Zum Tode Ulrich Mühes Der Undurchdringliche

Die Rolle des Stasi-Hauptmanns Wiesler in "Das Leben der Anderen" war ihm wie auf den Leib geschneidert: Ulrich Mühes DDR-Vergangenheit spiegelte sich bis zum Schluss in seinem Privatleben und seiner Rollenwahl wider. Auf dem Höhepunkt seines Ruhmes ereilte ihn der Tod.


Am Ende des Films "Das Leben der Anderen" streift der Ex-Stasihauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) alleine durch die Straßen Berlins. In einer Ladenauslage erblickt er das neue Werk des Autors und Dramatikers Georg Dreyman (Sebastian Koch), den er zu Zeiten der gerade untergegangenen DDR im Auftrag seiner Bosse bespitzelt, aber letztlich nicht verraten und so gerettet hat. Ob er ihm das Buch als Geschenk einpacken solle, fragt der Verkäufer. "Nein", sagt Wiesler, "das ist für mich."

Schauspieler Mühe in "Das Leben der Anderen": Beklemmend authentisch
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Schauspieler Mühe in "Das Leben der Anderen": Beklemmend authentisch

Es gibt wohl kaum eine Szene in dem an Anspielungen nicht eben armen Oscar-Drama von Florian Henckel von Donnersmarck, in dem Filmfigur und Wirklichkeit so sehr zur Deckung kommen wie hier: Denn "Das Leben der Anderen", jene so gefeierte wie umstrittene Studie über die Verwerfungen des DDR-Überwachungsstaats und einen Mitläufer, der scheinbar unberührt die Seiten wechselt, war auch ein Film für seinen Hauptdarsteller. Ulrich Mühe lieh dem Spion nicht nur Gesicht und schauspielerische Meisterschaft, sondern hauchte ihm mit seiner eigenen Biographie auch Glaubwürdigkeit ein.

Geboren am 20. Juni 1953 als Sohn eines Kürschnermeisters im sächsischen Grimma, absolvierte Mühe zunächst eine Baufacharbeiter-Lehre sowie seinen Wehrdienst (1973–75) als Wachsoldat an der Mauer, den er wegen Magengeschwüren vorzeitig abbrechen musste. Ab 1975 ließ er sich an der Leipziger Theaterhochschule "Hans Otto" zum Schauspieler ausbilden; es folgten Engagements in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, dann – nach Verpflichtung durch Heiner Müller – an der Ostberliner Volksbühne und am Deutschen Theater. Besondere Berühmtheit erlangte seine Zusammenarbeit mit Heiner Müller in dessen Doppelaufführung "Hamlet/Hamlet-Maschine", in der er in den Wendetagen die Titelrolle verkörperte.

Nach dem Mauerfall wandte sich Mühe, einer der Mitinitiatoren und Redner der legendären Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989, nach Westen – und avancierte mit zahlreichen Film- und Fernseharbeiten auch dort zum Star. Nachdem er sich bereits in Bernhard Wickis Joseph-Roth-Adaption "Das Spinnennetz" auf der Leinwand neben Granden wie Klaus Maria Brandauer und Armin Mueller-Stahl behauptet hatte, war er nun mit Manfred Krug in "Der Blaue" (1994) zu sehen, spielte eine Hauptrolle in der ARD-Adaption von Erich Loests "Nikolaikirche" und verkörperte beeindruckende Rollen an der Seite seiner Frau Susanne Lothar, etwa in Michael Hanekes Psychothriller "Funny Games" (1997).

Neben weiteren Meilensteinen wie der (Doppel-)Titelrolle in der TV-Satire "Goebbels und Geduldig" (2001) sowie einem kleineren Part (als Günther Gaus) in dem Willy-Brandt-Porträt "Im Schatten der Macht" verkörperte Mühe seit 1998 überdies den Gerichtsmediziner Robert Kolmaar in der eigens auf ihn zugeschnittenen preisgekrönten ZDF-Reihe "Der letzte Zeuge".

So sehr sich die DDR-Vergangenheit in seinem Privatleben widerspiegelte – seine erste Frau war Dramaturgin am Karl-Marx-Städter Theater, seine zweite die prominente DDR-Aktrice Jenny Gröllmann, erst in dritter Ehe war er mit der westdeutschen Schauspielerin Susanne Lothar verheiratet –, so sehr schien Mühe, Vater von fünf Kindern, gleichwohl im Westen angekommen zu sein und die DDR-Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. "Ich wollte noch mal neu anfangen", bekannte er denn auch im SPIEGEL-Interview mit Alexander Osang anlässlich der Oscar-Verleihung Anfang dieses Jahres. Und doch war es gerade "Das Leben der Anderen" – sein erster Westfilm, der seine Ost-Vergangenheit unmittelbar berührte –, der wohl mehr als geahnt alte Wunden aufs Neue aufriss.

Für unglückliche Schlagzeilen sorgte Mühe, als er im vergangenen Jahr seine zweite Frau Jenny Gröllmann der Stasi-Spitzelei bezichtigte – während diese krebskrank mit dem Tod rang. Mühe behauptete seinerzeit, die Birthler-Behörde habe ihm Gröllmanns inoffizielle Mitarbeit bestätigt; vor Gericht unterlag er jedoch im Juli 2006 seiner Ex-Gattin, die kurz darauf verstarb. Nun ist der stets leise Mime, der neben dem dröhnenden Regisseur von Donnersmarck schon bei der Oscar-Verleihung ein wenig verloren und angeschlagen wirkte, damals aber nur von einer gewöhnlichen Magenoperation gesprochen hatte, der er sich unterziehen müsse, selbst mit nur 54 Jahren an Krebs gestorben.

Sein Vermächtnis aber wird – trotz all der großen Bühnen- und Filmrollen – wohl vor allem "Das Leben der Anderen" bewahren: Wie Mühe darin die Wandlung des undurchdringlichen Stasi-Manns darstellt, der sich innerlich vom SED-Regime abwendet, ohne dies seine Vorgesetzten durch Verziehen auch nur einer Miene ahnen zu lassen – das ist so beklemmend authentisch, so unnahbar und doch anrührend, wie es wohl nur im Zusammenklang von schauspielerischem Können und einer solchen Lebenserfahrung zu leisten ist. Einen anderen als Mühe jedenfalls vermag man sich in der Rolle nicht vorzustellen.



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