Idealisierung von Stars Perfektion ist keine menschliche Kategorie

Ein Essay von Nils Minkmar
Auf den Bildschirmen der digitalen Moderne soll alles makellos erscheinen. Auch deshalb halten wir es so schlecht aus, wenn sich Helden wie Kobe Bryant oder Kevin Spacey schuldig machen.
Verunglückter Spitzensportler Kobe Bryant: Ein lehrreicher Fall

Verunglückter Spitzensportler Kobe Bryant: Ein lehrreicher Fall

Foto: Danny Moloshok/ AP

Es war der klassische Tweet zu viel. Kurz nach dem Hubschrauberabsturz, in dem der Basketballstar Kobe Bryant, seine Tochter und sieben andere Passagiere ums Leben kamen, verschickte eine Reporterin der "Washington Post" den Link  zu einem Bryant betreffenden Artikel. Sie sollte es bald bereuen. Denn in dem Text des Magazins "The Daily Beast"  aus dem Jahre 2016 wurde noch einmal sehr ausführlich über den Vergewaltigungsvorwurf gegen Bryant berichtet. Er wurde damals nicht verurteilt, weil es eine außergerichtliche Einigung gab, aber der Fall führte immer wieder zu Diskussionen.

Nun war der Tag seines Todes schon aus Gründen der Pietät nicht geeignet, um daran zu erinnern. Aber die große Welle an Entrüstung, Drohungen und Hass, die der Frau entgegenschlug, war unangebracht - und als Kennzeichen unserer Zeit bemerkenswert.

Ihr Arbeitgeber suspendierte sie vorübergehend von ihrem Job, um zu klären, ob sie etwas falsch gemacht hatte. Man beließ es bei einer milden Rüge wegen des unpassenden Zeitpunkts. Ein weiterer Vorwurf war nicht zu machen, der verbreitete Artikel war seriös. Bloß ließ er den Verstorbenen eben nicht in besonders gutem Licht dastehen.

Moral, die sich in den Bereich der Ästhetik verrennt

Und das scheint derzeit besonders schwer auszuhalten zu sein: dass auch Helden eine Schwäche haben, dunkle Charakterzüge, seltsame Ansichten oder gar schuldig wurden. Auf den glatten Bildschirmen der digitalen Moderne soll alles makellos erscheinen.

So verrennt sich die Moral in den Bereich der Ästhetik: Die Schönen sollen gut sein und vice versa. Und wenn jemand allzu arger Taten verdächtigt wird, dann verschlingt das Verbrechen sein ganzes Leben, seine Werke, sein Bild: Jahrelang wurde der Schauspieler Kevin Spacey für seine Darstellung zwielichtiger Machtmänner verehrt. Sein Name war Grund, einen Film zu besuchen, eine Serie zu kaufen.

Spacey 2019: Die Spannung war zu groß.

Spacey 2019: Die Spannung war zu groß.

Foto: Ernesto Ruscio/ Getty Images

Nachdem sich der Verdacht erhärtete, er habe sich sexueller Übergriffe an jungen Männern schuldig gemacht, entfernte man ihn vollständig und rückstandsfrei aus Branche, Serien und Filmen – nach dem Muster der antiken "damnatio memoriae", als man die Namen der in Ungnade gefallenen Würdenträger aus Monumenten und Inschriften wieder entfernen ließ.

Magisches Denken

Die Spannung war zu groß: dass Spacey diese dubiosen Typen vielleicht deshalb so gut darzustellen verstand, weil ihm als Mensch diese Seite, diese Erfahrungen nicht fremd waren.

Es ist notwendig, einen Künstler, der seine Machtposition im Betrieb der künstlerischen Produktion für sexuelle oder sonstige Übergriffe nutzt, dieser Möglichkeit zu berauben, ebenso einen Trainer, Priester oder Manager. Sie müssen ihre Posten räumen und sich der Strafverfolgung stellen, um weitere Opfer zu vermeiden, da kann die bisherige Leistung keinen Schutz begründen.

Aber das juristische oder soziale Urteil ist nicht das einzige, entfaltet sich nicht total und rückwirkend über Mensch, Leben und Werk. Zu tun, als habe es einen Spacey nie gegeben, ist magisches Denken. Die Serie "House of Cards" lebte von seiner Darstellung eines ruchlosen Machtmenschen, und dieses Thema selbst wird durch die Aufdeckung tatsächlichen Machtmissbrauchs durch den Hauptdarsteller eher relevanter.

Der öffentliche Diskurs muss wieder üben, Spannungen in Personen anzuerkennen und auszuhalten. Das geht auch bei historischen Figuren: Die Künstlerin Camille Claudel wird wegen ihrer Arbeiten bewundert. Sie hatte in der Beziehung zu Auguste Rodin zu leiden, wurde ausgenutzt und führte ein dramatisches, literarisches Leben. Es wurde der Stoff für einen unvergessenen Film, in dem Isabelle Adjani Claudel spielte. Und sie schrieb Briefe mit üblen antisemitischen Passagen.

Tröstet die Anmut ihrer Skulpturen darüber hinweg? Sicher nicht. Soll man also die Werke gar nicht mehr zeigen, um jemanden, der die Juden hasste, kein Forum zu bieten? Besser wäre, über die Werke, das Leben und die Gedanken der Zeit zu sprechen, den Kontext und die Spannungen darzustellen.

Heute stellt sich das Problem in verschärfter Form, weil wir einerseits so viel mehr Informationen über gerade berühmte und bewunderte Personen haben und andererseits eine außer Kontrolle geratene Medienbranche jedes Thema personalisiert. Und wenn diese Person eben nicht rund um die Uhr und jahraus, jahrein gut denkt und handelt, dann, so die empörungsberauschte Implikation, verrät sie ihre Fans, die gute Sache und die ganze Welt.

Donald Trump hat das verstanden: In seiner Weltsicht macht Trump keine Fehler. Er hat auch keine Schwächen, sondern schreitet von einem Erfolg zum nächsten. So bleibt die Benutzeroberfläche intakt. Und wer etwas anderes behauptet, der ist eben ganz gegen ihn, ein Feind.

Nicht alle Täter kommen als finstere Gesellen daher

Als sich die Vorwürfe gegen Michael Jackson verdichteten und den Schluss nahelegten, dass er Jungen sexuell ausgenutzt und dann ihr Schweigen erkauft hat, kam die Frage auf, ob man noch seine Songs hören dürfe. Als wäre es eine Überforderung, einzusehen, dass er vermutlich nicht der asexuelle Idealist war, als der er sich so gerne ausgab. Dass er aber auch bedeutende Musik geschrieben hat – es ist beides da.

Noch mal: Der Ruhm sollte ihn nicht vor den strafrechtlichen und sozialen Folgen seiner mutmaßlichen schweren Vergehen schützen – aber wenn der Mann zu verurteilen ist, sind nicht auch seine Songs verhaftet. Man kann sich an ihrer unvergleichlichen Energie freuen, ohne zu verdrängen, dass ihr Komponist und Interpret ein gründlich verkorkster und möglicherweise krimineller Mann war.

Michael Jackson: gründlich verkorkst

Michael Jackson: gründlich verkorkst

Foto: Carlo Allegri/ Getty Images

Das ist übrigens auch Bestandteil eines Diskurses im Sinne der Prävention: Nicht alle Täter kommen als finstere Gesellen daher, denen man, wie im Comic, schon an der Visage die üble Absicht ablesen kann. Vielmehr gibt es kluge, brillante und vermögende Menschen, die schrecklicher Taten fähig sind - als wären alle Facetten eines Menschen jederzeit sichtbar und immer passend.

Das Problem des naiven Menschenbildes

Im Grunde wissen wir das auch längst: Der 2008 verstorbene israelische Psychologe Dan Bar-On hat jahrelang mit NS-Tätern und ihren Nachkommen Gespräche geführt. Hier begegnete er dem Problem des naiven Menschenbildes, wenn etwa die Kinder von Nazis fragten: Wie kann es sein, dass der Vater, der mich so geliebt hat, solche Taten begangen hat? Die Erkenntnis zu akzeptieren, dass ein Massenmörder auch ein normaler oder guter Kollege und Vater sein kann, ist auch für das Verständnis des umgekehrten Weges wichtig. Wie werden ein guter Mann und eine gute Frau zu ideologisch verblendeten Nazi-Killern?

Dan Bar-On sagte: "Wir sind aus einer Collage verschiedener Teile zusammengesetzt, die wir als kohärent darzustellen versuchen, aber sie sind überhaupt nicht kohärent." Er ermutigte zu einer Dialogarbeit zwischen diesen Komponenten. Die Vorstellung, den Anspruch, dass immer alles zusammenpasst, das hielt er für ein Menschenbild aus vergangener Zeit.

Man darf sich freuen - und man sollte widersprechen

Aus dieser Einsicht folgert nicht, alles wissend zu dulden und Schwämme über alle Missetaten zu wischen, es ist im Gegenteil eine Ermutigung zur Aufklärung, wie Bar-On sie selbst betrieb. Es gilt, die Sinne und den Verstand zu schärfen für die Fehlbarkeiten und Disparitäten von Personen, sie anzuerkennen, ohne sie auflösen zu wollen.

Peter Handke: Leider geht es heute um Mythen

Peter Handke: Leider geht es heute um Mythen

Foto: Francois Mori/ DPA

Man darf sich an der Lektüre des "Wunschlosen Unglücks" und der Versuche von Peter Handke freuen, ohne dessen heillose Analysen der serbischen Verbrechen auf dem Balkan teilen zu müssen. Man muss aber, selbst wenn man das gerne liest, diese historischen Verschwörungstheorien, die den Opfern wie Hohn vorkommen müssen, nicht relativieren und sollte widersprechen.

Jede Person hat mannigfaltige Möglichkeiten, das macht ja Geschichten und das Leben so spannend. Dan Bar-On legte großen Wert auf den Begriff der Situation, in dem sich diese oder jene Seite offenbart. Um sie zu würdigen, braucht man mehr als ein Bild. Heute aber geht es leider mehr um Mythen und um bessere Helden – den Siegfried ohne die verwundbare Stelle, wo das Lindenblatt lag, und den Achilles mit geschützter Ferse.

Kobe Bryant - ein lehrreicher Fall

Kobe Bryant selbst hat einen anderen Weg versucht, als er in einem als Entschuldigung gemeinten Statement einräumte, verstanden zu haben, dass die junge Frau ihre Begegnung ganz anders empfunden hat als er. Damit eröffnete er, wenn auch zaghaft, einen Dialog über sexuelle Gewalt, die sich eben auch nach einem zärtlich begonnenen Rendezvous in einem luxuriösen Hotelzimmer entwickeln kann. Es ist ein lehrreicher Fall, und es gibt keinen Grund, ihn zu verschweigen, weil man Bryant bewundert. Im Gegenteil – gerade in der Diskussion dieser Episode wird aus ihm ein Mann seiner, unserer Zeit, mit all ihren immensen Möglichkeiten und Risiken.

Die Fehlbarkeit und Zerbrechlichkeit des Menschen sind der Stoff, aus dem Dramen und Geschichten sind, aus denen wir lernen und mit denen wir uns einen Reim auf die Welt machen. Perfektion ist keine menschliche Kategorie.

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