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BÜCHER Knast mit Grausen

Mit großem Werbeaufwand kommt ein Schockbuch auf den Markt -- »Der Minus-Mann«, die Memoiren eines Zuhälters und Zuchthäuslers.
aus DER SPIEGEL 8/1978

Der Vater, den er mit einem Fleischhammer halb totschlägt, hatte es ihm früh bescheinigt: »In dir kommt der Dreck aller unserer Generationen zum Ausdruck.«

Ein schlimmer Typ betritt in diesen Tagen die literarische Szene, .in österreichischer Zuhälter und Zuchthäusler, ein Schläger, Messerstecher, Räuber, Erpresser, Notzüchtiger. Mädchenschinder, Säufer, selbstherrlicher Sadist, das Letzte vom Letzten.

»Das ist das scheußlichste Buch, das mir je in die Hände gekommen ist«, graulte sich, in der ZDF-»LiteraTour«, der brave Reinhart Hoffmeister: »Blut, Sperma und Kot«. Die »Welt am Sonntag« gab »Sado-Masochisten« einen heißen Tip: »Sie werden ihr Bücherbord um vier wichtige Zentimeter erweitern können.«

Der Verlag des Buches, Ehrwürden Kiepenheuer & Witsch, stellt mittlerweile in 150 Buchläden lebensgroße Pappkameraden des Autors auf, inseriert und plakatiert wie närrisch, und der Autor selbst, Held seines Buches, rotiert zwischen Talk-Shows und Fernseh-Interviews Kulturbetrieb?

»Der Minus-Mann« des österreichischen Ex-Zuchthäuslers (zehn Jahre Knast) Heinz Sobota, 33, ist in der Tat ein schreckliches Buch* weil es Schreckliches beschreibt, und das nicht prüde, auch nicht ohne einen schrägen Blick auf lungernde Voyeure.

»Roman-Bericht« nennt der Verlag, auf ein Alibi-Schlupfloch spekulierend, die Knast- und Unterwelt-Memoiren. Sobota hat sie sich, in einem Marseiller Gefängnis, »in sieben Wochen vom Leib geschrieben«. Zwei Jahre wanderte das Konvolut von Verlag zu Verlag, entsetzte Lektorinnen hinterlassend.

Einst berichteten Forschungsreisende von Greueln und blutigen Ritualen in fernen Ländern. Bücher wie der »Minus-Mann« heben den Erdteil von nebenan ans Licht, entdecken weiße Flecken in der zivilisierten Welt als barbarische Kriegsschauplätze und Enklaven der Entmenschung. Seelen-Trümmerliteratur.

Vom Marquis dc Sade bis Jean Genet, von Karl May bis Oscar Wilde: Wer einmal aus dem Blechnapf fraß, wie auch Hans Fallada, dem ging zuweilen der Mund über. In den letzten Jahren schwoll. gerade im deutschsprachigen Raum, die Knast-Literatur erstaunlich an.

* Heinz Sobota: »Der Minus-Mann«, Kiepenheuer & Witch 396 Seilen: 34 Mark.

»Fast jeder Neugekommene war in den ersten Monaten überzeugt, nach der Haft einen Roman -- einen Tatsachenbericht, wie sich die meisten ausdrückten -- zu schreiben": Der Mädchenmörder Herman Gail ("Gitter") nennt den Grund -- »jeder glaubte, sein Schicksal und seine Erlebnisse seien so außergewöhnlich, daß jeder Mensch in der Freiheit von solchen Berichten schockiert sein müßte«.

Auszug aus dem Literatur-Register: Der Räuberhauptmann Henry Jaeger ("Die Festung"), Wolfgang Werners »Vom Waisenhaus ins Zuchthaus«, die »Erklärung« des Heine Schoof ("versuchter Totschlag"), »Die Verrohung des Franz Blum« des Bankräubers Burkhard Driest, die »Ledermann"Memoiren des Frauenmörders Hans-Peter Reichelt, die Homosexuellen-Passion des Alexander Ziegler.

Wie die meisten Knast-Literaten startete Sobota seine kriminelle Karriere als mißglücktes Dasein. Der autoritäre Vater saß wegen NS-Vergangenheit bis 1949 im Gefängnis, die schwächliche Mutter ließ den zu Gewalttätigkeit neigenden Jungen im zeternden Verwandten-Clan oder in muffigen Internaten heranwachsen: Bettelmönche mit Riesenbäuchen und wieselflinken harten Augen«.

Erste Jugendstrafen« Ausriß nach Frankreich, von der Fremdenlegion zurückgewiesen, Messerstich gegen einen Homosexuellen ("Es gleitet hinein wie in frische Scheiße"), Verurteilung wegen versuchten Totschlags am Vater, Desertion mit Raubüberfall vom Bundesheer. die Lehrjahre im Knast:

»Liebe nie eine Frau, nimm ihnen alles, zerstöre ihre Persönlichkeit, mach sie dir hörig. dann tritt sie in den Arsch.« Was ihm ein Heiratsschwindler rät, setzt Sobota als Wiener Zuhälter auf brutalste, widerlichste Weise um.

Wieder Gefängnis. wieder die Hierarchie der Schläger und Getretenen, der homosexuellen Vergewaltigungen, Willkürherrschaft der Wärter, eine Galerie grausig depravierter Gefangener, eine Sprache, die »mit 300 Worten auskommt« und in ihrer hinterhältigen Gemeinheit -- O-Ton Österreich -- noch nie so dokumentiert wurde.

Sobota reflektiert nicht viel. Atemlos, rüde, auch mal pfützig larmoyant hetzt er durch seine 30 Jahre, formuliert heiter ("Ihr Hintern würde einen Weltkrieg rechtfertigen") oder mistig ("Ihre Orgasmen sind geräuschvoll und gründlich wie eine Klosettspülung") und in jeder Situation präzise.

Seit vier Jahren führt er ein bürgerliches Leben, ist jetzt in Frankfurt zu Hause und könnte, wie er betont viril einhergeht, auf Sylt an der Buhne 16 seinen homme à femme stehen; innerlich knüpft er an »Fangnetzen« für seine latenten Aggressionen: »Ich bin ein Lernender.«

Der »Minus-Mann«, das Monster, und der Autor Sobota, ein intelligenter, verbindlicher Mensch -- sie sind nicht mehr in denselben Rahmen zu passen. Vergangenheit arbeitet Sobota gelegentlich mit verzweifelten Scherzen auf: Falls eine der von ihm psychisch gemordeten Frauen im Traum an sein Bett träte, wurde sie »mich küssen

Acht von zehn Knast-Entlassenen werden rückfällig, Knast-Literaten sind auch nicht gefeit. Der Münchner Wolfgang Werner ("Vom Waisenhaus ins Zuchthaus") brachte vor kurzem eine Frau um und schreibt in der neuen Haft an einem neuen Buch.

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