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Kleines Unglück, starre Körper

Die Schriftstellerin und Publizistin Karin Reschke lebt am Bodensee und veröffentlichte im Frauenverlag »Texte zum Anfassen« sowie Gedichte in verschiedenen Zeitschriften. Als Journalistin arbeitete sie für den SFB und den »Tagesspiegel«; mehrere Arbeiten erschienen im »Kursbuch«. Der Film »Die Spitzenklöpplerin« ist in jüngster Zeit besonders von Frauenzeitschriften heftig kritisiert worden.
aus DER SPIEGEL 29/1978

Immer wieder zieht"s mich in die Kinomisere der Weiblichkeit aus Männersicht; angefangen hat das bei mir mit Bergmans Film »Wie in einem Spiegel« -- die morbide Psyche der Frau als Beschreibungsobjekt von Männern, die sich für »Frauenkenner« halten, empfunden, erdacht und verfilmt.

»Die Spitzenklöpplerin«, ein Film des Schweizers Claude Goretta nach einem Roman von Pascal Lainé, ist eher leise in unsere Kinos gekommen, von den bewegten Frauen okkupiert und zerredet -- sie werden demnächst alle Filme, in denen Frauen vorkommen, für ihre Sache trimmen -, von den anderen ebenso leise und verhalten aufgenommen, ein bißchen Märchen, ein bißchen »heile Welt« und ein wenig Traurigkeit, aber vor allem eine Geschichte über die Klassenunterschiedeliebe zwischen dem Friseurmädchen Beatrice und dem Philosophiestudenten Francois.

* Mit Isabelle Huppert (vorn) und Florence Giorgetti.

In den ersten Einstellungen sehe ich Béatrice gefällte Haarlocken zusammenkehren, am Boden herumkriechen mit Schippe und Besen, und die Hand aufhalten für ein kleines Trinkgeld. In der Hierarchie der Friseure das unterste Glied: der Lehrling, 18 Jahre alte Beatrice, aber gewandet in weiche, erotisch anmutende Gewänder, der Alltag hockt draußen auf der Straße, die Atmosphäre im Damensalon ist auffällig exklusiv, vornehm zurechtgemacht und gelockt. Beatrice vorm Spiegel, das Gesicht mit Farben zugedeckt, von ihrer Freundin Marylène angeregt, sich doch immer so anzumalen, um schöner zu werden.

Aber Béatrice fühlt sich nur fremd und unsicher, entschminkt sich und geht mit zu Marylène nach Haus, die Freundin, eine kreischige Schönheit. die ihre Reize raffiniert verkleidet, als hätte sie jede Sekunde ihren großen Auftritt in der Liebe. Die stille Beatrice verfolgt mit keuschen Augen Sinnen und Trachten einer lebenshungrigen Frau, man sieht sie förmlich erröten, als sich Marylène in der Badewanne räkelnd für ein Rendezvous präpariert.

Und es kommt, wie es kommen muß, Marylène hat Pech mit ihrem Liebhaber. er läßt sie nach drei Jahren Liaison im Stich, sie trotzt und heult, will aus dem Fenster springen, fühlt sich beschissen. sinnt aber im nächsten Moment auf Abhilfe und will sich sofort und auf der Stelle in das nächste Abenteuer stürzen. Am Rande blüht die unschuldige Béatrice. sieht zu tröstet und begleitet Marylène schließlich auf eine Ferienreise ans Meer in ein vornehm abgestandenes Bad in der Normandie. sie bewohnen ihrem Einkommen angemessen ein sauberes. einfaches Zimmer in einer Pension.

Hier versucht Claude Goretta die beiden Frauen in ihrer Hilflosigkeit. Leben zu ergattern, ganz dicht aneinanderzuretten, noch ehe die Strandung beginnt. Ganz allmählich zeichnet er das Gesicht von Béatrice auf, Augenränder, die empfindsam gerötet auf die Entzündungsbereitschaft der Seele hinweisen, das Schicksal fängt ebenso langsam an -- der Zuschauer weiß es längst -, seine Schatten vorauszuwerfen, Beatrice wird eine unglückliche Liebe haben und daran zerbrechen.

Aber wie das geschieht, bekannt und doch neu, intensiv bebildert, von isabeile Huppert als Beatrice ganz sensibel nacherlebt und gespielt, und ganz unpathetisch erzählt, hat mich zum einen beeindruckt und zum anderen auf den Weg zurückgebracht zu Bergmans »Wie in einem Spiegel«, wo die Frau ganz irregeleitet von Wahn und Phantasien. den Männern zur Beobachtung und Aufzeichnung ihrer Gefühle dient, in die Saukälte ihrer engen Welt hinausgetrieben. Als wären in den Jahren zwischen Bergman und Goretta keine Veränderungen zwischen den Geschlechtern zu verzeichnen, als läge die Unschuld des Weibes noch immer

* Mit Isahelle Huppert und Yves Beneyton

ungebrochen auf dem Tablett zur Zerstörung durch den Mann bestimmt.

Beatrice hat nur ihr Gefühl, keine Sprache. keine Bildung. Francois hat alles, was das Leben angeblich lebenswert macht, seinen Intellekt. seine gehobene Herkunft und Verklemmtheit. seine mit Arroganz ausgestattete Unsicherheit, seine Sprache und gleichgesinnte Freunde.

In der Schilderung des Familienfrosts auf dem Landsitz von Francois Eltern greift Goretta zu den Stilmitteln eines Chabrol, unterkühlt er die Beziehungen zwischen dem wohlhabenden Elternpaar und dem Sohn, der ihnen Beatrice vorstellt, man weiß plötzlich zu genau, warum Francois so geworden ist, wie er ist, der verengte Mund der Mutter, ihre spitzen Bemerkungen bei Tischund ihr unausgesprochenes Wissen um die Herkunft Béatrices ("ein sehr ehrliches Mädchen« -- auch Dienstmädchen sind meistens ehrlich) machen die Szene nahezu unerträglich. Aber Goretta geht weiter als Chabrol, Beatrice verschluckt sich an einer Fischgräte, gerät in Panik und zieht damit alle Spannung aus den starren Körpern auf ihr kleines Unglück, die unausstehlichen Bilder lösen sich damit auf.

In einer anderen Szene bei Francois' Freunden wird unnahbar beredt engagiert politphilosophisch diskutiert, man hat den Eindruck, alle beteiligten Personen frieren dabei, die intellektuellen Bauchaufschwünge werden um ihrer selbst willen betrieben, Beatrice lächelt still, unbeteiligt-beteiligt, später fragt sie Francois, als er sich zu Hause wascht. was Dialektik ist, und erhält einen diffusen Schwall von Antworten. ohne daß die Widersprüche und Wahrheiten ihrer Beziehung zur Sprache kommen.

Beatrice soll sich lediglich ändern. sie soll ihre Lehre aufgeben und Kurse besuchen, Beatrice soll so werden, wie Francois es sich vorstellt -- eine intellektuelle zum Vorzeigen. Das Mädchen kann aber aus seiner Haut nicht heraus, die Trennung vollzieht sich nahezu stumm, die Augen von Beatrice scheinen sich für immer zu entzünden. Unaufhaltsam bricht die schweigende Welt des Mädchens in sich zusammen, sie kommt in eine Nervenklinik und wird dort Monate später anstandshalber von einem feigen, mit Selbstmitleid zugeschütteten Francois besucht.

Wie eine Heilige geht Beatrice auf ihn zu und berichtet in Phantasien von ihrem ereignisreichen Leben während ihrer beider Trennung, ihre Augen sind voller Erinnerung, ihre Lippen sprechen eine Sprache, die Francois nur zu gut versteht, aber in seiner repressiv-arroganten Art kann er nicht auf sie eingehen.

Als er von ihr weggeht, sieht man ihn außer sich mit übertrieben schmerzverzerrtem Gesicht. während Béatrice von ihrem Wahn zusammengefaßt an ihren Platz in der Klinik zurückkehrt. sich an den Tisch setzt, das Strickzeug aufnimmt, mit den Nadeln klappert, während die Kamera auf die Touristenplakate an der Wand des Gemeinschaftsraumes in der Klinik zuläuft; die Phantasien der Beatrice haben einen realen Hintergrund, die Erinnerungen an den Strand in der Normandie, die Zeit des Kennenlernens, der erste Augenblick eines »immerwährenden« Glücks, und die Immerwiederzweifel der Köpfe hinter der Kamera.

Wieder fällt mir Bergman ein, die Leidensfähigkeit der Frau als verkappte Heldenverehrung darzustellen, meine stille Wut in der Brust, daß Frauen nicht anders als über Wahn ihre Gefühle zum Ausdruck bringen können, das Irrewerden an den Widersprüchen, die sich nicht aussprechen lassen, kein Wandel zwischen den Welten der angeblich Gebildeten, die aus ihrem emotionalen Wust einen irrationalen Intellektualismus aufbauen, damit sie sich selbst und alle Béatrices der Welt beherrschen können.

Am Ende des Films taucht im Nachspann das Zitat auf, das dem Film und jenem bestimmten Männerbewußtsein die Krone aufsetzt: »Ein Maler von früher hätte sie zum Gegenstand eines Genrebildes gemacht. Er hätte sie als Wäscherin dargestellt, als Wasserträgerin ... oder Spitzenklöpplerin.«

Was das heißt, zeigt Goretta sehr deutlich und einfühlsam, das schwache Geschlecht wird so lange schwach bleiben. solange es nicht mit Nadel und Faden die Hirngespinste der Männer und die Träume von der Befreiung der Frau gesäumt und vernäht hat.

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