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»Kleinbürger mit Zahnweh im Herzen«

aus DER SPIEGEL 6/1976

Sein erster Versuch mit dem Film »ging ziemlich in die Hose«. Es war eine Sache fürs Fernsehen. Peter Stein drehte sie 1967 im Anschluß an seine erste Theaterregie, Edward Bonds »Gerettet«, durch die er mit einem Schlag berühmt geworden war.

Stein wollte »eigentlich schon immer gern Filme machen«, ist aber nach seinem Fernsehdebakel aus künstlerischen Skrupeln beim Theater, dem »ganz anderen Weg«, geblieben. Er hat dann dort mit Erfolg alles getan, um »ausgelatschte Pfade« zu vermeiden.

Seine Inszenierungen. wie die von Ibsens »Peer Gynt« und Kleists »Prinz von Homburg«, wurden von Kritikern als Höhepunkte gefeiert, und die von ihm geleitete Schaubühne in Berlin gilt als Deutschlands bestes Theater.

Jetzt ist Peter Stein, nachdem er jahrelang »über den Gartenzaun schielte«, doch noch bei dem »tollen Spielzeug« Film gelandet.

Ab Freitag läuft in deutschen Kinos sein erster Spielfilm, »Sommergäste«, den er nach einem Stück von Maxim Gorki gedreht hat. Vor den Filmarbeiten inszenierte Stein die »Sommergäste« auch in der Schaubühne. Die Aufführung hatte ungewöhnlichen Erfolg, sie wurde seit der Premiere im Dezember 1974 knapp hundertfünfzigmal gezeigt.

Die Uraufführung war 1904 im vorrevolutionären Rußland und machte ziemlichen Wirbel. Gorki nahm in dem von eigenen Erlebnissen inspirierten Stück den »verspießerten Kulturmenschen« und die »kleinbürgerliche Intelligenz« aufs Korn: Er sah sie nur noch mit ihrem »Zahnweh im Herzen« beschäftigt und in »schmählicher Tatenlosigkeit« versackt.

Ein verbohrter Bürgerfresser war der aus kleinen Verhältnissen stammende Gorki deswegen nicht. Er war für die Revolution, stellte sich aber nach der Oktoberrevolution als Verteidiger der »Arbeiter des Geistes« und der bürgerlichen Kultur gegen die Bolschewiki. Sein Festhalten an kulturellen Traditionen führte später zum Bruch mit Lenin.

Gerade seine Widersprüche machten Gorki für Stein und das Schaubühnen-Ensemble interessant. »Er war ein ganz entschiedener politischer Kämpfer, der alle hochgestimmten Aspekte dieser Haltung erfahren und gestaltet hat, bei zugleich unheimlicher Empfänglichkeit«, schwärmt Stein, »für auch noch das letzte künstlerische Raffinement.«

Für das »Sommergäste«-Stück entschieden sich er und seine Mitarbeiter, weil man mit ihm »ganz ausgezeichnet auf gegenwärtige Verhältnisse hindurchgucken kann«. Der Film führt den Zuschauer auf eine sommerliche Datscha« die idyllisch inmitten eines Wäldchens liegt. Ein Dutzend konventioneller Bürger, gekleidet im Stil der Jahrhundertwende, macht dort Sommerferien. Nicht gerade frohe.

Diese Leute, von Beruf Rechtsanwalt, Arzt, Ingenieur, haben einmal ganz unten angefangen; jetzt fühlen sie sich nicht mehr wohl in ihrer Haut, unter der sich satte, aber unzufriedene Leiber verbergen. Sie reden, debattieren und jammern in einer Tour. Sie wissen nicht, was sie mit ihrem Leben noch weiter anfangen sollen, plagen sich mit Gewissensbissen herum und fallen einander unablässig mit Vorwürfen, Selbstbezichtigungen und Sentimentalitäten auf die Nerven.

»Alle Welt leidet jetzt an diesen Stimmungen«, sagt einer von ihnen, der sich heraushalten will und dann mit einem Glas Rotwein unter einem Baum seiner Frau bekennt, daß er »immer weicher« wird. Er will sich seit Jahren mit ihr aussprechen, aber es gelingt nicht mehr. Die Entfernung scheint unüberbrückbar geworden, man lebt geduldig neben dem anderen her und dreht sich nur noch im Kreis der eigenen reduzierten Existenz.

»Im Medium von Empfindungen, Ahnungen, Sehnsüchten und verschwärmten Reden« werden in dem Film, meint Peter Stein, »politische Gegenstände verhandelt«, die mit der »heutigen Situation ähnlicher Menschen« zu tun haben.

»Mangelnde Realerfahrung« sei vor allem schuld an dem Weltschmerz dieser aufgeklärten, privilegierten »Sommergäste«, die alles wissen, aber über ihre vagen Weltverbesserungsträume nicht hinausfinden. Im Film kommt ihre Tatenlosigkeit in dem »fashionablen Einverständnis, daß etwas verändert werden muß«, zum Ausdruck und andererseits in »resignativen Attitüden«.

Die Männer kommen bei Gorki und Stein dabei ·schlechter weg als die Frauen. Der einzige Mann, der unter den »Sommergästen« Unruhe stiftet, macht das »typisch männlich«, nicht so ernsthaft wie die Frauen, er verhält sich schillernd, »mal hochfahrend, wichtigtuerisch, dann betont lässig, dann wieder mit ganz besonders viriler Heftigkeit, aber immer ironisch«.

Dagegen gehen die Frauen, sagt Stein, »voll ran": »Ich bin heilfroh, daß die da so rummachen. Aber nur, weil ich Frauen mag.« Er hält sich frei von den Illusionen feministisch »angemachter« Kritiker, daß in den »Sommergästen« die Frauen mehr Kraft und Chancen zur Veränderung hätten.

Aber »das läßt sich ganz gut verhackstücken an Frauen, weil man denen einfach zubilligt, daß sie halt mal spinnen und rebellisch und emotional sind«. Sosehr sich Stein dagegen wehrt, seinen Film, »der ja auch Spaß bringen soll«, auf eine politische Moral festlegen zu lassen, bewirken will er mit ihm doch etwas. Er sieht ihn als Votum für unbedachte, mutige Handlungen, für ein emotionales Aufbäumen und dafür, sich auf riskante Verwicklungen einzulassen; als »Votum gegen Angst. Schiß« zehnmaliges Nachfragen, wieder Angst«.

Allein schon deswegen sind Steins »Sommergäste« weit entfernt von den verbiesterten, trägen und lauen Bemühungen, die deutsche Filmer gerne im Kino bieten. Sein Film ist ein kraftvolles kleines Meisterwerk von internationalem Rang und mit unvergleichlichen schauspielerischen Qualitäten.

Schauspielerei bedeutet für ihn »weitestgehende Entfaltung von Körper und Psyche«, heißt »fremde Erfahrungen und Empfindungen durch den eigenen Körper jagen«. Das vermittelt sich in den »Sommergästen«, in die »wir«, so Hauptdarstellerin Edith Clever, »auch unsere eigenen Unfreiheiten und Sehnsüchte mit einbrachten«, oft geradezu gewalttätig, obgleich es ein »reiner Quasselfilm« ist. Die hochliterarischen Vorgänge spielen sich in den Gesichtern und Dialogen oft mit Actionfilm-Intensität ab.

Stein schätzt denn auch besonders die Art von »kintoppmäßiger Veranstaltung«, bei der man »die Augen und Ohren aufreißen kann« und »die sich wie eine Currywurst am Kiosk verzehren läßt«. In die Spektakelrichtung würde er selber gerne marschieren, Abenteuer- und Märchengeschichten verfilmen: »Hölderlins »Empedokles« zusammen mit Hollywoods »Weißem Hai«, das wäre nicht schlecht.«

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