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OPER Knatsch um Jubelgabe

aus DER SPIEGEL 4/2004

Es schien alles schön ausgedacht: Würzburg wird heuer 1300 Jahre alt, aus diesem Anlass ehrt die Stadt ihren einstigen Bürgermeister (und weltberühmten Bildhauer) Tilman Riemenschneider (um 1460 bis 1531) mit zwei Ausstellungen. Im Reigen der Gratulanten wollte auch das städtische Mainfranken-Theater nicht fehlen und kündigte für Donnerstag dieser Woche die deutsche Erstaufführung eines nahezu unbekannten Melodrams an, Titel: »Tilman Riemenschneider«; Komponist: der Ungar Casimir von Pászthory (1886 bis 1966). Doch schon vor der Premiere kam es zu Turbulenzen um die Jubelgabe. Letzte Woche hatte die »Süddeutsche Zeitung« kolportiert, Würzburgs Generalmusikdirektor (GMD) Daniel Klajner wolle das Stück nicht dirigieren, »weil der Komponist Mitglied der NSDAP« gewesen und die Riemenschneider-Oper ein Machwerk voll völkischem Gedünst sei - reichlich verwegene Behauptungen. Richtig ist nur, dass GMD Klajner die Oper nicht dirigiert; »aber nicht aus irgendwelchen politischen oder weltanschaulichen Gründen«, wie der Würzburger Intendant Reinhold Röttger beteuert, »sondern weil ihm die Qualität der Musik nicht genehm war.« Röttger und Klajner hatten voriges Jahr Bandaufnahmen der 1942 entstandenen Oper geprüft, die 1959 in Basel uraufgeführt worden war. Ihre Urteile nach der Hörprobe waren konträr: Klajner überließ das Dirigat liebend gern seinem untergebenen Kollegen Evan Christ, Intendant Röttger hingegen »fand die Oper gar nicht schlecht« und setzte alles daran, sie als Präsent für die Stadt »nicht gerade billig« auszustatten. Neben »großer Solistenbesetzung, Riesenorchester, Extrachor und zwei Kinderchören« wird Röttger »allein rund 18 000 Euro für Ausstattung, Kostüme und Bühnenbild« springen lassen: »Das ist für unsere Verhältnisse absolute Spitze.« Und ob es lohnt? Die Baseler Uraufführung von »Tilman Riemenschneider« war seinerzeit eine peinvolle Pleite.

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