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ZUCKMAYER-PREMIERE König Tabor

aus DER SPIEGEL 48/1964

Eigentlich sollte Carl Zuckmayer, wie er sagt, mit diesem Stück im Jahre 1939 »das amerikanische Theater erobern«, aber er hatte damals »anderes im Kopf«. So blieben die Zeitungsausschnitte, nach denen die Handlung rekonstruiert ist, noch 25 Jahre ungenutzt. Erst in der vergangenen Woche produzierte das Schauspielhaus Zürich als Uraufführung »Das Leben des Horace A. W. Tabor«.

Zuckmayer über sein neues Stück: »Es wurde aus keinem anderen Grund geschrieben als aus der ungeheuren Lust, es zu schreiben.«

Die Lust des Autors traf zweifellos die Lust der Zuschauer, es zu sehen. Schon mit seiner jüngeren Produktion war der Rheinhesse Carl Zuckmayer, 67, von dem eine der besten deutschsprachigen Komödien ("Der Hauptmann von Köpenick«, 1931) und das erfolgreichste deutsche Nachkriegsdrama ("Des Teufels General«, 1946) stammen, wenig glücklich gefahren. Sein Atom-Verräter -Schauspiel »Das kalte Licht« (1955) erreichte nicht mehr die Aufführungszahlen der alten Erfolge; nach der Uraufführung des Fremdenlegionärs-Dramas »Die Uhr schlägt eins« (1961) schrieb der Wiener Kritiker Hans Weigel böse: »Tieferschüttert gebe ich hiermit geziemend Nachricht vom Ende des ernst zu nehmenden Dramatikers Carl Zuckmayer.«

Zuckmayer (für Freunde: »Zuck") dürfte der einzige Gegenwarts-Dramatiker sein, dessen Helden sich hinlänglich damit charakterisieren lassen, sie hätten das Herz auf dem rechten Fleck und wären einem guten Tropfen niemals abhold; seine Heldinnen, obwohl schön, können, wenn es not tut, dennoch zupacken; die Bösewichter sind aalglatt, gut gekleidet und daher ziemlich widerlich. Personal und Handlung von Zuckmayers jüngstem Schauspiel entsprechen recht genau seiner programmatischen Bekundung zum Theater der Gegenwart: »Was soll uns der fade Spott, das hämische Grinsen? ... Wir brauchen Brot und Wein.«

Folkloristischer Exaktheit zuliebe sind allerdings Brot und Wein im »Leben des Horace A. W. Tabor« durch Speckbohnen und Whisky ersetzt worden. Zum Titelhelden und in dessen letzter Stunde sagt der Priester: »Du hast immer zuviel gefressen, du warst ein Gierschlund dein Leben lang. Es heißt, du hättest mal deine beste Hand Poker weggegeben, weil Augusta einen Truthahn im Rohr hatte und weil du Angst hattest, den Schlögel nicht zu kriegen.«

Die Legende vom Truthahn-Schlögel, in der letzten Szene mitgeteilt, beruht auf Wahrheit. Das Züricher Publikum der Premieren-Gala (auf der Einladung: »Abendanzug erbeten") hat es in der ersten Szene miterleben dürfen. Legende und Ereignis, letzte und erste Szene spielen am selben Ort, in dem dürftigen Post-Office einer ehemaligen Goldgräberstadt in Colorado, dem Horace A. W. Tabor vorsteht.

Die Zeit der Indianerkämpfe und die Jahre des Goldrausches sind vorbei, aber nicht ganz. Die Gäste der Poststation, nun Arbeiter in den Bleiminen, träumen von den vergangenen - Jahren der Schatzsuche, am Boden hockt ein alter Cheyenne-Indianer, dessen einziges Lebenszeichen ist, daß er gelegentlich einen Rum schluckt.

Der graue Zylinder des anwesenden Redakteurs der »Rocky - Mountains - News« ist von Kugeln durchlöchert ("man muß sich nur rechtzeitig bücken"); ein Priester ohne Konfession ("dem Herrgott ist's egal") treibt die Leute mit Flüchen in seine Andacht ("morgens früh um sechs, und wenn es Felsklötze schneit und Baumstrünke hagelt") und trägt die Post aus. Er wird der »Schneeschuh-Kippler« genannt, andere Gäste heißen »Hirsch-Joseph«, »Onkel Dick« oder »Hühnerschnabel«.

Von zwei Desperados, völlig durchfrorenen Flickschustern aus Württemberg, erwirbt Tabor mehr zum Spaß zwei Drittel eines Claim und bezahlt dafür eine Gallone Whisky: »Bawwel nit so viel«, sagt sein Geschäftspartner während der Verhandlung, »ich fall um, wenn mer net bald das Schnäpsli krische.«

Der mit den Schnäpsli erworbene Grund enthält eine gewaltige Silbermine, und so beginnt, was Zuckmayer im Untertitel »ein Stück aus den Tagen der letzten Könige« nennt. Tabor (in Zürich: Gustav Knuth) wird vielfacher Millionär, wird »der Silber-König«, stiftet Kranken- und Opernhäuser und bringt es zum Gouverneur, ja zum US -Senator.

Allerdings verläßt er auf dem Höhepunkt des Glücks seine gut kochende Frau Augusta (Marianne Hoppe) zugunsten der schlecht singenden Saloon -Dame Baby Doe (Sonja Ziemann). Am Ende, als falsche Geschäftspolitik, böse Freunde und ein Unwetter auf der Börse Tabor ruiniert haben, finden sich alle drei in der alten Poststation zusammen; Augusta kocht, Baby Doe trägt die Post aus.

Baby Doe zu Augusta: »Bist du mir noch böse?« Augusta: »Ach, Unsinn.«

Tabor stirbt, nicht ohne vorher »einen Grunzlaut des Entzückens« ausgestoßen zu haben, nach dem Genuß eines großen Napfes voll fetter Speckbohnen.

Zuckmayer, der für die meisten seiner Schauspiele historische Vorbilder verwendet hat, etwa für den »Hauptmann von Köpenick« den Hauptmann von Köpenick, für »Des Teufels General« den Flieger-General Ernst Udet, für »Das kalte Licht« den Atomverräter Klaus Fuchs, dementiert ausdrücklich, daß der Name der Briefträgerin Baby Doe eine freie Variation des Nachthemd -Mädchens Baby Doll von Tennessee Williams sei.

Der historische Tabor war in der Zeit seines Glücks, Ende des vergangenen Jahrhunderts, zwar nur Vize-Gouverneur, aber seine Frau habe Baby Doe geheißen. Sie wurde 1936, so berichtet Zuckmayer, inzwischen etwa 80jährig, erfroren in der Nähe des alten, längst stillgelegten und verrotteten Silberbergwerks gefunden, das ihr Mann hinterlassen hatte.

Zuckmayer: »Gerüchten zufolge sollen dort Im Jahre 1946, also zehn Jahre nach Baby Does Tod, Uranium-Vorkommen entdeckt worden sein.«

Mehr als die zuletzt voraufgegangenen Stücke enthält Zuckmayers Schauspiel »aus den Tagen der letzten Könige« eine Anzahl theatralisch wirksamer Szenen und Rollen, wie sie Schauspielern gefallen mögen. Ebenso wie die voraufgegangenen Schauspiele zeigt sein jüngstes Stück die ungebrochene Liebe des Autors zu männlich hartem Leben auf der Bühne.

Handlung und Psychologie der Personen halten sich an die liebe Anspruchslosigkeit der Märchen und an die belehrende Essenz einer Kaskade von Sprichwörtern, den Schuster und seinen Leisten oder die gemeinsame Eigenschaft von Glück und Glas betreffend, wie gewonnen, so zerronnen.

»Vielleicht«, erläuterte Zuckmayer, ist Dramatik nichts anderes als ein permanentes Gebet um Gerechtigkeit.«

Das Züricher Gala-Publikum applaudierte der Uraufführung (Regie: Werner Düggelin), den Schauspielern und dem Autor anhaltend freundlich. Wenn nicht die deutschen Bühnen, so werden die Kinderfunk-Redaktionen der deutschen Rundfunkanstalten ihre Chance zu nutzen wissen.

Zuckmayers »Horace A. W. Tabor« in Zürich* Der Silber-König stirbt ...

... nach dem Genuß von Speckbohnen: Dramatiker Zuckmayer

* Gustav Knuth als Tabor und Sonja Ziemann als Baby Doe.

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