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POP Klingt wie Bond. James Bond.

Das britische Duo Goldfrapp begeistert sich für Klassiker ebenso wie für Filmmusik - und kommt nun mit finster-schönen Balladen auf Deutschlandtour.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Ihre Neigung zu exzentrischen Posen bewies die Diva an der Kunstakademie. Als Alison Goldfrapp dort ihre Abschlussarbeit präsentieren sollte, machte sie sich an einer echten, von einem Landwirt ausgeliehenen Kuh zu schaffen, jodelnd spielte sie eine emsige Melkerin: »Der Höhepunkt war, dass mir das verdammte Vieh ans Bein trat«, erinnert sich die Britin.

Seit ein paar Jahren hat sich Alison Goldfrapp, 30, von der Bildenden Kunst aufs Musikmachen verlegt, und dabei setzt sie weniger auf schrille Auftritte denn auf kühles Understatement. Die ebenso düsteren wie eleganten Songs, die sie zusammen mit ihrem Landsmann Will Gregory, 32, unter dem Namen Goldfrapp produziert, will das Duo von dieser Woche an auch auf deutschen Konzertbühnen vorstellen.

»Felt Mountain« (PIAS/Connected) heißt das Album, mit dem Goldfrapp der Durchbruch gelang - ein typischer »Schläfer«, wie es im Jargon der Musikbranche heißt; ein Werk, das im vergangenen Herbst in Großbritannien ohne großen Rummel erschien und dann erst nach und nach durch Mundpropaganda zum Hit wurde.

Mittlerweile ist »Felt Mountain« auch in den deutschen Hitlisten ein Überraschungserfolg. Die Kritiker preisen den »kristallinen, entrückten Schönklang« der Goldfrapp-Songs (so der deutsche Ableger des Fachblatts »Rolling Stone"), die britische Tageszeitung »Independent« jubelte über ein »Werk von aufregender Schönheit«.

Das ganze Debütwerk der Briten wird dominiert von charmant inszenierter Melancholie. Clever mischt das Duo Arrangements und Atmosphäre von Film-Evergreens mit Klassik und natürlich auch ein wenig Popmusik zu eingängigen Balladen, und Alison Goldfrapps Stimme erzählt dazu von Wehmut und herben Enttäuschungen.

»Torch Songs« nennen die Angelsachsen die Gattung solcher Klagelieder, die von einsamen Menschen an Bartresen oder in Schlafzimmern handeln, und das Duo Goldfrapp knüpft an die Werke von Meistern des Genres wie Frank Sinatra, Billie Holiday oder Scott Walker an.

Der Musiker Gregory, der auch für Fernsehen und Film Soundtracks geschrieben hat, verehrt hörbar Vorbilder wie den James-Bond-Komponisten John Barry und den legendären Ennio Morricone. Alison Goldfrapp schätzt die Weltschmerz-Chansons, die Françoise Hardy in den sechziger Jahren aufnahm.

Zu den wichtigen Einflüssen auf ihre Musik, so beharrt Alison Goldfrapp, gehöre auch ihre Begeisterung für das englische Landleben. Große Teile des Albums seien in einem Bungalow, der inmitten von Wald und Wiesen steht, aufgenommen worden: einer Art Geisterhaus voller alter Möbel, in dem die Wände fahlgrün angemalt waren und überall Spinnen herumkrochen. Solche Schrecknisse hätten auf die Stimmung und Musik abgefärbt: »Nachts stellte ich mir vor, dass an den Fenstern plötzlich Gesichter aus dem Dunkel auftauchen wie im Film ,Blair Witch Project'«, berichtet die Sängerin.

Dabei ist der Künstlerin Goldfrapp das Landleben durchaus vertraut. Sie ist aufgewachsen in einem malerisch gelegenen Kaff namens Alton in Hampshire. Doch was Besuchern als Idylle erscheine, so beteuert sie, sei in Wahrheit bedrohlich. »Dort lauert etwas unterschwellig Böses und Gewalttätiges«, sagt sie, »aber man nimmt es nur wahr, wenn man dort lebt.«

Gleich nach ihrem Kunststudium beschloss sie, sich als Sängerin zu versuchen - und geriet bald an den Pop-Exzentriker Tricky, auf dessen gefeiertem Debütalbum »Maxinquaye« (1995) sie zu hören ist. Trotz diverser ähnlicher Kooperationen glaubte sie bald nicht mehr an den großen Erfolg und wollte sich schon einen Bürojob suchen - doch eben zu jener Zeit meldete sich, ganz märchenhaft, Will Gregory, der eine ihrer Demokassetten gehört hatte.

Nun hat Alison Goldfrapp die Popkarriere doch noch geschafft - und auch wieder Anschluss an die Kunstwelt gefunden. Der in Großbritannien lebende und vor ein paar Monaten mit dem renommierten Turner-Preis ausgezeichnete deutsche Starfotograf Wolfgang Tillmans hat für die erste Goldfrapp-Single »Lovely Head« einen Videoclip gedreht.

Auch auf der Konzertbühne sollen aufwendige Bildprojektionen den Cinemascope-Effekt vieler Goldfrapp-Songs verstärken. Lebende Kühe aber wird Alison Goldfrapp dort nicht präsentieren.

CHRISTOPH DALLACH

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