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GEBURTENKONTROLLE Knick in der Kurve

Bei derzeitigem Wachstum verdoppelt sich die Erdbevölkerung alle 23 Jahre. Aber ein erster Damm gegen die Menschenflut steht: Die Geburtenplanung setzt sich nun auch in der Dritten Welt durch.
aus DER SPIEGEL 37/1977

Seine Chancen, in die auskömmlichen Verhältnisse einer europäischen oder nordamerikanischen Familie geboren zu werden, standen bestenfalls eins zu zehn. Sonst weiß die Statistik nur, daß es ein Sonntagskind war.

Frühmorgens am 28. März letzten Jahres schnitt die Wachstumskurve der Erdbevölkerung eine Rekordmarke: Irgendwo, wahrscheinlich in einem Entwicklungsland, kam der unbekannte Mensch Nummer 4000 000 000 zur Welt.

Scheinbar unaufhaltsam schnellen die Geburtenzahlen seither weiter über die Sterbeziffern empor. Noch ehe der viermilliardste Mensch selber Kinder bekommen kann, so schätzen Uno-Demographen, werden fünf Milliarden und im Jahr 2000 gar schon 6,3 Milliarden Menschen leben.

Dennoch, erklärt nun die US-Expertin Dorothy Nortman, ist ein Damm gegen die Menschenflut gezogen.

Zwar werde globales Bevölkerungswachstum noch für Jahrzehnte anhalten. Die Gefahr katastrophaler Mängel -an Nahrung, Wohnraum und Brennstoffen vor allem, an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen wie an gesundheitlicher und sozialer Fürsorge -- ist keineswegs gebannt; ihre Ausmaße sind noch nicht einmal abzuschätzen.

Aber »die Beschleunigung dieses Wachstums«, konstatiert die Forscherin, »könnte bereits den Gipfel überschritten haben«. Erstmals knicke jetzt die Vermehrungskurve zu weniger steilem Anstieg.

Zu derart optimistisch anmutendem Befund kam Dorothy Nortman beim Studium der Familienplanung in allen Ländern, die einigermaßen verläßliche Daten erheben*. Die Statistikerin vom Washingtoner Population Reference Bureau, einer Privatorganisation, die seit einem halben Jahrhundert Bevölkerungstrends beobachtet, schließt daraus: »Etwa jedes dritte Paar im reproduktionsfähigen Alter kontrolliert gegenwärtig seine Fruchtbarkeit -- ein nie zuvor in der Menschheitsgeschichte erreichter Grad von Vorsorge.«

Als geradezu »dramatischen Aspekt« dieses Wandels wertet Dorothy Nortman, daß die meisten Regierungen »von feindseliger Ablehnung der Geburtenkontrolle wie noch vor 25 Jahren umgeschwenkt sind zu moralischer, gesetzgeberischer, finanzieller und medizinischer Unterstützung«.

Insbesondere in der Dritten Welt hatten noch 1960 erst zwei Länder, Indien und Pakistan, offizielle Programme der Familienplanung. Es folgten dann sehr rasch so unterschiedliche Staaten wie Südkorea (unter amerika-

* Dorothy Nortman: »Changing Contraceptive Patterns: A Global Perspective. Population Bulletin August 1977, Population Reference Bureau, Inc., Washington, D. C. 40 Seiten; 1 Dollar.

nischem Einfluß), der kleine Pazifik-Archipel Fidschi wie die volkreichste Nation der Erde, China, und die Moslem-Staaten Tunesien, Ägypten und die Türkei.

Insgesamt 33 Entwicklungsländer mit 54 Prozent der Weltbevölkerung, mehr als zwei Milliarden Menschen, nutzen mittlerweile planvolle Kontrazeption als Mittel ihrer Sozial- und Wirtschaftspolitik. Weitere 30 fördern Geburtenkontrolle zumindest aus medizinischen und ethischen Gründen.

Nur mehr acht Prozent aller Menschen leben in Ländern, deren Bevölkerungspolitik planlos ist oder gar auf Geburtenzuwachs abzielt. Zur Gruppe der Rückständigsten gehören zumeist schwarzafrikanische Staaten, in denen traditionell Kinderreichtum als Altersvorsorge gilt, in denen aber auch die Sterbe- wie die Geburtenraten besonders hoch sind.

Natürliches Wachstum, Vermehrung ohne regulierende Eingriffe, so erläutert Dorothy Nortman, würde global bei jährlich 45 bis 50 Geburten je 1000 Menschen liegen; das entspräche einer Verdoppelung der Erdbevölkerung in 15 Jahren. Tatsächlich ist die Rate durch die Ansätze zu weltweiter Geburtenkontrolle schon auf 31 Geburten je 1000 Menschen im Jahr (Verdoppelungszeit: 23 Jahre) gesunken und wird weiter sinken.

Denn außergewöhnlich an dieser Entwicklung ist, wie schnell sich sowohl Schwangerschaftsverhütung -- durch Pille, Intrauterinpessar, Kondom, Sterilisation und andere Methoden -- wie auch legalisierte Abtreibung ausgebreitet haben.

Der Anteil der Paare, die zeitliche Folge und Zahl ihrer Kinder planen, liegt verständlicherweise in den Industriestaaten am höchsten. Er betrug bereits um 1970 etwa 60 Prozent und stieg seither noch auf rund 70 Prozent.

Aber gerade in bevölkerungsstarken Entwicklungsländern wird Geburtenkontrolle nun Routine. So stieg der Anteil der Familien, die ihre Kinderzahl begrenzen, in Indien von sieben bis acht Prozent im Jahr 1969 auf 18 bis 20 Prozent im vergangenen Jahr, im Iran etwa im selben Zeitraum von drei auf 17 Prozent und innerhalb der letzteil sieben Jahre in Indonesien von 0,5 auf 19, in West-Malaysia von sechs auf 43 Prozent. Dabei gelten dort freilich noch vier Kinder als wünschenswert.

Westliche Normen werden in den asiatischen Stadtstaaten schon erreicht (Hongkong: 61 Prozent) oder gar übertroffen (Singapur: 77 Prozent -- einschließlich der Abtreibungen). Im karibischen Raum wird Kontrazeption seit längerem im sozialistischen Kuba wie unter US-Einfluß in Puerto Rico gefördert.

Sogar die Politik der kontinentalen lateinamerikanischen Staaten wandelt sich. Das konservativ-katholische Kolumbien machte -- auf Drängen der Ärzteschaft -- schon 1970 Wachstumsbegrenzung zu einer Grundlage seiner Entwicklungspläne; in der Hauptstadt Bogota verdoppelte sich der Anteil der Frauen, die sich vor ungewollter Schwangerschaft schützen, seither auf 50 Prozent.

Mexiko, das sich lange um seine jährliche Zuwachsrate von drei Prozent nicht scherte, vollzog den Schwenk 1973. Das arme Peru kündigte Aktionen zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums im September letzten Jahres an.

Soll die Baby-Bremse wirklich greifen, erklärt Dorothy Nortman, muß allerdings neben der Kontrazeption die Abtreibung freigegeben werden. Denn von jeweils 100 Paaren, die relativ zuverlässige Verhütungsmittel wie Pessar oder Kondom benutzen, müssen 80 mit einer ungewollten Schwangerschaft rechnen; bei denen, die eine der heute sichersten Methoden -- Pille oder Intrauterinpessar -- anwenden, summiert sich das geringe Restrisiko, über ihre Lebenszeit gerechnet, auf immerhin noch 30 ungewollte Schwangerschaften je 100 Paare.

Auch diese Lektion scheinen die Regierungen allmählich zu lernen. In den letzten zehn Jahren haben 33 Länder ihre Abtreibungsgesetze liberalisiert. Zwölf Staaten gestatten inzwischen den Schwangerschaftsabbruch auf Verlangen.

Ohnehin, wissen die Demographen, wird damit weithin nur sanktioniert, was sonst illegal und mit hohen gesundheitlichen Risiken geschähe. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen, erläutert Dorothy Nortman, deutet überdies darauf hin, daß Abtreibung um so weniger praktiziert wird, je besser die Konzeptionsverhütung organisiert ist und je höher der soziale Standard der Bevölkerung steigt.

Alle Fortschritte der Geburtenkontrolle werden sich merklich jedoch erst in den kommenden Generationen auswirken. Denn welche Wucht die Bevölkerungsexplosion vorerst noch hat, lehrt eine überoptimistische Annahme.

Selbst wenn die Menschheit sich von diesem Tage an nicht mehr vermehrte, wenn die Reproduktionsrate also schlagartig auf 1,0 -- ein Baby für jeden Gestorbenen -- sänke, würde die Zahl der Menschen noch weit über die Jahrtausendwende zunehmen: Schon leben zu viele Kinder, die wieder Kinder zeugen und gebären werden. ·

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