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Fernsehen Köstlich gemein

Der Regierungsumzug von Bonn nach Berlin: Wolfgang Menge bringt die Realsatire auf den Bildschirm.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Berlin sei zur Zeit »kaputt, kleinkariert, dreckig, chaotisch, provinziell«, sagt Leopold Wirthgen, ein zynischer Finanzier aus dem WDR-Fernsehfilm »Spreebogen« (ARD, Mittwoch, 20.15 Uhr). Wer widerspricht?

»In Berlin ist es spannend. Hier spielt die Musik. Berlin muß heute mit Problemen fertig werden, die auf euch noch zukommen«, sagt der Hauptstadtexperte im selben Atemzug. Auch hier: kein Widerspruch dem Widerspruch.

Fernsehautor Wolfgang Menge, 70, ("Ekel Alfred«, »Motzki"), ein unerbittlicher Berlin-Werber, hat mal wieder satirisch ins zerrissene deutsche Gemüt gepikst, in eine Stelle, wo es besonders heftig wabert und labert: in die Querelen um den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin.

Was hat die teutonische Seele beim Thema Hauptstadt Berlin nicht schon für Höhenflüge und Abstürze erlebt? Im westdeutschen Geisterreich von '68 galt die Formel von der deutschen Hauptstadt Berlin als Chimäre aus den Springer-Blättern, als so reaktionär wie die Forderung »Macht das Tor auf«. Berlin war West-Berlin, ein Gemenge aus Kiez-WG, Altersheim, Cafe-Kranzler-Demo, Zwiebelsuppe in der Paris-Bar, Promi-Provinz-Kaste mit Bubi Scholz und Günter Pfitzmann an der Spitze. Und im Osten war die andere Halbstadt Inbegriff von sozialistischem Zentralismus und stets besser versorgter Heimstatt der DDR-Nomenklatura.

Mit dem Mauerfall bemächtigten sich dann aber auf unheimlichste Weise metropolitane Phantasien der Intellektuellen. Berlin-West war zwar immer noch Pfitzmann, Kranzler, Kiezkrawall (die Zwiebelsuppe in der Paris-Bar war allerdings unbezahlbar geworden), aber von der Vermengung mit dem Osten erwartete man sich nun wahre Wunder: einen Boom metropolitanen Bewußtseins, sobald Bundestag und Bundesregierung an der Spree residieren würden.

Ach, wäre es nicht wunderbar, wenn deutsche Beamte und Abgeordnete jenseits von Bonn-Meckenheim in den Straßenschluchten des Prenzlauer Bergs lernen könnten, was soziale Realität ist. Wenn Kanzler und Kabinett mit Kulturträgern den Geist der neuerstandenen goldenen Zwanziger schlurften, als wäre das Kranzlereck wieder der Literatentreff Romanisches Cafe.

Doch im gleichen Tempo, wie die Bonner Ministerial-Mafia den hart erkämpften Umzugsbeschluß des Bundestags unterminierte, verflogen die metropolitanen Träume. Welchen städtebaulichen Reiz haben Regierungsneubauten, die wie Daimler- oder Sony-Zentralen aussehen? Was - außer mehr Verkehr - bringen Beamte, die aus den neuen Meckenheims am Rande Berlins zur Arbeit einpendeln? Welche Funktion haben Hauptstädte, die zunehmend von Brüsseler Entscheidungen abhängig sind? Die nur noch beliebige Stationen an Datenautobahnen sind? Und vor allem - was das alles kostet.

»Spreebogen«-Regisseur Konrad Sabrautzky hat das Ende des Hauptstadttraums richtig erspürt. Drehbuchautor Menge strich bei Durchsicht der Drehvorlage 90 Prozent der politischen Argumentation für einen Umzug. Der ursprüngliche Zorn über die Verschleppung schlug bei beiden in Zynismus um, und zwar in dessen subversivster Variante, die der ironischen Belustigung.

Menges Bonn ist ein lichtes, von sommerlicher Wärme durchflutetes Bestiarium. Zwischen Zimmerpflanzen, in hohen Räumen, walten cool, aufgeräumt und routiniert die Mitarbeiter des Ministers Bartels (Rolf Hoppe) ihres Amtes, den Umzug nach Berlin vorzubereiten. Doch keiner will wirklich in die unheimliche Hauptstadt.

Die hochelegante Frau Staatssekretärin Dr. Monika Segler-Ippenstedt (Hannelore Elsner) mag nicht, weil ihr junger Liebhaber aus dem Außenministerium (Markus Knüfgen) Berlin haßt und lieber als dritter Botschaftssekretär nach Ulan Bator gehen würde; auch nicht ihre üppige Referentin (Dagmar Biener), weil ihr heimlich geheirateter Mann ein desertierter Offizier der russischen Armee ist. Wie das Gescherr, so der Herr: Minister Bartels fühlt sich viel zu sehr als Bonner Mann von Welt, um in der Steppe des Ostens zu versauern.

Die falschherzigen Berlin-Streiter haben eine schier unangreifbare Verhinderungstaktik: Sie verschleiern ihre wahren Absichten hinter einer glühenden Rhetorik zugunsten des Umzugs. Ergreifend, wie Minister Bartels vor den Modellen der Berlin-Neubauten von der Größe der nationalen Aufgabe spricht, wie Frau Staatssekretärin Segler-Ippenstedt hingebungsvoll applaudiert. Doch der Zuschauer erkennt das Schmierentheater, die wölfische Heuchelei der Bonner Bande - da hat Menges Spiel seine stärksten Momente.

Köstlich gemein, wie die Bürokraten vom Rhein den Zufall für sich arbeiten lassen. Da taucht aus dem Nichts der Bürgermeister von Jüterbog (Jaecki Schwarz) auf, jener kleinen Stadt bei Berlin, wo Kleists historisches Vorbild, der Gerechtigkeitsfanatiker Michael Kohlhaas, einst vor einem Rechtstag aufgetreten war. Er reklamiert aufgrund alter Urkunden einen Besitzanspruch auf ein Grundstück im Spreebogen, wo das Kanzleramt errichtet werden soll.

Der Ost-Kommunale hat eine - aus Bonner Sicht - fatale Eigenschaft: Er will das Grundstück ohne viel Federlesens verkaufen. Die Aufgabe für Bartels' Leute heißt, aus dem unerwarteten Vorfall einen bürokratisch komplizierten Vorgang machen. Das bringt Zeit. Der nationale Aufbruch nach Berlin endet in schäbiger Dealerei - denn auch der Ossi erweist sich nicht als idealistischer Kohlhaas, sondern listiger Hund.

Menge, der zornige alte Mann, hat wohl vor solcher platten Wendung der nationalen Dinge Angst bekommen. Denn er führt in die Handlung ein Alter ego ein, den brummelnden Berlin-Werber und Finanzier (Traugott Buhre), der immer ein wenig verloren und einsam wirkt, wenn er vor der ebenso schönen wie eisig ungerührten Madame Segler-Ippenstedt von Berlins historischer Rolle doziert.

In Menges schnöder Welt haben Idealisten abgedankt. Der Prophet gilt nichts mehr, nicht einmal in seiner eigenen Satire. Y

Der nationale Aufbruch endet in schäbiger Dealerei

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