Zum Tode Walter Gillers Der schüchterne Schelm

Locker vom Hocker? Gar nicht so einfach! Walter Giller war der Meister der Zwischentöne. Wie kein anderer deutscher Schauspieler der Nachkriegszeit vereinte er sympathische Schüchternheit mit Comedy-Timing. Der Star aus Filmen wie "Rosen für den Staatsanwalt" ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

DPA

Von Jan Feddersen


Diese gewisse Art des eiligen Schleichens beim Gehen, dieser Ausdruck von sanfter Schüchternheit, diese Ausstrahlung von Integrität: Walter Giller war im deutschen Nachkriegskino das Gegenbild zum heißblütigen Halbstarken Horst Buchholz - wo Giller war, ging es um Zwischentöne, um Timing, um jene perfekte Millisekunde, die brettelnde Bühnenknarzerei von der Kunst der Darstellung unterschied.

Im wahren Leben, so sagen Freunde und Kollegen von früher und von heute, war Walter Giller kaum anders: ein lebenslustiger Geselle, hinter dessen Schelm-Fassade gleichwohl tiefe Ernsthaftigkeit zu schimmern schien. Er war einer der wichtigsten Schauspieler der fünfziger und sechziger Jahre - und am ehesten ist dies im heute immer noch sehr sehenswerten Film "Rosen für den Staatsanwalt" zu sehen, eine Produktion von 1959, bei der Wolfgang Staudte Regie führte.

Die Geschichte handelt von einem in den letzten Tagen Nazi-Deutschlands zum Tode verurteilten Wehrmachts-Gefreiten, der durch puren Zufall gerade noch seiner Hinrichtung entkommen kann. Sein - angebliches - Vergehen: Er soll zwei Dosen Scho-Ka-Kola gestohlen haben.

Im Nachkriegsdeutschland kommt dieser Rudi Kleinschmidt eben so über die Runden - zum Beispiel als Trickkartenspieler. Giller spielt die Figur mit dem vielsagend-ironischen Namen mit genau dieser Scheu und Demut, die Männern wie Kleinschmidt wohl auch in der Realität zu eigen war: Die Großen, die Ex-Nazis, sind in den Apparaten, etwa der Justiz, wohlversorgt untergekommen. Kleine Lichter wie er aber müssen darben und sind darüber doch nicht bitter geworden.

Staudtes Parabel über die misslingende Vergangenheitsbewältigung sieht Rudi Kleinschmidt, also Walter Giller, als Helden vor: Am Ende bringt er den im Titel genannten Staatsanwalt, jenen ehemaligen Nazi-Juristen, der ihn einst wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt hatte, zu Fall.

An Jack Lemmon gemessen

Gerade in diesem Film erwies sich Giller als perfekte Besetzung - bereits in dieser Rolle konnte er sich an amerikanischen Idolen wie Jack Lemmon messen: Giller hatte diesen gewissen Swing, diese Leichtigkeit in der körperlichen Präsenz, die so viele seiner Kollegen im deutschsprachigen Raum missen ließen.

Allein Gillers Kunst, leicht angeschickerte, also betrunkene Menschen zu spielen, war von verblüffender Art: Anders als so viele Comedians in heutiger Zeit schien sich der gebürtige Recklinghausener nie über die Objekte seiner Darstellung lustig zu machen - höchstens über sich selbst. Nicht zufällig war er deshalb einer der liebsten Schauspieler seines mit ihm alt werdenden Publikums.

Locker vom Hocker, so auch der Titel seiner erfolgreichen Comedy-Reihe in den achtziger Jahren, ist gar nicht so einfach, und Walter Giller war ein so begnadeter Komiker, dass er die Mühe und Konzentration, die zu einem gut gespielten Witz gehört, stets mitschwingen ließ. Er war ein Unterschätzter, einer, den die gebildeten Kreise gerne dem Boulevard zurechneten und übersahen, dass die Kunst, die Giller beherrschte, sich nicht in Zuspitzung erschöpfte, sondern alles mit Nuancen zu tun hatte. Dafür wurde er mit etlichen Preisen bedacht, schließlich überhäuft, zuletzt erhielt er 2006 zusammen mit seiner Frau einen Bambi fürs gemeinsame Lebenswerk.

Mehr als 50 Jahre war er mit einer der Traumfrauen des Nachkriegskinos verheiratet, mit Nadja Tiller, einst Miss Austria, später eine der glamourösesten Schauspielerinnen ihrer Zeit. Über sie sagte Walter Giller: "Meine Nadja ist für mich immer noch die schönste Frau der Welt." Ihre Liebe hielt, wie sie sich versprachen, tatsächlich ewig, 55 Jahre lang. Die letzten Jahre verbrachte das Paar in einer Hamburger Seniorenresidenz.

Walter Giller ist am Donnerstag im Alter von 84 Jahren an den Folgen seiner Lungenkrebserkrankung gestorben.



insgesamt 11 Beiträge
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ZiehblankButzemann 16.12.2011
1. Er war ein schräger Vogel!
Schade um ihn, hätte ruhig noch altersmäßig in Heesters Gefilde vorstossen sollen. Hat auf jeden Fall mehreren Generationen Freude bereitet. Locker vom Hocker, oder es bleibt schwierig. Gute Reise Herr Giller, und behalten Sie sich Ihren Schalk dort wo Sie erwartet werden, der Engel Aloisius lässt grüßen.
Rockaxe 16.12.2011
2. Schade,
aber leider trifft es irgendwann jeden. Danke für die vielen Stunden guter Unterhaltung und die nötige Kraft für Nadja Tiller, diesen Schicksalschlag so gut wie möglich zu verkraften.
sukowsky, 16.12.2011
3. Bin traurig
Zitat von Rockaxeaber leider trifft es irgendwann jeden. Danke für die vielen Stunden guter Unterhaltung und die nötige Kraft für Nadja Tiller, diesen Schicksalschlag so gut wie möglich zu verkraften.
Ein großartiger Mann mir ist es gar so wehmütig ums Herz. Wahrlich ein Edelstein. Er ist nun in einer anderen Welt und hat nun Ruh von der Erdenplage.
fuzzi-vom-dienst 16.12.2011
4. oben ohne
Zitat von sukowskyEin großartiger Mann mir ist es gar so wehmütig ums Herz. Wahrlich ein Edelstein. Er ist nun in einer anderen Welt und hat nun Ruh von der Erdenplage.
Danke für den wirklich netten und passenden Nachruf für einen der wenigen "Großen" des deutschen Kinos. Noch schöner wäre es, wenn sich der SPEGHEL es endlich mal verkneifen könnte, bei jeder passenden, meist allerdings unpassenden Gelegenheit das Wort "Nazi" einfügen zu müssen! Und es wäre noch netter, wenn mir der Webmaster endlich mal auf meine Frage antworten könnte, ob es die Rubrik "Persönliche Nachrichten" noch gibt und wo sie zu finden ist. Das interessiert bestimmt auch eine ganze Menge anderer Foristen! Danke und noch ein schönes Wochenende!
pepito_sbazzeguti 16.12.2011
5. Mein Beileid
Mein wirklich aufrichtiges Beileid gilt Walter Gillers Angehörigen. Und vielen Dank an den Autoren des Artikels, dass er unter den vielen Rollen des Walter Giller ausgerechnet den Gefreiten Rudi Kleinschmidt herausgesucht hat. Ich frage mich, wer heutzutage in einem solchen Film die Rollen von Walter Giller, Martin ("Es dreht sich ja garnicht um Schokolade") Held, Ingrid van Bergen und Werner Peters übernehmen sollte :-(
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