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AFFÄREN Klötze drin

Wegen der letzten »Radiothek« hat der WDR einen Redakteur gefeuert, drei weitere verwarnt. Politiker werfen dem Intendanten jetzt »unverständliches Nachgeben gegenüber konservativen Gruppen« vor.
aus DER SPIEGEL 10/1981

Mit Empörung« vernahm die Katholikin Elisabeth Dust aus dem westfälischen Soest »Abschaum« und »Vermessenheit wohlstandsgefütterter Zukunftsapostel« im Abendprogramm von WDR II.

In einem Brief an die lokale »Westfalenpost« rief die »Mutter von fünf Kindern« sodann zur Exhumierung einer öffentlich-rechtlichen Mumie auf: der letzten »Radiothek«-Sendung, mit der am 30. Dezember 1980 die streitfreudigste und umstrittenste Jugendreihe des bundesdeutschen Hörfunks endgültig beigesetzt wurde.

Daß »der Leichnam nicht einfach ins Grab gelegt werden und dem Stillschweigen zudeckender Erde überlassen bleiben« könne, fanden mit Frau Dust noch rund 2000 weitere westfälische Kirchgänger und der Paderborner Weihbischof Dr. Paul Nordhues.

Der Gottesmann beschwerte sich direkt bei WDR-Intendant von Sell, die Sympathisanten von Frau Dust wandten sich wegen »Beleidigung unseres christlichen Glaubens« an den Petitionsausschuß des nordrhein-westfälischen Landtags, aus dem sich die Erregung bis in die Aufsichtsgremien des Kölner Senders verbreitete.

Nun ließen die Sender-Chefs die Leiche erst einmal gründlich sezieren: Die Tonbänder des viereinhalbstündigen »Radiothek«-Finales wurden auf 69 Schreibmaschinenseiten abgeschrieben, Konferenzen folgten nonstop, Hausmitteilungen stapelten sich. Dann, so ein WDR-Redakteur, »schlug das Imperium zurück":

Vorletzten Freitag wurde der »Radiothek«-Redakteur Ulrich Lux fristlos entlassen. Der Kultur-Programmbereichsleiter Dr. Heinz Linnerz, der »Radiothek«-Boß Ulrich Teiner und der »Radiothek«-Moderator Wolfgang Schmitz erhielten eine »Abmahnung« genannte Rüge mit der Drohung arbeitsrechtlicher Konsequenzen im Wiederholungsfall -- eine in dieser Massivität für den deutschen Rundfunk ungewöhnliche, für den einst liberalen WDR geradezu drakonische Reaktion.

In dem disziplinarischen Rundumschlag werden den Sündenböcken nicht nur Verstöße gegen das WDR-Gesetz und dessen Verpflichtung, »die sittlichen und religiösen Überzeugungen zu achten«, sowie gegen hausinterne Richtlinien vorgeworfen, sondern zumindest dem gefeuerten Lux auch die Billigung strafbarer Handlungen von Formalbeleidigung und übler Nachrede bis zur Aufforderung zum Widerstand gegen Sicherheitsorgane.

Nun war die live übertragene Bestattungsfeier -- Titel: »Das war''s: Radiothek« -- wahrlich kein Abschlußball von Pfadfindern und Kolpingbrüdern, sondern ein Gipfeltreffen linker Lästermäuler: Vor rund 1500 meist jungen Zuhörern zogen Kabarettisten, Gruppen und Liedermacher wie Hanns Dieter Hüsch, Frank Baier, Walter Mossmann oder »Die 3 Tornados« in der Stadthalle von Köln-Mülheim noch einmal vom Leder wie in mehr als 2500 »Radiothek«-Sendungen zuvor.

»Mit diesen Gruppen«, so hatte der WDR den Leichenschmaus im November werbekräftig hochgejubelt, »wird es rundgehen«, und tatsächlich wirbelten die Gäste Stuß und Satire, politische Koddereien und faden Schweinkram zu einem alternativen Ramba-Zamba auf.

»Wir sind hier heute eingeladen«, tönte etwa das »Karl Napp''s Chaos Theater« aus Frankfurt, »auf ''ner Beerdigung zu spielen. Und wir erklären uns heute schon bereit, im nächsten Jahr auf der Beerdigung vom Intendanten von Sell zu spielen, falls sie stattfindet« -- eine Peinlichkeit, die die Moderatoren genau wie die Aufforderung, Fensterscheiben einzutreten, um Einlaß in die Stadthalle zu finden, als »chaotische Dummheiten« mit braver Entschuldigung rügten.

Ungewohnte Töne gingen gleichwohl unbeanstandet über den Sender. So reimten »Die 3 Tornados«, nachdem Hamburger Polizisten Homosexuelle auf der Toilette durch Einweg-Spiegel beobachtet hatten: »Doch die Schwulen sind nicht faul / sie hau''n die Spiegel ein / dahinter onaniert ein Bullenschwein.«

Lohnabhängigen »an dem Werkstor vor der Stechuhr« empfahl das Trio »den Hammer aus der Tasche zu ziehen ... denn Scherben bringen Glück«, und unverhohlen pries die Gruppe das Schwarzfahren auf der Straßenbahn: »Gehst du auf Reise / denk an die Preise / zahle nicht!«

Den größten Wirbel entfachten die »Tornados« allerdings mit ihrem »Krippenspiel«, einem Sketch auf die Weihnachtsgeschichte des Lukas-Evangeliums im Jargon pubertärer Zotenreißer. Da zeigt Joseph seiner Maria den Daumen durch die Finger gesteckt: »Bumsen, wa?« Da hat Maria »meine Tage nicht gekriegt« und ahnt auch nicht, »wie das zugegangen ist, sintemale ich von keinem Mann weiß«. Joseph: »Wie heißt der Typ, Manne? Dem polier'' ich die Fresse.«

Aber für die Gottesmutter »war das ganz anders. Der Heilige Geist ist mir erschienen.« Joseph: »Das muß ja ein schöner Heiliger Geist sein, der meine Verlobte hinter meinem Rücken von hinten bumst.«

Daß eine live übertragene Abschiedsfete der »Radiothek« mit »Leuten und Gruppen, die zum Erfolg von ''Radiothek'' beigetragen haben« (WDR-Werbung), politisch und geschmacklich brisant sein würde, hatten im WDR alle Beteiligten geahnt: Der interne Schriftwechsel um den Kehraus ähnelt dem Schlachtplan zu einem Staatsstreich.

Schon Mitte August 1980 legte »Radiothek«-Leiter Teiner ein erstes Konzept vor: »Keine abschließende Klagemauer-Sendung« wolle man machen, sondern »einen fröhlichen Ausklang«. S.215 Am 27. August bat Hörfunk-Direktor Manfred Jenke, der gerade seine Programm-Reform ab 1981 und -- mit ihr verbunden -- das Ende der ungeliebten »Radiothek« ausheckte, um »nähere Einzelheiten«.

Am 8. September erklärte er sich einverstanden »mit der Idee, die ''Radiothek'' am 30. 12. als öffentliche Veranstaltung vorzubereiten«; 15 Tage später gab er sein Placet.

Am 22. Oktober lieferte Redakteur Lux, der früher schon einmal für eine »Radiothek«-Sendung gerügt worden war, den Ressortleitern U-Musik, Kultur und Hörspiel eine Liste der Mitwirkenden. In einem internen Gespräch am 9. Dezember wies Kulturleiter Linnerz Jenke auf die Problematik hin, freien (und freimütigen) Mitarbeitern bei einer Live-Show das Mikrophon zu überlassen. Ein Mißbrauch, so Jenke beruhigend, könne nicht verhindert werden, mache aber den verantwortlichen Redakteur auch nicht straffällig.

Am Neujahrstag 1981 -- das heikle Ding war gelaufen -- schien Jenke, jedenfalls in der Erinnerung von WDR-Angestellten, ganz begeistert von dem bunten Abend. Auf den Einwand, es seien »aber ein paar Klötze drin gewesen«, soll er, wie Gesprächszeugen dem SPIEGEL versicherten, abgewinkt haben: Damit müsse man bei Live-Sendungen stets rechnen.

Auch Intendant von Sell, der das Spektakel nicht gehört hatte, schien anfangs unsicher, ob die sittlichen Gefühle seiner Kundschaft verletzt sein könnten. In einem Brief an den WDR-Verwaltungsrats-Vorsitzenden Konrad Grundmann (CDU) vom 21. Januar legte er sich jedenfalls noch nicht fest. Erst nachdem er im Februar Urlaub genommen hatte, inszenierten Jenke, Justitiar Herrmann und Verwaltungsdirektor Bösel (WDR-Jargon: »Trio Infernal") die folgenschwere Strafaktion.

Mochte sich Jenke nun, wie viele WDR-Redakteure vermuten, mit dem disziplinarischen Kraftakt noch einmal an der »Radiothek«-Mannschaft rächen und durch den Kladderadatsch von seiner mißglückten Programm-Reform ablenken wollen oder nicht -seine Gefolgschaft ist geschrumpft, der Vertrauensschwund überall pürbar.

»Ihr Einverständnis ... wurde gegeben bei voller Kenntnis der Risiken ... der mitwirkenden Gruppen und ihrer Sonderheiten bzw. Angriffigkeiten«, hielt beipielsweise der stellvertretende Kulturchef Dr. Franz Greiner dem Hörfunk-Direktor in einem dreiseitigen Schreiben vor: »Weder Sie noch sonst ein Programmverantwortlicher hätte angesichts der besonderen Umstände dieser Sendung diese live wesentlich anders über die Bühne gebracht als die Redakteure der ''Radiothek''.« Greiners Fazit: »Es mußte also so kommen, wie es gekommen ist.«

In der Tat: Der WDR-Verwaltungsrat bestätigte letzte Woche Kündigung und Abmahnungen, der Intendant gab sich bei einem Vermittlungsgespräch mit dem Personalrat unerbittlich. Viele hundert Redakteure votierten einstimmig gegen die »unangemessene Maßnahme«, an die tausend Mitarbeiter des Senders unterzeichneten ein Gnadengesuch für Lux, Lux selbst zog vor das Arbeitsgericht.

Fünf FDP-Bundestagsabgeordnete kritisierten das »unverständliche Nachgeben gegenüber dem massiven Druck konservativer gesellschaftlicher Gruppen«, das SPD-MdB Freimut Duve warnte den WDR vor der »neuen Art öffentlich-rechtlicher Anstalten, sich ihrer unbequemen Redakteure zu entledigen": »Die abschreckende und disziplinierende Wirkung solcher Vorgänge ... kann für die journalistische Freiheit wesentlich gefährlicher sein als die angeblichen Gefahren eines einzelnen mißglückten oder unqualifizierten Beitrags.«

Daß der Freiraum im WDR immer mehr schrumpft, hat inzwischen auch eine der profiliertesten und mutigsten Kommentatorinnen des Senders eingesehen: Nicht zuletzt, weil sie den ständigen Kleinkrieg mit Jenke satt hatte, ließ sich Carola Stern jetzt auf eigenen Wunsch degradieren -- vom Programm-Gruppenleiter für Kommentare und Feature zum normalen Redakteur.

S.214Nora Schattauer und Wolfgang Schmitz.*

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