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BÜCHER / NEU IN DEUTSCHLAND Körper füttern

Günter Seuren. »Das Kannibalenfest«. Kiepenheuer & Witsch; 212 Seiten; 16 Mark.
aus DER SPIEGEL 39/1968

Max, 38, Antiquitätenhändler, ist seine Frau Tekla leid und fährt mit Freundin Ruth, 26, Übersetzerin, in die Normandie, um sich endlich einmal richtig auszulieben.

»Zelebrieren müssen wir uns«, sagt er und nennt es auch »den Körper füttern«. Er sagt: »Wir dürfen nichts auslassen, nichts. Wir müssen mit uns wuchern« -- und wuchert auch unter freiem Himmel (wo Tekla nicht mochte) und mit dem großen Zeh.

Doch das kannibalische Wohlsein hält nicht vor. Während Max an einer Erkältung laboriert, lacht Ruth sich einen jungen normannischen Drahtplastiker an. Und als Max sich an Makrelen den Magen verdorben hat und die »Komplicin« seiner erotischen Eskapade (Max zu Ruth: »Es geht nur mit dir so gut") ihm nur noch mit heißen Kompressen dient, taucht überraschend Frau Tekla auf und holt den Ausbrecher heim. Bonjour tristesse.

Günter Seuren, 36, der sich in seinem dritten Roman als eine Art Sagan von der Kö erweist, vermag die Banalität der Seitensprung-Story mit einigen vage-wehmütigen Hinweisen auf eine Gesellschaft der resignierten Angepaßten nicht zu beheben -- aber er versteht es, sie mit preziösem Chic zu verkleiden.

Seuren, nach »Gatter« und »Lebeck« und Film- wie Fernseherfolgen auf der Höhe seines mittleren Talents, tupft die kleinen müßigen Extravaganzen seiner Figuren, ihre narzißtisch verspielten Reden. Gesten und Gefühle so locker wie sicher aufs Papier. Er hat einen Nerv für »so ekelhafte kleine Sachen, die einem an die Nerven gehen«, und kann bestechend genau hinsehen: Ein Augenlidrand im Vergrößerungsspiegel ist »dick, zum Platzen, wie eine heile gemästete Larve«.

Aber auch Drastisches gerät ihm meistens eher zierlich-dekorativ. Wenn er die Butter- und Rotweinflecken auf des Helden Freizeithemd beschreibt, klingt das nach Dernier cri, wenn er »die Gummis« erwähnt, nach einem modischen Accessoire.

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