Französische Komödie "Zwischen den Zeilen" Widerstand ist zwecklos

Wer schläft mit wem, und welche Zukunft hat das gedruckte Wort? "Zwischen den Zeilen" mit Juliette Binoche ist die perfekte Symbiose von Telenovela und intellektueller Zeitdiagnose.

Alamode Film

Dieser Film ist radikal. Radikal narzisstisch. Das ist nur ein Grund von vielen, in ihm versinken zu wollen. Der Funke springt schnell über: Am Anfang von "Zwischen den Zeilen" steht ein Gespräch zwischen einem Verleger und einem Autor. Der eine geschäftig, der andere kulturpessimistisch. Sie setzen sich kurz hin, aber wirklich nur ganz kurz. Denn alles in diesem Film geschieht auf dem Weg oder als kleine Pause zwischen dringenden Tätigkeiten, wie ein Moment, der der Zeit entrissen wird: bezirzend beiläufig.

In dem genannten Moment geht es um Twitter. Das sei ja wie unterm Ancien Régime, also im Absolutismus, sagt Verleger Alain (von Guillaume Canet als eleganten Charmeur gespielt). Er meint es nicht abschätzig: Man wiederhole sich einfach gegenseitig die Bons-mots. Daraufhin will Autor Léonard, prototypisch larmoyant mit Vincent Macaigne besetzt, eine Litanei loswerden - über die schlimmen Idiotien der sozialen Medien und wie er sich aus alldem heraushält. Doch Alain lässt es nicht zu, Léonards angebliche Radikalität sei in Wahrheit genauso egoman wie viele der Selbstdarstellungen auf Twitter: "Radikalität ist die begehrteste Ware."

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"Zwischen den Zeilen": Lieben, lesen, leiden

Es ist ein Satz, der sich großartig entfalten lässt: Als Quintessenz des Films, der seine eigene Position als smarte, radikale Gegenwartsanalyse von Beginn an reflektiert. Zum Glück, denn als Film über Umbrüche in der Kulturproduktion kann sich "Zwischen den Zeilen" natürlich selbst aus den kritischen Überlegungen nicht ausnehmen. Gleichzeitig ist der Satz eine schlichte Weisheit über die Gegenwart im Kapitalismus, der alles relativiert, indem er auch den Widerstand eines Léonard zur Währung macht.

Überlegen darf keiner bleiben in dieser Sittenkomödie: Alain nicht, der sich weigert, Lénoards neues Buch zu verlegen, dessen Job aber bald in Gefahr ist. Léonards Freundin Valérie (Nora Hamzawi) nicht, die keinerlei Mitleid für ihren Freund hat, aber ganz leise wird, wenn der Verdacht aufkommt, er könne sie betrügen. Alains Frau Selena (Juliette Binoche) ist sowieso mindestens genauso verwundbar wie Herrin jeder Lage.


"Zwischen den Zeilen"
Originaltitel:
"Doubles Vies"
Frankreich 2018
Buch und Regie: Olivier Assayas
Darsteller: Guillaume Canet, Juliette Binoche, Vincent Macaigne, Nora Hamzawi, Christa Théret, Pascal Greggory, Lionel Dray, Sigrid Bouaziz
Produktion: CG Cinéma
Verleih: Alamode Film
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 6. Juni 2019


Olivier Assayas, Regisseur von so großartigen Filmen wie zuletzt "Die Wolken von Sils Maria" und "Personal Shopper", wandelt mit Vergnügen zwischen verschiedenen Welten. Das B-Kino, das früher in Bahnhofsnähe lief, mit seinen offensichtlichen Reizen, ist für ihn ein wichtiger Bezugspunkt. Auch wenn es wie hier um eine Selbstverständigung über Kultur und Konsum geht, hat das Profane seinen festen Platz in den Gesprächen und Beziehungen, denen er sich widmet.

Wer mit wem schläft, mit wem geschlafen hat, mit wem noch schlafen will, das wird nicht belächelt in "Zwischen den Zeilen". Im Gegenteil: Der Film macht es sich gemütlich in diesen Aspekten und genießt die zwischenmenschlichen Unwägbarkeiten. Überhaupt wirkt der Film wie die perfekte Symbiose von Telenovela und intellektueller Zeitdiagnose: Der Spaß, den Figuren in ihre Untiefen zu folgen, steht an erster Stelle.

In einer recht frühen Szene im Film liegen im Halbdunkel zwei Körper eng umschlungen, sie bewegen sich, doch sie sind nicht zu erkennen. Bis plötzlich das Lachen der Frau ausbricht: unverkennbar Juliette Binoche. Und der Mann, der Selena vom Aufbrechen abhalten will, entpuppt sich als Léonard. Die Affäre des Autors mit der Frau des Verlegers formt den Rest des Films: Selena beginnt Einfluss zu nehmen, damit Léonards Buch doch noch erscheint. Einstweilen wird Léonards Beziehung auf die Probe gestellt.

Im Video: Der Trailer zu "Zwischen den Zeilen"

Alamode Film

Selena und Léonard perspektivieren auch die Erzählung, weil sich beide dem Zeitgeist verweigern. Während alle anderen darüber nachdenken, wie man ihn fürs Geschäft nutzen kann. Ständig wird der Literaturbetrieb diskutiert, nicht zuletzt beim Essen unter Freunden auf der Couch. Während sich das Bildungsbürgertum leidenschaftlich über Vor- und Nachteile der Digitalisierung streitet, lungert der eine auf dem Boden und nimmt die andere den Teller auf den Schoß. Mit vollem Mund reden sie über das kritische Bewusstsein, dass sie sich beim Konsum wünschen.

Es ist das Bild des Films: verführerisch widersprüchlich.



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