis zum Schluss bewahrt; so verhandelte sein letzter Spielfilm "Die Dolmetscherin" (2005), ein tadelloser Suspense-Thriller mit Nicole Kidman, nebenbei die Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent. Dafür war Pollack der erste Filmschaffende, dem die Ehre gebührte, in den Räumen der Uno-Vollversammlung zu drehen.

Einen langen Weg hat der Sohn jüdisch-russischer Einwohner also zurück gelegt, seit er sich Anfang der fünfziger Jahre von seiner Apothekerfamilie in Indiana nach New York verabschiedet hatte, um dort an die Schauspielschule zu gehen. Der Broadway, das Fernsehen, die Traumfabrik – Pollack kannte so ziemlich jeden Winkel des US-Unterhaltungsbetriebs aus so ziemlich jeder Perspektive. Kino, das war für ihn zugleich ein Geschäft, ein Spielplatz, ein Selbstfindungsabenteuer. Die Grenzen zwischen Entrepreneur und Autor hielt er entsprechend fließend.

Am bemerkenswertesten an diesem Hollywood-Malocher alten Zuschnitts war vielleicht, dass er keine Angst vor großen Gefühlen hatte. So setzte er seinen Lieblingsstar Robert Redford nach Western ("Jeremiah Johnson", 1972), Paranoia-Krimi ("Die drei Tage des Condors", 1975) und Las-Vegas-Tragikomödie ("The Electric Horseman", 1979) in dem opulenten Afrika-Bilderbogen "Jenseits von Afrika" in Szene, der 1985 allein in den USA an der Kinokasse das Dreifache seiner Produktionskosten einspielte und sieben Oscars inklusive den für die beste Regie erhielt.

Dramatischer Flop, fantastische Inszenierung

Diesen Erfolg sollte Pollack nie wiederholen können. Mit einem Melodram erlitt er sogar die größte Pleite seiner Karriere: "Begegnung des Schicksals" aus dem Jahr 1999 wurde trotz Stars wie Harrison Ford und Kristin Scott Thomas zum finanziellen Fiasko, von dem sich der Regisseur, der seit den frühen Siebzigern ja auch stets sein eigener Produzent war, fast nicht mehr erholt hätte.

Aber gerade in Flops offenbart sich oft eben auch die Leidenschaft ihrer Schöpfers: Der Film erzählt von zwei Menschen, die durch ein Flugzeugunglück ihre Partner verlieren, um sich dann ineinander zu verlieben. So verloren und so empfindsam hat man den ewigen "Indy" Ford davor und danach nie wieder gesehen. Pollack, dem selbst eines seiner drei Kinder durch einen Absturz genommen wurde, inszenierte mit einem genauen Gespür für die schmerzlichen Widersprüche in dieser fast unmöglichen Lovestory.

Auch wenn der Mann also gerne den smarten Pragmatiker gab: In Erinnerung behält man Sydney Pollack vor allem als Präzisionsarbeiter des großen amerikanischen Gefühlskinos.



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