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KUNSTMARKT / PROSPECT Klavier in Filz

aus DER SPIEGEL 39/1968

Aus Furcht vor Sabotage gingen die Ausstellungs-Strategen in Deckung -- bis zur Eröffnung hielten sie die Mannschaft der Avantgarde Messe »Prospect« in der Düsseldorfer Kunsthalle geheim. Denn dem Unternehmen drohte Schaden von der »Nachgeburt eines karnevalistischen Lokalpatriotismus« -- so Kunsthallen-Chef Karl Ruhrberg.

»Prospect«, die Düsseldorfer Parallele zum erstmals 1967 veranstalteten Kölner »Kunstmarkt«, hatte zwischen den nachbarlichen Jecken-Metropolen ein so heftiges Werben und Abwerben um Aussteller hervorgerufen, daß die Düsseldorfer ihre Kandidaten nur noch durch Anonymität hinlänglich vor den Versuchungen der Konkurrenz behütet glaubten.

Erst zur »Prospect« -Premiere am letzten Donnerstag, knapp vier Wochen vor der ersten »Kunstmarkt«-Reprise, stellten sie ihr Team vor: eine ansehnliche internationale Phalanx von 16 Avantgarde-Galerien, in der das vorangegangene Gerangel jedoch merkliche Lücken hinterlassen hat. Offensichtlichster Ausfall: Unter den 16 ist nur eine deutsche Galerie.

Inländischen Teilnehmern war vor einem Jahr der »Kunstmarkt« vorbehalten, den 18 Galeristen, zum »Verein progressiver deutscher Kunsthändler« formiert, zuerst in Köln, später eventuell in anderen Orten abhalten wollten. Nach dem verblüffend rentablen Start des Basars besprachen Vereinsmitglieder aus Düsseldorf alsbald mit dem Direktor Ruhrberg ein Markt-Gastspiel in seiner geräumigen Kunsthalle. In Ihrem Klub jedoch konnten sie sich nicht durchsetzen.

Dafür heckten zwei weitere Düsseldorfer, der Kritiker Hans Strelow und der Galerist und Maler Konrad Fischer, einen neuen Plan aus: eine Vorschau der Avantgarde-Galerien.

Das nun unter dem Namen »Prospect« realisierte Unternehmen soll vor allem das deutsche Publikum frühzeitig mit den Neuigkeiten der weiten Kunstwelt bekannt machen. Im Idealfall zeigen die fortschrittlichsten Galerien, von einer internationalen Jury ermittelt, alljährlich in Düsseldorf ihr Programm für die beginnende Saison.

Beim erstenmal allerdings konnte der Preisrichter-Spruch nur teilweise vollstreckt werden. Von sieben erwählten US-Galerien zum Beispiel kam nur die Firma Dwan, Spezialhandlung für Minimal Art. Dem Spitzenreiter der Jury, dem hochgerühmten, doch finanzschwachen New Yorker Talente-Entdecker Dick Bellamy, und auch seinem potenten Kollegen Sidney Janis war ein Transport nach Deutschland zu teuer; andere Händler beugten sich -- laut Mutmaßung der »Prospect«-Macher -- Pressionen aus dem Lager der »Progressiven«.

Unter Konkurrenzdruck hatten die Kölner den schon zuvor gefaßten Plan forciert, auch Ausländer zum Markt zu laden; doch Vertretungen an beiden Orten wollten sie nicht dulden. Vor solcher Alternative entschied sich freilich die Züricherin Renée Ziegler für Düsseldorf, und Ileana Sonnabend, Paris, die den deutschen Kunstmarkt für den »aktivsten in Europa« -- hält, traf ein elegantes Arrangement: Sie selbst ging zum »Prospect« und schickt dafür ihren US-Geschäftspartner und Ex-Gatten Leo Castelli nach Köln.

Solche Möglichkeiten hatten die sieben ausgewählten Deutschen nicht. Vier (Müller, Ricke, Schmela, Zwirner) lehnten sofort ab, zwei später und unter Druck: Der Berliner René Block und der Münchner Heiner Friedrich mußten sich »enttäuscht« (Block) auf den für sie wichtigeren »Kunstmarkt« beschränken. Lediglich die Essener Galerie Thelen vertritt nun Deutschland beim »Prospect«.

Das fertige Arrangement in Düsseldorf jedoch gibt der Konkurrenz Furcht der Kölner unrecht -- weit eher als eine Messe ist es eine Kunst-Ausstellung, moderner als die »Documenta«. Die 16 Galerien profilieren sich zumeist mit radikalen, nur theoretisch verkäuflichen Novitäten.

So hat sich die Mailänder Galerie Apollinaire darauf beschränkt, von dem Franzosen Buren eine Ecke ihres Raumes mit grünen Streifen tapezieren zu lassen; Fraser, London, zeigt lediglich »41 Schafe«, lebensgroße Plastiken des Briten Monro; im Dwan-Raum wird das Messingschild zu einem »Office«-Building gezeigt -- einem Haus-Projekt, das der Kalifornier Kienholz teils mit Menschen, teils mit Puppen bevölkern möchte.

Im Kabinett der Antwerpener Firma »Wide White Space« hat der Düsseldorfer Akademie-Professor Beuys -- mangels deutscher Galerien einer von nur wenigen deutschen »Prospect«-Künstlern -- einen mit Filz verkleideten Konzertflügel aufgestellt. Ein weiterer Landsmann: der Pop-Artist Peter Klasen, der bei Mathias Fels & Cie aus Paris zu gemaltem Badezimmer-Inventar ein dreidimensionales illuminiertes WC präsentiert.

Fels bietet auch den einzigen gängigen Messe-Artikel feil -- 300 vom Franzosen Jean-Pierre Raynaud betonierte und rot lackierte Blumentöpfe zum Stückpreis von 25 Mark. Absatz am Eröffnungsabend: 15 Exemplare.

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