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Verlage Knallhart ran

Immer mehr Belletristik-Verlage suchen ihr Heil in wissenschaftlichen Taschenbuchreihen für Studenten.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Wenn eine Putzfrau Alain-Fournier liest, dann haben wir gewonnen«, so spekulierte der Verleger Ledig-Rowohlt vor fünf Jahren noch auf einen neuen »Frühling« im Taschenbuchgeschäft. inzwischen setzt er aber auf eine ganz andere Zielgruppe: auf Studenten und weiterbildungswillige »gebildete Laien.

Speziell für sie eröffnete er kürzlich eine neue Taschenbuch-Serie, das »rororo studium«. Und damit drängt Rowohlt diesmal sogar nur nach -- in eine Marktnische, in der, wie Hans A. Neunzig von der Nymphenburger Verlagshandlung klagt, »leider ja schon wieder große Gesellschaft Platz genommen hat«, so etwa Kohlhammer mit seinen »Urban-Taschenbüchern« (seit 1953). Thieme mit den »Flexiblen Taschenbüchern« (1964), Suhrkamp mit »Theorie« (1966), List mit »Taschenbüchern der Wissenschaft« (1969), Ullstein mit »Materialien« (1970) und die Uni-Taschenbücher GmbH, eine eigens für Studenten-Pocketbooks eingerichtete Vertriebsgemeinschaft von 15 deutschen und schweizerischen Verlagen, mit »UTB« (1971).

Mindestens vier Neulinge gesellten sich noch in diesem Jahr hinzu: Neben Rowohlt auch Hoffmann und Campe mit einem »Reader«-Programm, Nymphenburg mit »Texten zur Wissenschaft« und Fischer-Athenäum, eine gemeinsame Tochter des 5. Fischer- und des Athenäum-Verlags; sie soll. so Fischer-Taschenbuchchef Jochen Greven, »den Appeal eines eingeführten Taschenbuch-Markenartikels mit dem Appeal eines etablierten Wissenschaftsverlages zu gesteigertem Reiz kombinieren

Die Studien-TB-Nische im deutschen Büchermarkt lockt in der Tat mit verblüffenden Erfolgsexempeln. Allein mit seiner »Wissenschaftlichen Reihe«. die nicht einmal alle seine Studier-Titel umfaßt, erwirtschaftet beispielsweise der Deutsche Taschenbuch Verlag (dtv) ein Viertel seines Gesamtumsatzes, jährlich 1,6 Millionen Mark. Obgleich bisher nur auf Medizin und Naturwissenschaften konzentriert, erzielt Thieme sogar 3,5 und Neuling UTB, nach einem Jahr schon mit über 90 Titeln im Angebot, auch schon 1,4 Millionen.

Die Expansion des wissenschaftlichen Taschenbuchs bedeutet freilich, wie die meisten Verleger gestehen, weniger Zugewinn als vielmehr Ersatz für schrumpfenden Absatz von Belletristik und bloß unterhaltsamer Sachliteratur. Wachsende Herstellungs- und Werbekosten haben den Ladenpreis für Leinengebundenes immer näher an die Käuferschreck-Schwelle von 30 Mark herangeschoben -während obendrein das Fernsehen die Freizeit auch der Bildungsbeflissenen immer lückenloser und minder kostspielig füllt.

Schon darum sind, so Thieme-Sprecherin Gerda Mund, die »bekanntlich armen« und folglich fernseherlosen Studenten zur »Kernzielgruppe« des noch stets billigsten Mediums, des TB, aufgerückt. Zwar werden Taschenbücher erst bei hoher Auflage rentabel. Doch hat sich die Studentenzahl seit 1960 auf 400 000 verdoppelt. Sie wird sich sogar, laut Hochrechnung der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung, bis 1980 abermals verdoppeln. Und damit ist auch das Studier-Pocketbook, wie etwa Fischer-Mann Greven kalkuliert. »theoretisch erstmals möglich«.

Bei derartigen Ziffern, so rechnen die TB-Verleger weiter, werde überdies die Bildungsmisere mehr und mehr zu ihren Gunsten ausschlagen -- wenn nämlich der Kontakt der viel zu vielen Studenten zu den viel zu wenigen Dozenten vollends reißt. Erst recht aussichtslos werde das Wettrennen um das eine gerade wichtige Fachbuch in der Seminarbibliothek. Und dann bleibe nur mehr ein Auskunftsmittel: die wohlfeil gedruckte »Modelluniversität« (Nymphenburger-Werbung).

Die freilich kostet einen im Taschenbuchverlag bislang nur selten getriebenen Aufwand. Wie Rowohlt beschäftigen die meisten Studier-TB-Verlage hochdotierte Gelehrten-Beiräte. Oder sie gehen, wie Econ. »ganz knallhart direkt an die Fachwissenschaftler und deren Schüler ran, um immer zu wissen. was wirklich fehlt«.

Das Resultat ist beachtlich: Den Juristen etwa kann Fischer-Athenäum Unentbehrliches wie einen Grundgesetzkommentar anbieten. Historikern und Politik -Wissenschaftlern offeriert Ullstein nur exquisite Klassiker wie Sorel oder Hegel (jeweils mit Dokumentation der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte). Den angehenden Krankenschwestern und Ärzten geht Thieme mit gestochen bebildertem Prüfungswissen zur Hand.

Hilfreich ist dabei, alle TB-Verlage bestätigen es, eine gewandelte Haltung der gelehrten Autoren zum billigen Buch ohne Leinen-Würde. Einerseits zeitigen prominente Namen, wie etwa Horkheimer im Fischer-Athenäum-Programm, einen »Schneeballeffekt an Bescheidenheit« (Greven). Andererseits erscheint jungen Ordinarien die Verbreitung verlockender als der höhere Gewinn mit dem teuren Hardcover. »Gelesen zu werden«, so resümiert Matthias Wegner von Rowohlt, »darauf sind die Professoren seit dem Umbruch von 1968 ja schon fast geil.«

Das müssen sie schon sein; denn das große Geld ist beim Studenten-TB-Geschäft einstweilen noch die Ausnahme. Zwar garantieren die Verlage ihren Autoren in der Regel überhöhte Startauflagen bis zu 15000 Exemplaren, dann jedoch auch höchstens fünf Prozent vom Ladenpreis, und mehr als zehn Mark pro TB-Band gelten nach Verleger-Faustregel schon als Zumutung ans studentische Budget.

Ein paar gewinnträchtige Marktflitzer gibt"s gleichwohl schon: eine »Allgemeine Botanik« (Thieme) beispielsweise: 123 000 Exemplare; oder Marx« »Das Kapital« in drei Bänden (Ullstein): 100 000; Bornkamms »Jesus« (Kohlhammer): auch 100 000. Noch flotter rennen nur wissenschaftliche Werke mit hohem Laien-Marktwert: Der »dtv-Atlas zur Weltgeschichte« etwa erreichte eine Auflage von 540 000.

Das normale Studier-TB jedoch. wie etwa das UTB-Lehrbuch »Marketing«. darf nur auf spezialisierten Wissenshunger zählen. Es wird mit schmalen Erstauflagen um 5000 und langen. kapitalbindenden Laufzeiten bei mehreren Studentengenerationen kalkuliert.

»Gemessen am »Geschenkten Gaul«. sagt Marktkenner Wegner, »ist es doch eher eine Schildkröte.«

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