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WAGNER Kniff des Nibelungen

aus DER SPIEGEL 37/1966

In den 'Nibelungen'«, verriet Claude Debussy, »gibt es Stellen, die mich umwerfen, doch das Ganze ist ein großer Trickapparat.«

Heute lassen sich die Nibelungen-Hörer von den Tricks umwerfen: An der ersten Schallplatten-Gesamtaufnahme von Richard Wagners vierteiligem Musikdrama »Der Ring des Nibelungen - als letzte Platten-Kassette ist soeben die »Walküre« erschienen - schätzen Kritiker vor allem den gewissen Kniff, mit dem die Techniker Musik- und Bühneneffekte realisiert haben.

Auf den 19 Stereo-Platten (Spielzeit: 14 Stunden), die für die englische Firma Decca in den Wiener Sofiensälen aufgenommen wurden, hat Plattenproduzent John Culshaw, 41, hörbar gemacht, was Neu-Bayreuth nicht mehr zeigt: Wagners Gesamtkunstwerk. Denn Culshaw, zweifellos der bedeutendste Aufnahmeleiter der Schallplattenindustrie, hat alle Regie- und Szenenanweisungen Wagners »altmodischerweise bis ins Detail genau« (Culshaw) befolgt.

Nibelungentreue übte Culshaw erstmals 1958, als er das von Georg Solti dirigierte »Rheingold« für die Decca musizieren ließ. Zwischen dem Gesang großer Wagner-Stimmen, wie Gustav. Neidlinger und George London, ließ er 60 von einem Kinderheim gestellte Jungen »die gequälten Nibelungen« (Culshaw) stöhnen und schreien; auf 18 Ambossen, von hochdotierten Wiener Philharmonikern geschlagen, wurde das Rheingold geschmiedet; germanische Gewitter erzeugte eine für Culshaw spezialgefertigte Donnermaschine. Auf Nibelungenschatz-Geräusche mußte Culshaw allerdingsverzichten: Die Wiener Banken weigerten sich, Goldbarren auszuleihen.

Als die »Rheingold«-Platten dann erschienen, kräftig belobigt wurden ("Fono-Forum": »Eine neue Ära der Schallplattenkunst") und sich auch vorzüglich verkaufen ließen, gaben die Kalkulatoren der Decca den ganzen »Ring« frei: Nacheinander wurden »Siegfried« (1962), »Götterdämmerung« (1964) und »Walküre« (1965) aufgenommen (Kosten pro Produktion: etwa eine Million Mark) und, kaum aus der Presse, mit dem begehrten »Grand Prix du Disque« für die beste technische Aufnahmeleistung prämiiert.

Um den besonderen elektro-akustischen Anforderungen der »Götterdämmerung« gerecht zu werden und höchste Authentizität zu erreichen, hatte sich der Klangregisseur ein Mischpult mit 28 Kanälen bauen lassen - eine Apparatur, wie sie kein Funkhaus besitzt.

Dank dieses Trickapparates konnte Culshaw beispielsweise den Nornennebel akustisch lichten und so einen Sonnenaufgang vernehmbar machen. Am Ende des ersten Götterdämmerung«-Aktes gar - Siegfried (Wolfgang Windgassen) tarnt sich als Gunther (Dietrich Fischer-Dieskau) - verdunkelte Culshaw Windgassens Tenor-Timbre mittels Filter und Verzerrer zum Bariton Fischer-Dieskaus: ein der Bühne versagtes, von Richard Wagner gleichwohl erstrebtes Verfahren. »Wenn es heute möglich ist, solche Effekte hervorzurufen«, sagt Culshaw, »warum sollten wir es dann nicht tun?«

Der partiturgetreuen Effekte wegen begab sich Culshaw auch auf die Suche nach den rauhröhrenden Stierhörnern, die Wagner als Kulissenklang für Hagens Vasallenruf vorgeschrieben hat: Er suchte vergebens, denn selbst Bayreuth läßt statt dieser Instrumente längst weichere Posaunen erschallen. So mußte Culshaw die verstummten Hörner von dem Bayreuther Instrumentenbauer Otto Mahler nachbauen lassen. Mahler hatte sie vor dem Kriege auf dem Grünen Hügel noch gehört und überdies beobachtet, wie amerikanische Soldaten die Instrumente 1945 als Trophäen entführten.

Mit solch authentischer Blasmusik nebst Donner, Klirren, Knallen und dem geräuschvollen Zusammenbruch der Gibichungenhalle hatte Culshaw »die größte Leistung In der Schallplattengeschichte vollbracht« ("The Gramophone").

Doch angesichts der Perfektion kamen der »Opernwelt« Zweifel am musikalischen Wert dieses unsichtbaren Theaters. »Eines Tages«, so vermutet das Fachblatt, »wird ein Über-Culshaw kommen, und dann wird der Hörer nicht mehr wissen, ob er Musik vom Komponisten, vom Dirigenten oder vom Klangregisseur vorgesetzt bekommt.«

Ein möglicher Über-Culshaw ist schon in Sicht: 1967 will der technisch versierte Herbert von Karajan für die Deutsche Grammophon in den »Ring« gehen und zunächst eine Hochglanz »Walküre« herstellen.

Nachgebaute Stierhörner für die »Götterdämmerung": Nornen-Nebel gelichtet

Produzent Culshaw

Musik vom Regisseur?

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