LITERATUR Königinnen im Faselland
Marie hatte es geahnt: Auch dieser Abend würde mit einer Katastrophe enden. Diesmal heißt sie Heinz, ist Mitte 40 und trägt ein buntes Hemd zur Bundfaltenhose. »Willst du noch ein Bier?« fragt Heinz und nimmt die betrunkene Marie in den Arm. »Er fragt immer wieder, bis ich endlich verstehe, daß er sagt: ,Kommst du mit zu mir?''« Nur sind die anderen Typen nicht viel besser: Martin zum Beispiel. Der hat zwar tolle Freunde und einen Mantel von Helmut Lang, dafür schläft er zugekokst am Tresen ein. Nächtelang steht Marie in Berliner Clubs herum, bis ihr »vor lauter Gutaussehen und Glücklichsein« das Gesicht wehtut. Dabei denkt sie an ihre beste Freundin Gloria, die einen richtigen Mann hat und ein Kind und aus irgendwelchen typisch weiblichen Gründen nicht mehr mit Marie redet. Und auch nicht glücklich ist. Nur drei Dinge scheinen gegen die unerträgliche Seichtigkeit des Seins zu helfen: eine neue Frisur, eine Prada-Tasche und ein Paar Schuhe von Patrick Cox. Doch wenn der Tag vorbei ist und das Konto leer, landen die Königinnen der Lakonie wieder in einem Bermudadreieck aus Alkohol, Enttäuschung und ungeklärten Fragen: Wie liegt man neben einem Fremden im Bett, ohne daß es peinlich ist? Was tun, wenn das eigene Leben kein amerikanischer Film, nicht mal eine deutsche Komödie sein will?
Die Wahlberlinerin Elke Naters, 35, hat einen bösartig zarten Debütroman geschrieben, voller Seitenblicke auf die kleinen Wahrheiten zwischen den großen Gefühlen. Die spröden, abwechselnd aus der Perspektive von Gloria und Marie geschilderten Episoden erzählen wunderbar eigen und unprätentiös von den Stimmungen großer Mädchen. Und haben so gar nichts gemein mit den hohlen Leidenschaften der Bestsellerqueens vom Schlage Hera Linds.
Elke Naters: »Königinnen«. Kiepenheuer & Witsch, Köln; 160 Seiten; 29,80 Mark.
Elke Naters: »Königinnen«. Kiepenheuer & Witsch, Köln;160 Seiten; 29,80 Mark.