Gemäldeklebergalerie Klimaaktivismus in Museen – die gesammelten Werke

Mehl auf Warhol, Kartoffelbrei auf Monet, Tomatensuppe auf van Gogh: Wie begründen die Klimaaktivisten, warum sie welches Kunstwerk ausgewählt haben? Wir sammeln die Antworten der Festgeklebten in einer Fotostrecke.
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Mailand, 18. November

Welches Exponat?

Der französische Rennfahrer Hervé Poulain war 1975 auf die Idee gekommen, seinen Rennwagen von einem Künstler gestalten zu lassen. BMW machte dieses Prinzip zu einer Serie, den BMW Art Cars – Unikaten, die zu fahrenden Kunstwerken gemacht wurden. Als vierter Künstler war 1979 Andy Warhol an der Reihe, der einen BMW M1 eigenhändig bemalte. Poulain und seine Kollegen Manfred Winkelhock und Marcel Mignot fuhren den Wagen bei den 24 Stunden von Le Mans. Warhol sagte: »Ich liebe das Auto. Es ist besser gelungen als das Kunstwerk.«

In welchem Museum?

Andy Warhols Art Car ist aktuell als Leihgabe in Mailand zu Gast. Dort ist im städtischen Kulturzentrum Fabbrica del Vapore noch bis zum 26. März eine Warhol-Ausstellung mit über 300 Objekten zu sehen.

Wer bekannte sich zu welcher Aktion?

Vier Frauen der Gruppe »Ultima Generazione« – laut deren Instagram-Auftritt Eos, Alice, Martina und Maria Letizia – überwanden die Barriere um den bemalten Mittelmotorwagen und überschütteten ihn mit acht Kilogramm Mehl.

Was war die Begründung?

Sie wertschätze die Arbeit von Andy Warhol, rief eine der Aktivistinnen, als sie vom Ausstellungsstück weggezogen wurde, sie habe auch eine Symbolkraft für den nicht nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen der Erde. Im Begleittext zu einem Video betont die Gruppe, das Auto könne vom Mehl gereinigt werden, während die Leben derer, die wegen der Klimakrise gestorben seien, nicht zurückzubringen sind.

Wo kann ich es mir anschauen?

Auf Instagram hat die verantwortliche Gruppe zwei  Videos  veröffentlicht.

Foto: Flavio Lo Scalzo / REUTERS
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Wien, 15. November

Welches Exponat?
»Tod und Leben« ist ein Ölgemälde von Gustav Klimt (1862–1918), das der österreichische Künstler zuerst 1911 unter dem Titel »Die Furcht vor dem Tode« ausstellte. Klimt führte 1915 noch Änderungen an dem Gemälde durch.

In welchem Museum?
Das Bild hängt im Leopold-Museum im Wiener Museumsquartier. Es ist spezialisiert auf österreichische Kunst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Moderne.

Wer bekannte sich zu welcher Aktion?

Am 15. November schütteten zwei Aktivisten von »Letzte Generation Österreich« eine schwarze, ölige Flüssigkeit auf das Gemälde, die sie in einer Wärmflasche transportiert hatten. Da es hinter Schutzglas war, wurde das Bild nicht in Mitleidenschaft gezogen. Einer der jungen Männer klebte sich am Glas fest.

Was war die Begründung?

»Stoppt die fossile Zerstörung«, riefen die beiden Täter, sie trugen den Slogan auf T-Shirts. Speziell kritisierten sie den österreichischen Energiekonzern OMV, der einen Tag der offenen Tür in dem Haus sponserte. »Tod oder Leben«, das sei die Entscheidung, die zu treffen sei, skandierten sie unter Verweis auf den Titel des Gemäldes.

Wo kann ich es mir anschauen?

Auf Twitter 

Foto: Letzte Generation Österreich / picture alliance / dpa
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Den Haag, 27. Oktober

Welches Exponat?

»Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge« ist ein Ölgemälde des niederländischen Künstlers Johannes Vermeer. Er hat es nicht datiert, aber seine Entstehung wird auf das Jahr 1665 geschätzt. Vermeer wirkte während des Goldenen Zeitalters der Niederlande in der Handelsstadt Delft. Wer das porträtierte Mädchen ist, ist nicht überliefert. Die amerikanische Schriftstellerin Tracy Chevalier schrieb einen Roman, in dem eine fiktive Magd namens Griet Vermeer Modell sitzt. In der Verfilmung von »Das Mädchen mit dem Perlenohrring« (2003) wird Griet von Scarlett Johansson gespielt, der Maler von Colin Firth.

In welchem Museum?

Dass »Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge« heute das wohl populärste Gemälde Vermeers ist, verdankt es einer Retrospektive von Werken des Künstlers, die 1995 im Mauritshuis in Den Haag zu sehen war und mit dem Bild beworben wurde. In dem ehemaligen Adelspalais am zentralen Plein ist seit 1822 die königliche Gemäldegalerie zu sehen, deren Schwerpunkt niederländische und flämische Meisterwerke aus dem 17. Jahrhundert sind. Das »Mädchen« gehört zur ständigen Sammlung des Mauritshuis.

Wer bekannte sich zu welcher Aktion?

Drei Aktivisten, die sich per T-Shirt als der Gruppe »Just Stop Oil« zugehörig auswiesen, führten die Protestaktion am 27. Oktober durch. Ein Mann klebte seinen Kopf am Schutzglas fest, während ein anderer, aus Belgien stammender Mann eine rote Flüssigkeit über ihm ausleerte – augenscheinlich eine Tomatenkonserve der Marke Campbell’s. Die dritte Person filmte den Auftritt. Alle drei wurden Anfang November in Den Haag zu Haftstrafen von zwei Monaten verurteilt, jeweils mit einem Monat Bewährung.

Was war die Begründung?

Der Mann mit der Konservendose fragte die umstehenden Museumsbesucher, wie sie sich fühlen, wenn etwas Schönes und Anmutiges vor ihren eigenen Augen scheinbar zerstört werde. Genauso ergehe es dem Planeten, der vor unserer aller Augen zerstört werde.

Wo kann ich es mir angucken?

Der Twitter-Nutzer Steven Bakker  verbreitete das ursprünglich auf Instagram veröffentlichte, dort aber inzwischen gelöschte Video. Ein Clip, auf dem die Aktivisten abgeführt werden, ist beim Instagram-Nutzer Van Gogh Ying noch abrufbar .

Foto: Phil Nijhuis / AFP
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Potsdam, 23. Oktober

Welches Exponat?

Der französische Impressionist Claude Monet (1840–1926) war beeindruckt von den Getreideschobern, die ihm auf den Feldern rund um die französische Ortschaft Giverny aufgefallen waren. Er verewigte sie in den Bildern der Reihe »Les Meules«, die er zwischen 1888 und 1891 malte. Der hier beworfene »Getreideschober« entstand 1891.

In welchem Museum?

Der »Getreideschober« ist eines von 38 Werken Monets, die sich in der Sammlung des SAP-Mitbegründers Hasso Plattner befinden. Den Impressionismus-Teil seiner Sammlung stellt die von dem Kunstsammler gegründete Förderstiftung im Museum Barberini in Potsdam aus. Es befindet sich im Palast Barberini am Alten Markt. Das aus dem 18. Jahrhundert stammende Gebäude war 1945 stark zerstört worden. Plattner unternahm den Wiederaufbau, 2017 wurde das Museum eröffnet.

Wer bekannte sich zu welcher Aktion?

Vier Personen, die sich der Klimaschutz-Protestgruppe »Letzte Generation« zuordnen, bespritzten das Monet-Gemälde am 23. Oktober mit Kartoffelbrei. Ein Mann und eine Frau klebten sich neben dem Gemälde fest. Zwar sei das Gemälde selbst dank der Verglasung und einer speziellen Filzleiste nicht beschädigt worden, erklärte das Museum, aber der historische Rahmen musste ausgebessert werden. Zudem sei der Brei auf die angrenzende Wand und bis unter die sechs Meter hohe Lichtdecke gespritzt. Der entstandene Sachschaden belaufe sich auf eine fünfstellige Summe.

Was war die Begründung?

Die festgeklebte Aktivistin sagte: »Wir befinden uns in einer Klimakatastrophe. Und alles, wovor ihr Angst habt, sind Tomatensuppe oder Kartoffelbrei an einem Gemälde.«

Wo kann ich es mir anschauen?

Auf Instagram 

Foto: Letzte Generation / picture alliance /dpa / AP
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London, 14. Oktober

Welches Exponat?

Vincent van Gogh (1853–1890) malte im August 1888 vier Sonnenblumenbilder, mit denen er seinen Kollegen Paul Gauguin bei dessen Ankunft in van Goghs neuem Atelier im südfranzösischen Arles beeindrucken wollte. Im Januar 1889 folgten noch drei weitere Versionen. Von den sieben Sonnenblumenmotiven wurde eines im Zweiten Weltkrieg in Japan zerstört, eines ist in Privatbesitz, und fünf sind in Museen zu bewundern.

In welchem Museum?

Die »Fünfzehn Sonnenblumen«, die in der Londoner National Gallery zu sehen sind, stammen aus dem im August gemalten Teil der Reihe. Das Bild hängt im Raum 43, unter anderem mit Werken von Gauguin und Georges Seurat. »Sunflowers« wurde 1924 gekauft mit Mitteln aus dem von Samuel Courtauld gestifteten Courtauld Fund für Werke der Impressionisten. Zunächst hingen diese in der Tate Gallery, bevor man sie nicht mehr als modern genug ansah und an die National Gallery am Trafalgar Square weitergab.

Wer bekannte sich zu welcher Aktion?

Zwei Aktivistinnen der Gruppe »Just Stop Oil«, 20 und 21 Jahre alt, bewarfen das Gemälde am 14. Oktober mit Tomatensuppe aus einer Dose der Marke Heinz. Danach knieten sie sich vor dem Kunstwerk hin und klebten ihre Hände mit Sekundenkleber an der Wand fest. Wie die National Gallery mitteilte, blieb das Werk selbst unbeschadet. Nur der Rahmen sei leicht beschädigt worden. Das Gemälde, das einen Schätzwert von umgerechnet rund 84 Millionen Euro hat, war durch eine Glasscheibe geschützt.

Was war die Begründung?

»Was ist mehr wert, Kunst oder Leben?«, fragte eine der Aktivistinnen. Zum betroffenen Bild stellte sie keinen konkreten Bezug her, aber zu der Tomatensuppe: Eine solche Dose aufzuwärmen könnten von der Inflation betroffene Menschen sich bald nicht mehr leisten. Die Regierung solle lieber denen helfen, als in neue Förderprojekte für fossile Brennstoffe zu investieren.

Wo kann ich es mir anschauen?

Der Korrespondent des »Guardian« für Umweltthemen veröffentlichte ein Video, das auf YouTube zu sehen  ist: https://www.youtube.com/watch?v=LTdquzu-BXg .

Foto: Just Stop Oil / PA Media / picture alliance / dpa
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Dresden, 23. August

Welches Exponat?

Die »Sixtinische Madonna« wurde vom Renaissancekünstler Raffael (1483–1520) im Auftrag von Papst Julius II. für den Hochaltar der Klosterkirche San Sisto in Piacenza geschaffen. Das Marienbildnis ist besonders bekannt für die beiden Puttenengel am unteren Bildrand.

In welchem Museum?

Der sächsische Kurfürst Friedrich August II. kaufte 1754 das Gemälde den Mönchen von San Sisto ab, die mit dem Erlös ihr Kloster renovierten. In Dresden wurde die »Sixtinische Madonna« der kostbaren kurfürstlichen Sammlung hinzugefügt, die damals noch am Neumarkt gezeigt wurde. 1855 wurde die Sempergalerie am Zwinger eröffnet, in der sich noch heute die Gemäldegalerie Alte Meister befindet. Sie ist Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Wer bekannte sich zu welcher Aktion?

Am 23. August überwanden eine 21-Jährige und ein 28-Jähriger die Absperrung vor dem Ölgemälde. Dann klebten sie jeweils eine Hand an den vergoldeten Rahmen und entrollten ein Transparent der Gruppe »Letzte Generation«. Die Galerie wurde nach dem Vorfall geräumt und zunächst geschlossen. Die Staatlichen Kunstsammlungen stellten Strafanzeige, es wurde wegen »gemeinschädlicher Sachbeschädigung« ermittelt. Die Kosten der Restaurierung am Rahmen beliefen sich auf 3000 bis 5000 Euro, dazu komme ein Einnahmeverlust von 7000 Euro durch die Schließung des Museums.

Was war die Begründung?

Die »Sixtinische Madonna« sei ein starkes Symbol, sagte das Aktivistenduo: »Maria und Jesus blicken mit Furcht in die Zukunft. Sie sehen dem Kreuztod Christi mit Schrecken entgegen. Ein genauso vorhersehbarer Tod wird auch das Resultat des Klimakollapses sein. Und zwar auf der ganzen Welt!« Die Sächsische Schweiz habe wochenlang gebrannt. Zudem wollten sich die beiden mit einem in Schweden verhafteten Dresdner Klimademonstranten solidarisieren.

Wo kann ich es mir anschauen?

Die »Letzte Generation« veröffentlichte auf ihrem Twitter-Account ein wackeliges Kurzvideo  der Aktion.

Foto: Sebastian Kahnert / picture alliance / dpa
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London, 4. Juli

Welches Exponat?

»The Hay Wain« (Der Heukarren) ist ein großformatiges Ölgemälde, das der englische Künstler John Constable (1776–1837) erstmals bei der Sommerausstellung der Royal Academy 1821 präsentierte, damals noch unter dem Titel »Landscape: Noon« (Landschaft: Mittag). Die Szene mit dem Wagen im Fluss Stour, der an dieser Stelle die Grenze zwischen Suffolk und Essex bildet, wurde in einer BBC-Umfrage 2005  zum zweitbeliebtesten Bild der Briten gewählt.

In welchem Museum?

1886 schenkte der Kunstsammler Henry Vaughan das Gemälde, das zuvor 20 Jahre in seinem Wohnzimmer gehangen hatte, der National Gallery am Londoner Trafalgar Square. Die National Gallery war gegründet worden, nachdem die britische Regierung eine Sammlung aufgekauft hatte, sie wuchs seither durch Ankäufe und Schenkungen an. Der Eintritt ist frei, »The Hay Wain« hängt in Raum 34, in dem auch Werke von Turner und Gainsborough ausgestellt sind.

Wer bekannte sich zu welcher Aktion?

Zwei Mitglieder der im Februar 2022 gegründeten Gruppe »Just Stop Oil« – Hannah Hunt, 23, und Eden Lazarus, 22, beide aus Brighton – klebten sich am 4. Juli am Rahmen des Gemäldes fest. Zuvor hatten die beiden Constables Landschaftsbild mit einer apokalyptischen Neuinterpretation verhängt, auf der Straßen, rauchende Fabrikschornsteine und Flugzeuge zu sehen sind.

Was war die Begründung?

Lazarus hielt am Rahmen klebend eine kurze Rede, in der er sagte, er wolle in der Welt der Kunst arbeiten und sie nicht sprengen. Bilder wie »The Hay Wain« seien kulturelles Erbe. Aber welchen Sinn habe Kunst noch, wenn Milliarden Menschen von den Folgen des Klimawandels in ihrer Existenz bedroht seien. Hunt sagte der Presse, man könne Englands »grünen und lieblichen Grund« vergessen, wenn weitere Ölförderung zu Missernten und zu Kämpfen um Lebensmittel führen würden.

Wo kann ich es mir anschauen?

»Just Stop Oil« veröffentlichte ein Video mit Eden Lazarus' Rede .

Foto: Kirsty O'Connor / picture alliance / empics
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Paris, 30. Mai

Welches Exponat?

Die »Mona Lisa«, die Leonardo da Vinci (1452–1519) mutmaßlich Anfang des 16. Jahrhunderts gemalt hat, ist wohl eines der berühmtesten Gemälde der Welt. In der italienischen Heimat des Künstlers wird das Bild »La Gioconda« genannt, die Heitere. Wahrscheinlich stellt es Lisa del Giocondo dar, die Frau eines florentinischen Seidenhändlers; es gibt aber verschiedene Theorien.

In welchem Museum?

Leonardo verkaufte das Werk wahrscheinlich an den französischen König, wodurch es nach Fontainebleau, dann nach Versailles und schließlich in den Louvre kam. Das einstige Pariser Stadtschloss der französischen Krone wurde nach der Revolution zum öffentlichen Museum. 1911 wurde Leonardos Gemälde von einem italienischen Handwerker gestohlen. 1913 flog er beim Versuch, es in Florenz zu verkaufen, auf. Nach Ausstellungen in Italien wurde die »Mona Lisa« dann in den Louvre zurückgebracht, wo sie bis heute eine der Hauptattraktionen ist.

Wer bekannte sich zu welcher Aktion?

Ein als alte Dame verkleideter junger Mann täuschte eine Gehbehinderung vor, um im Louvre an einen Rollstuhl zu gelangen. Als Rollstuhlfahrer durfte er vor die Zuschauertraube um die »Mona Lisa«, deren Glasschutz er zu zerstören versuchte. Als das nicht gelang, verschmierte er darauf eine Torte.

Was war die Begründung?

Als der Täter überwältigt wurde, warf er Rosenblätter in den Ausstellungsraum und rief »Denkt an die Erde, es gibt Menschen, die dabei sind, die Erde zu zerstören. Alle Künstler, denkt an die Erde!« Der 24-Jährige aus einem Pariser Vorort wurde zunächst in eine psychiatrische Klinik gebracht, wo festgestellt werden sollte, ob er in Untersuchungshaft genommen werden kann. Er habe einen verwirrten Eindruck gemacht.

Wo kann ich es mir anschauen?

Zwar wurde der Angriff selbst nicht dokumentiert, aber Besucher nahmen die tortenbeschmierte Scheibe  auf, die Reinigungsarbeiten  und auch den Abtransport des Täters .

Foto: Lukeee@lukexc2002 / PA Media / picture alliance / dpa
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