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Kohl und Rüben, erntedankfestartig

Walter Kempowski über die Braunschweiger Ausstellung »Stadt im Wandel« Mit großem Anspruch und Aufwand werden in zwei Braunschweiger Museumsgebäuden, der Burg Dankwarderode und dem klassizistischen einstigen Wohn- und Geschäftshaus des Verlegers Friedrich Vieweg, fünf Jahrhunderte städtisch-bürgerlicher »Kunst und Kultur in Norddeutschland« vorgeführt. Der Schriftsteller Walter Kempowski ("Tadellöser & Wolff«, »Schöne Aussicht") hat sich in seinen Romanen auch als ein liebevoll-akribischer Archivar bürgerlichen Lebens in seiner - norddeutschen - Heimatstadt Rostock hervorgetan. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Im Innenhof des Vieweghauses, der leider durch eine brutale Überdachung verunstaltet ist, steht er wieder: Heinrichs des Löwen Löwe. Giftige Regenschauer hatten ihn zerbröseln lassen, nun ist er wieder heil, und seine Stelle auf dem Burgplatz muß eine Kopie einnehmen.

Mit diesem »ersten bekannten nach der Antike durchgeführten größeren figürlichen Hohlguß« (Ausstellungskatalog) im Zusammenhang zu sehen ist die größte Sensation des ganzen Unternehmens, das berühmte Evangeliar, ebenfalls von Heinrich dem Löwen gestiftet, für den Dom. Unter Panzerglas liegt es, in farbenschonendem Dämmerlicht und wohltemperiert, je ein Polizist links und rechts paßt auf, kein lautes Wort in der Nähe.

Bekanntlich hat man das Evangeliar um den Preis von fünf »Leopard«-Panzern beherzt erworben, als sich die Gelegenheit bot, noch nie wurde es öffentlich gezeigt. Drin blättern darf man freilich auch jetzt nicht, jeden Monat einmal schlägt ein Hauptrestaurator namens Nicolaus, mit weißen Handschuhen angetan, eine neue Seite auf. Vier Seiten also bekommt das Publikum zu sehen, dann wird das Buch zugeklappt und in der Bibliothek von Wolfenbüttel eingeschlossen für lange, lange Zeit.

Nach den Jahrhundertausstellungen über die Staufer, die Wittelsbacher und die Preußen hat nun auch Niedersachsen ein entsprechendes Spektakulum zu bieten. Es ist in Braunschweig zu sehen, bis zum 24. November. _(Katalog in vier Bänden; zusammen 2668 ) _(Seiten; 136 Mark. Ausstellungsführer 160 ) _(Seiten; 10 Mark. )

Ursprünglich war geplant, die Welfen einer umfassenden Darstellung zu würdigen, und das wäre vielleicht doch besser gewesen - aus demokratischen Gründen hat man es verworfen. Statt dessen heißt es nun »Stadt im Wandel«, und das ist mißverständlich genug. Unwillkürlich denkt man, es gehe

um die bis in die Gegenwart sich vollziehende Wandlung von Städten, vom palisadenumgebenen Gemeinwesen bis zur modernen, von Straßen zerschnittenen, auseinandergeflossenen Metropole, die, eine wahrscheinliche Zukunft vorwegnehmend, die Bronx in Deutschland vorstellbar macht. Insofern schien auch der Zeitpunkt der Eröffnung, 40 Jahre nach Hiroschima, plausibel für das Vorhaben.

Die höllische Entwicklung unserer Städte ist jedoch nicht der ins Auge fallende Gegenstand der Ausstellung, das wird bereits am Untertitel deutlich: »Kunst und Kultur des Bürgertums in Norddeutschland, 1150-1650«.

So wie das Thema eine gewisse Unentschlossenheit widerspiegelt, so hinterläßt die Ausstellung selbst den Eindruck von Zerfahrenheit und Fachegoismus. Was sich um ein Zentrum ordnen sollte - die Welfen wären es gewesen -, führt vom Hundertsten ins Tausendste und in alle Himmelsrichtungen. Dies und das für euch zum Spaß? Sieben verschiedene norddeutsche Städte hat man sich vorgenommen, 40 Einzelthemen und den »Wandel« dazu. Sechs Jahre lang hat ein Gremium von 200 Wissenschaftlern aus allen nur denkbaren Fachgebieten an der Zusammentragung gearbeitet.

Man kann sich vorstellen, wie diese Herren miteinander gerungen haben um die gebührende Präsentation gerade ihrer Fakultät, man meint das babylonische Palaver noch zu hören: Hier noch eine Urkunde, da noch einen Pokal, Siegel sind etwas Wunderbares, und eine mumifizierte Ratte wird zur Sensation.

Wer nach Braunschweig fährt, wird trotzdem ein Erlebnis ersten Ranges haben. Es hat wohl noch nie eine solche Versammlung mittelalterlicher Exponate Niederdeutschlands gegeben; die zehn Millionen, die das alles gekostet hat, sind nicht vertan. Was in dem schönen Vieweghaus und der nun auch gänzlich wiederhergestellten, wie chemisch desinfiziert wirkenden sogenannten »Burg Dankwarderode« sich präsentiert, ist immerhin im einzelnen sensationell, nicht etwa nur das Evangeliar Heinrichs des Löwen.

Links und rechts von diesem Schatz liegen, weniger streng bewacht, andere Folianten, die genauso schön sind wie der Star, im einzelnen vielleicht sogar noch schöner und wertvoller. So das ekstatische Evangeliar von 1194, ein anderes, ebenso altes aus St. Aegidien in Braunschweig, noch im Original-Einband aus vergoldetem Silberblech mit Steinen und Perlen besetzt und mit Reliefs aus Walroßzahn.

Eine weitere Sensation ist das Lüneburger Ratssilber aus dem 15. und 16. Jahrhundert. 1874 wurde es von den Stadtvätern recht prosaisch zugunsten eines dringend benötigten Wasserturms versilbert. Die wichtigsten Stücke sind aus Berlin herbeigeschafft worden und in Panzervitrinen aufgestellt, ja inthronisiert. Kaum zu begreifen, daß die Ratsherren seinerzeit - als sie sie noch hatten - heißen Punsch aus den unschätzbar wertvollen Pokalen tranken. Eine hübsche Idee wäre es gewesen, das in der Abteilung »Haus und Familie« stehende spätmittelalterliche Tischgerät aus Holz - das übrigens nicht nur von armen Leuten benutzt wurde - neben den monströsen Gerätschaften aufzubauen.

Die Prunkschüssel aus Braunschweig habe ich mir genauer angesehen, auf ihr ist in allen Einzelheiten die Belagerung Peines 1522 durch herzogliche und städtisch-braunschweigische Truppen dargestellt. Genau auf die Mitte dieser Hochzeitsschüssel wird eine Kanonenkugel abgeschossen. Bei der Betrachtung des Adlers aus Goslar freut man sich, daß dieser bezaubernd schöne, aus dem 13. Jahrhundert stammende Vogel bereits 1949 vom Marktbrunnen abgenommen und durch eine Kopie ersetzt wurde. Den Namen des Beamten, der das veranlaßt hat, sollte man unter dem Exponat vermerken: Die Kopie wurde nämlich prompt gestohlen.

Besonders anschaulich sind die zahlreichen Modelle. Die Nachbildungen einer Braunschweiger Häuserzeile, eines Lüneburger Patrizierhauses und anderer Gebäude im kleinen, und im großen die Fachwerk-Kate mit Pestzeichen an der Tür, einem Pestkarren und aufgehängten Tüchern gegen giftige Dämpfe.

Mehrere komplette Stadtmodelle wurden extra für die Ausstellung angefertigt, Goslar in Schiefergrau und Emden in Ziegelrot. Es fehlen aber, so putzig die Stadtmodelle auch sind, irgendwelche Knöpfchen, auf die man drücken könnte, um sich mit dem Aufleuchten von Lichtfeldern alles mögliche plausibel zu machen: Brandkatastrophen, Beschießungen und meinetwegen auch den

Wandel. Man braucht ja nicht gerade einen Knopf zu installieren, mit dem man die ganze Sache in die Luft jagen kann.

In der Abteilung »Handel und Handwerk« findet sich die Inszenierung eines Marktplatzes im Maßstab 1:1, mit Pflasterung, eiserner Waage und Pranger. Der zunächst angestrebte Realismus wurde aber ängstlich zurückgenommen, so fehlt der Brunnen - wenn schon, denn schon -, und es fehlen auch die Kulissen von Häusern, die den Marktplatz einrahmen und zu dem machen, was Verkehrsdezernenten in Stadtführern »die gute Stube der Stadt« nennen.

Da ist eine Sammlung von Vegetarischem schon schlüssiger: Sämtliche Gemüsesorten, die bereits im Mittelalter verzehrt wurden, live. Anstatt den Kohl und die Rüben nun aber auf dem nachgemachten Marktplatz aufzuhäufen, hat man sie erntedankfestartig in eine Ecke gepackt. Im übrigen fehlte in der Nähe des Gemüses die Nachbildung einer Küche. Zur Not hätte es auch eine Puppenstube getan. An deren Stelle gibt es einen Wohnraum zu sehen, aus Originalteilen zusammengebastelt, mit Handmühle und Ofen also und hölzernen Kummen auf dem Tisch. Die ganze Sache gewinnt durch eine ausgestopfte Maus.

Wenn schon nicht vom Leitgedanken der Ausstellung, so wird der Besucher doch immer wieder von den Stücken selbst gefesselt. Menschenwitz beim Herstellen von Tötungsgerät, das trotz des makabren Zwecks ästhetische Qualität ausstrahlt: ein ganzer Wald verschiedenartiger Hellebarden, ein Orgelgeschütz mit Luntengraben. Entzücken erregen die Entwürfe für Goldschmiedearbeiten. Und viel bewundert besonders von alternativ gekleideten Menschen, die man zuvor beim Gemüse stehen sah, wird die wiederaufgebaute Bodenisolierung eines Hauses, umgedrehte Töpfe nahmen die Leute damals dazu.

In einem Raum sind 48 Bücher aus der 4000 Bände umfassenden Bibliothek des Braunschweiger Stadtsyndikus Camman zu besichtigen, der sympathischerweise in Rostock studiert hat. Sie belegen das Bildungsstreben eines Bürgers um 1600 eindrucksvoll. Aber: Drei Wachstäfelchen und ein mit Namensschnitzereien ruiniertes Schreibpult als Veranschaulichung für mittelalterliche Schule? Das ist zuwenig. An so etwas ist nichts zu bewundern, und lernen kann man auch nichts daran.

Geburt und Tod im Mittelalter, für das Thema Tod reichen nicht das Totenhemdchen eines Kindes, Epitaphien und ein photokopierter Sarg her. Mittelalter? Man ist schließlich auch ausgezogen, um ein wenig das Gruseln zu lernen. In der Abteilung »Reformation« ist nichts zu spüren von den Aufwühlungen jener Zeit. Originalbildnisse, auch wenn sie von Lucas Cranach sind, reichen da nicht hin. Mit den von Wiedertäufern geschändeten Altären in Münster hätte man das spielend hingekriegt.

Großartig ist die Abteilung »Kirchliche Kunst des Mittelalters«, vielleicht deswegen, weil man hier nicht Kunst in Massen dargeboten bekommt, sondern heiter gestellte Einzelstücke von großer Schönheit, die drei Prunkkreuze, das Adlerpult und die erstmalige Zusammenführung der seit dem 19. Jahrhundert in alle Winde zerstreuten Einzeltafeln vom Altar der Hildesheimer Lambertikirche (wenn auch leider ohne das allzu empfindliche Mittelstück).

Im soeben wiederhergestellten oberen Geschoß der Burg befindet sich so etwas wie der Clou des ganzen Unternehmens, eine nicht dazugehörende und doch dazugehörende Photoausstellung, die nun aber tatsächlich den Wandel der sieben ausgewählten Städte bis in unsere Tage hinein festhält. Hier sind sie zu besichtigen, die Abrisse, Entkernungen, Verkehrsschneisen, die Verwundungen unserer alten Städte. Der wandelnde Besucher, dem das alles noch nicht genügt, kann einen für diese Tage extra herausgegebenen Spezial-Stadtführer von Braunschweig erwerben, mit Hilfe dessen sich - Stadt im Wandel - Geschichte und Gegenwart schmerzlich erfahren lassen. Er kann die säuberlich aufgeputzten »Traditionsinseln« vergleichen mit dem Horten-Klotz, einer Bausünde, die die Frage aufwirft, wieso Kapitalistisches sich immer so abstoßend gebärden muß.

Es lohnt sich also, nach Braunschweig zu fahren, auch wenn der Gesamteindruck nicht so monumental ist, wie die Initiatoren es sich gewünscht haben. Vielleicht unternimmt es ein anderes Land, die Zerstörung einer Stadt zu dokumentieren und die Restaurierung der Baudenkmäler, die man bereits verloren glaubte. Motto: Tu Gutes und rede davon.

Katalog in vier Bänden; zusammen 2668 Seiten; 136 Mark.Ausstellungsführer 160 Seiten; 10 Mark.

Walter Kempowski
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