Entführungsopfer in Kolumbien »Erik, ist das deine Mutter?«

Die Täter sind oft Paramilitärs oder Guerilleros: Jedes Jahr werden in Kolumbien Hunderte Menschen entführt und umgebracht – auch die Mutter des Schriftstellers Erik Bautista. Wie er gegen das Vergessen kämpft.
Fotos von Verschwundenen in Bogotá: Das CNHM rechnet mit insgesamt mehr als 80.000 Vermissten

Fotos von Verschwundenen in Bogotá: Das CNHM rechnet mit insgesamt mehr als 80.000 Vermissten

Foto: Anadolu Agency / Anadolu Agency via Getty Images

Als seine Mutter verschwindet, ist Erik Arellana Bautista 13 Jahre alt. Es ist der 30. August, der Tag seiner Kommunion. Zu Hause ist alles für die Feier bereit, nur die Mutter fehlt. Schon 1985 zog sie in eine andere Stadt. Wohin genau sollte niemand wissen. Bautistas Mutter ist damals Guerillakämpferin, Mitglied der Untergrundbewegung M-19: In den Achtzigerjahren liefern sie sich blutige Kämpfe mit der kolumbianischen Armee. Zur Erstkommunion will die Mutter ihren Sohn besuchen. Bei ihrer Familie in Bogotá kommt sie aber nie an. »Wir wussten jahrelang nicht, was passiert war«, sagt der Schriftsteller heute. »Auch von Behörden bekamen wir keine Antwort.«

Mit seinem Schicksal ist Bautista nicht allein: Jährlich werden nach Schätzungen des kolumbianischen Centro Nacional de Memoria Histórica (CNHM) Hunderte Menschen in Kolumbien entführt, gefoltert, umgebracht. Täter sind oft bewaffnete Gangs, Paramilitärs, Guerillas. Die Verbindungen reichen teilweise bis in politische Kreise. Rund acht Prozent der Fälle lassen sich nach Angaben des CNMH  Staatsagenten zuschreiben. Meistens geht es um Drogen, Landbesitz. »Manche Menschen wissen auch einfach zu viel«, sagt Bautista.

Immer wieder Drohungen

Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Das CNHM rechnet mit insgesamt mehr als 80.000 Vermissten – sogenannten »Desaparecidos«. Die meisten Fälle bleiben ungeklärt. In einer Kartografie über 172 Seiten  dokumentiert Bautista nun sämtliche bekannte Desaparecidos seit 1958, nach Herkunft und Zeitpunkt des Verschwindens. Nach Bautistas Recherchen sind es sogar rund 120.000 Vermisste. »Meistens gibt es keine Zeugen, keine Beweise, für die Täter also auch keine Konsequenzen«, sagt Bautista. Nur 1746 Desaparecidos tauchten wieder lebend auf. In 8188 Fällen fand man noch die Leichen. Die meisten bleiben verschwunden, sagt Bautista: »Das Schlimmste für Angehörige ist das Nichtwissen, das Schweigen.« Einige von ihnen zeigt Bautista deshalb in seinem begleitenden Dokumentarfilm »Historias de Vida«.

Bautistas Mutter war eines der Opfer. Drei Jahre nach ihrem Verschwinden gab ein Ex-Militär erste Hinweise. Dann tauchte ihr toter Körper auf, in einer Plastiktüte. »Erik, ist das deine Mutter?«, fragte einer. Was genau mit ihr geschah, weiß Bautista bis heute nicht. Später sprach er eine Frau, die überlebte. Festgenommen wurde sie nach ihren Angaben von der gleichen Militärbrigade wie Bautistas Mutter. Danach gefoltert, bis sie sich nicht mehr bewegte. »Irgendwann dachten die Täter, sie sei tot«, sagt Bautista. »Also schmissen sie sie in eine Mülltüte.«

Bautistas Familie kämpfte vor Gericht. Aufgeklärt ist der Fall seiner Mutter bis heute nicht. Nach dem Verschwinden seiner Mutter sammelte er Hinweise, Zeugenaussagen. Für Angehörige von Opfern gründete er sogar eine eigene Stiftung. Seitdem bekamen er und seine Familie immer wieder Drohungen. »Manchmal veröffentlichen sie irgendwo deine Todesanzeige. Oder schicken deinen Verwandten Trauerkarten«, sagt Bautista.

An einem Nachmittag im Jahr 2013 war seine Haustür aufgebrochen, erzählt Bautista. Zwei fremde Männer und eine Frau standen in seiner Wohnung. Im Gepäck hatte sie Bautistas Computer, Laptop, mehrere Kameras. »Das ist Ihre letzte Chance, sagte einer der Männer«, so Bautista. »Beim nächsten Mal würden sie mich umbringen.« Bautista floh. Mit seiner Frau und seiner Tochter lebte er bis 2017 im Exil in Hamburg, dann zog er nach Bogotá zurück.

Für ein Bezirksinstitut kümmert er sich mit Opfern und Angehörigen von Desaparecidos um die Aufarbeitung. In Angst lebt Bautista bis heute. Sein Haus verlässt der Schriftsteller nur mit bewaffnetem Personenschutz. »Gerade geht es mir gut«, sagt er. »Morddrohungen hab ich zum Glück in letzter Zeit keine bekommen.« Er lächelt gequält. Nach seiner Rückkehr schien zunächst vieles besser zu werden: Guerilla-Kämpfer der sogenannten FARC und die Regierung hatten ein Jahr zuvor noch einen Friedensvertrag geschlossen. »Für mich schien das wie eine Tür zum Frieden«, sagt Bautista. »Ein Neuanfang für unsere Gesellschaft.« Doch die Stimmung bröckelte schnell. 2020 kam es immer wieder zu Bürgerprotesten und blutigen Straßenkämpfen. Die Zahlen der Desaparecidos, so Bautista, gehen inzwischen wieder nach oben.

Bautista befürchtet, dass die Pandemie die Situation noch verschlimmert. »Wer krank ist, den kann man leicht verschwinden lassen«, sagt er. Besonders Bewohner der Slums seien betroffen: »Dort sind paramilitärische Strukturen sehr aktiv.« Die Gesundheitsversorgung sei außerdem schwierig. »Die Leute in den Slums sagen aus Angst vor Angriffen oft gar nicht, wenn sie an Covid erkrankt sind«, sagt Bautista.

Bautista fürchtet deshalb, dass sich paramilitärische Strukturen in den nächsten Jahren weiter verbreiten könnten. Er will trotzdem weiter recherchieren. »Jedes Jahr am 30. August ist das ein innerer Kampf für mich, das kostet Kraft«, sagt er. »Ich mach meine Arbeit aber, solange ich mich noch lebendig fühle.«

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