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DESIGN Klassenloses Sitzen

Stahlrohr statt Holz, Leder statt Plüschpolster - die Nachfrage nach dem »Freischwinger«, dem Stuhl ohne Beine, scheint grenzenlos. *
aus DER SPIEGEL 44/1986

In Werbeagenturen steht er demonstrativ auf Fluren herum, auf Vorstandsetagen wird er dutzendweise an die Konferenztische gerückt. Deutschlands designbewußte Zahnärzte schmücken damit ihre Warteräume, und mancher Vorort-Figaro schiebt ihn gern seinen Kundinnen zur Dauerwelle unter.

Das beinlose Sitzmöbel, unter Laien als »Freischwinger« bekannt, von Fachleuten Kragstuhl genannt, ziert mittlerweile die Eßzimmer in Villen ebenso wie Studentenbuden und Sozialwohnungen - es wurde zum »derzeit meistgefragten (Stuhl-)Modell in Deutschland«, wie der Möbelhändler Wolfgang Meyer-Rässler behauptet, der in seinen vier »Melodrom«-Häusern »monatlich rund 1500 Stück davon verkauft.

Annähernd 300000 Freischwinger, schätzt Meyer-Rässler, werden jährlich in deutsche Wohnungen und Büros, Läden, Bars und Restaurants placiert. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis der wippende Stahlrohrstuhl vom Ladenhüter zum Bestseller aufstieg und schließlich als klassenlose Sitzgelegenheit akzeptiert wurde. Mindestens genauso lange hält der Streit darüber an, wer ihn erfunden hat.

Als Anwärter auf diese Ehre gelten der holländische Architekt Mart Stam, der seiner Frau 1926 einen Freischwinger aus gebogenen Gasrohren schenkte, aber auch der Ungar Marcel Breuer, der um dieselbe Zeit mit Stahlrohrmodellen

experimentierte, die nicht - wie alle Stühle bis dahin - auf vier Beinen standen. Ende der zwanziger Jahre lehrten beide Entwerfer am Staatlichen Bauhaus Dessau, jener Entwicklungsstätte deutschen Designs, die wegen ihrer strengen Linien und funktionalen Formgebung weltberühmt wurde. Wer von wem abgekupfert hat, blieb bislang ungeklärt.

Aber auch zwei deutsche Handwerker erhoben Anspruch, an der Entwicklung des Kragstuhles mitgewirkt zu haben: Der Stuttgarter Schlossermeister Gerhard Stüttgen bog bereits 1923 an Rohren herum, bis ein hinterbeinloses Sitzgestell entstand. Und der Aachener Steinmetzsohn Ludwig Mies van der Rohe, der später das Bauhaus leitete (1930 bis 1933), dann in Chicago und New York Wolkenkratzer (ab 1940) und in Berlin die Neue Nationalgalerie (1968) baute, meldete seinen ersten Freischwinger 1927 zum Patent an, zwei Jahre später entwarf er den besonders eleganten Armlehnsessel »Brno«.

Alle Entwürfe basierten auf dem gleichen Prinzip: An einem durchgehenden, mehrfach rechtwinklig gebogenen Rohr oder Stahlprofil, das am Boden eine U-förmige Kufe bildet, sind Sitz und Lehne befestigt. Der Stahlrohrrahmen ist besonders stabil, läßt sich in industriellen Großserien fertigen und bietet, bedingt durch Material und Konstruktion, einen angenehmen Wipp-Komfort.

Jahrzehntelang prozessierten Firmen wie Thonet und Knoll International um die wertvollen Lizenzen und Nachbaurechte. Richter sprachen verblüffende Urteile. So darf der weltweit wohl erfolgreichste Freischwinger, der Typ »Cesca« von Marcel Breuer, von Knoll in allen Ländern verkauft werden, nur nicht in der Bundesrepublik. Hier wird das Modell - nur unwesentlich verändert - als Stam-Entwurf von der Firma Thonet vermarktet; urheberrechtliche Gründe verbieten Knoll den Nachbau.

Aber die Knoll-Manager wollen den Kampf nicht aufgeben. »Aufgrund neuer Recherchen«, hofft Knoll-Geschäftsführer Jürgen Bargende, »werden wir vermutlich wieder vor Gericht gehen.« Mut schöpft Bargende aus einigen Absätzen im Ausstellungskatalog, der zur Eröffnung des Stuhlmuseums Burg Beverungen Anfang Oktober erschienen ist. _(Axel Bruchhäuser: »Der Kargstuhl«. ) _(Alexander Verlag, Berlin; 144 Seiten. )

Autor Axel Bruchhäuser, dessen Firma Tecta jeden Monat fast 1000 Breuer-Stühle produziert, hat bislang kaum beachtetes Archivmaterial ausgewertet, das nun Breuers Rechte am »Cesca«-Modell belegen und damit eine Wiederaufnahme des Verfahrens rechtfertigen könnte.

Bis dahin muß sich Knoll in der Bundesrepublik mit dem Verkauf von jährlich rund 3000 Freischwingern, darunter diversen Mies-Modellen, begnügen, während Konkurrent Thonet auf die zehnfache Stückzahl kommt, zu Preisen bis zu 3000 Mark pro Stuhl. »Ein richtiger Boom«, freut sich Thonets Verkaufsleiter Hans Seibert, »der bestimmt noch einige Jahre anhalten wird.«

Das große Geschäft mit den Freischwingern geht jedoch an den Traditionsfirmen vorbei, denn die meisten Käufer bedienen sich woanders. Weil Möbelentwürfe in den meisten Ländern urheberrechtlich nicht geschützt werden können, produzieren Kleinhersteller vor allem in Italien Billigkopien berühmter Originale, die bei der Metro und in großen Möbelmärkten zu Preisen ab 69 Mark verramscht wurden.

»Das sind Schmarotzer und Trittbrettfahrer«, schimpft Knoll-Manager Wolf Kaiser. »Wie soll ich einem Kunden klarmachen«, klagt der Hamburger Möbelhändler Rudolf Beckmann, »daß die Original-Reproduktion bei mir das Fünffache kostet?« Um sich nicht ständig als Wucherer schmähen lassen zu müssen, hat Beckmann die Freischwinger aus dem Schauraum ins Lager verbannt. Nur auf Wunsch werden die Modelle von Mies, Breuer und Stam hervorgeholt - für Käufer, die wissen, »daß Lederqualität und Stahlrohre der Billigstühle nicht viel taugen« (Beckmann).

Doch die meisten Interessenten kümmern sich nicht um die Herkunft der Stühle. Sie schauen nicht besorgt unter den Sitz, »um festzustellen, ob es ein Original ist«, wie Thonet es in einer aufwendigen Werbekampagne eindringlich empfahl.

Vom Trend zum Freischwinger aus Chromrohren und Lederlehnen oder Korbgeflecht profitieren längst zahlreiche Hersteller, die mit modernen Varianten den Streit um das Copyright umgehen. Massen-Möblierer Ikea setzt jedes Jahr Zehntausende von Kragstühlen ab, die von der Kundschaft zu Hause selbst montiert werden müssen. Auch Büroausstatter, etwa Wilkhahn oder Klöber, auf hinterbeinloses Konferenzgestühl spezialisiert, haben sich an den Boom angehängt, wie sich letzte Woche auf der Büromesse Orgatechnik in Köln wieder zeigte: Ein gutes Dutzend neuer Entwürfe, vom schlichten Besucherstuhl bis zum aufwendigen Chefsessel, wurden den Einkäufern vorgeführt.

Mit der Nachfrage nahm auch das Interesse für die jeweiligen Designer zu - nicht immer zum Vorteil der bislang gefeierten Formkünstler. So entlarvte Möbel-Experte Bruchhäuser in seinem Buch noch einen weiteren Design-Erfolg als mögliches Plagiat.

Der von dem Dänen Verner Panton 1960 vorgestellte erste Kunststoff-Kragstuhl ("Panton Chair") ähnelt stark einem Entwurf seines Landsmannes Aagaard Andersen. Der hatte ein sehr ähnliches Modell schon 1953 geschaffen, jedoch aus Kostengründen nicht produzieren lassen. »Später war ich platt«, berichtet Andersen, »wie andere das Design übernommen haben.«

Axel Bruchhäuser: »Der Kargstuhl«. Alexander Verlag, Berlin; 144Seiten.

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