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GASTSTÄTTEN Klassisches Nichts

Das Cafe Kranzler am Kurfürstendamm wechselt den Besitzer. Das Haus wird umgebaut und soll verlorenes Renommee zurückgewinnen. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Am Freitagabend dieser Woche will sich, im dritten Fernsehprogramm, der Autor Wolfgang Menge mit dem Besitzer einer Samenbank unterhalten. Das Gespräch gehört zur Talkshow »Leute« und kommt aus dem Cafe Kranzler in Berlin - wie schon anderes Geplausch mit Esther Vilar und Heinrich Lummer, Drafi Deutscher und Daniel Cohn-Bendit.

Die Beliebigkeit der Gesprächspartner ist typisch für den schalen Nachkriegsbau mit dem traditionsbeladenen Namen: Nie bekam er einen Charakter wie das Stammhaus Unter den Linden, nie konnte er an den Ruf der alten Dependance am Kurfürstendamm anknüpfen. Nachkriegs-Kranzler war wie kalter Kaffee: uninteressant.

Das soll sich nun ändern. Die Kempinski AG hat den Restaurationsbetrieb an den Schweizer Kaffee-Konzern Merkur und die westdeutsche Konfektfirma Most abgegeben. Die neue Wirtschaft will Haus und Leumund wieder aufmöbeln - »mit Schweizer Gastlichkeit in Berliner Ambiente«.

Die Melange entspricht ältester preußischer Cafehaus-Tradition. Schweizer

Zuckerbäcker beherrschten zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Konditoreiwesen Norddeutschlands. Ihre Lese-Cafes prägten das Bild des biedermeierlichen Berlin. Confiseure legten ausländische Zeitungen aus und schenkten echten Mokka ein - nicht jenen Mocca faux, den sich, in der Hauptstadt der Zichorie, auch französische Besatzungssoldaten vorsetzen und die Berliner sich als »Muckefuck« munden ließen.

Die »Estaminets«, die kleinen Cafehäuser der Schweizer, gewannen im Vormärz enorme Bedeutung als Versammlungsstätten Gleichgesinnter; jedes, das »Spargnapani« und das »Giovanoli«, das »Stehely« und das »Josty«, hatte seinen speziellen Charakter, je nach Stand, Hang und Bedürfnis der Gäste.

1824 drang in das Monopol der Eidgenossen der Wiener Zuckerbäcker und preußische Hofkonditor Johann Georg Kranzler ein. Er erwarb für 25 Taler den Berliner Bürgerbrief und kaufte für 32 000 weitere Taler ein Eckhaus an der Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden. Die Straßenkreuzung war schon damals die bekannteste und beliebteste Stelle Berlins, sie wimmelte von Fußgängern, Pferden und Fuhrwerken. (Später wurde hier der Verkehr von einem Polizisten mit einer Trompete geregelt.)

Das war die ideale »Perspektive« für das berüchtigte »Kranzlersche Dandytum«. Denn bei Kranzler gab es keine politischen Debatten und keine Oppositionsjournale. In dieser Konditorei, urteilte damals ein Cafehaus-Kenner, hatte »das klassische Nichts seinen glänzendsten Ausdruck gefunden«. Bei Kranzler, schrieb der Sozialist Ernst Dronke 1846 in seinem von der preußischen Zensur verbotenen Reportage-Buch »Berlin«, »treten die Offiziere und jungen Fashionables ein. Man ißt hier nur Eis, verzehrt Kuchen und trinkt Schokolade; die Unterhaltung betrifft nichts anderes als Pferde, Hunde und Tänzerinnen«.

Bevorzugter Lästerplatz, »Walhalla der Gardeleutnants« genannt, war die »Rampe«, eine schmale, von eisernem Geländer eingefaßte Terrasse, auf der die jungen Herren sich zwanglos niederließen und die Beine auf das Geländer streckten, um die Vorübergehenden »mit vornehmer Ungezogenheit zu lorgnettieren« (Dronke). Der Maler Theodor Hosemann und andere Künstler des Biedermeier haben die Szenerie in zahlreichen Graphiken dargestellt.

Die zivilen Dandys unter Kranzlers Gästen standen in ihrer Blasiertheit den Gardeleutnants nicht nach. Eine zeitgenössische Typologie der Kranzlerschen Habitues liest sich wie eine Satire: »Junger, müßiger Adel, der in der Residenz seine Revenuen verzehrt; feine Welt, die sich von der Abgeschiedenheit der Rittergüter erholt; Bonvivants, die ihre Zeit bis zum Diner ausfüllen müssen; Galans, die ihre Schönen regalieren.« Und da konnte es auch nicht an Fremden fehlen, »die Kranzlersches Eis essen mußten, um daheim von den Herrlichkeiten der Residenz erzählen zu können«.

Nachdem Amüsement und Müßiggang der Residenz sich zwischen den Kriegen von der Friedrichstadt in den Berliner Westen verlagert hatten - und der Kurfürstendamm nicht nur für den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe »das größte Cafehaus Europas« geworden war -, entsprachen auch die Kranzler-Nachfolger dem Trend: Sie richteten an dem Boulevard eine Filiale ein.

Doch Kranzler am Kurfürstendamm erlangte nie den Ruhm seiner benachbarten Konkurrenten wie das »Romanische Cafe« oder das »Cafe des Westens« alias »Größenwahn«. Bald kamen die Nazis über die Stadt; es war keine Zeit mehr, Cafehaus-Cercles zu bilden.

Im Zweiten Weltkrieg ging die Ku'damm-Dependance zu Bruch wie das Stammhaus Unter den Linden. An beiden Ecken entstand Gesichtsloses neu: im Osten ein Apartmenthaus mit Verkaufsstellen für sozialistische Luxusgüter, im Westen ein fader Glaskasten mit aufgesetztem Teepavillon.

Gäste? Weder Verschwörer noch blasierte Dandys, keine Boheme - Kranzler konnte nicht mal ein Cafe der unverstandenen Frauen werden.

Das Allerweltspublikum, das durchging - vom Rentner bis zum westdeutschen Pauschaltouristen -, bekam immerhin was zum Gaffen: Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Polizisten fanden seit den 60er Jahren bevorzugt auf der Kranzler-Kreuzung statt.

Mitunter nahmen die Gäste auf der Terrasse direkt teil am Geschehen: Von den Steinewerfern wurden sie ebensowenig geschont wie von den Wasserwerfern der Polizei.

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