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BÜCHER NEU IN DEUTSCHLAND Komische Glocke

Irma Brandes: »Caroline«. Blanvalet; 568 Seiten; 28,50 Mark.
aus DER SPIEGEL 44/1970

Daß Caroline (Michaelis-Böhmer-Schlegel-Schelling), die graziöse und verständige Romantiker-Gefährtin, fast vom Stuhl gefallen ist vor Heiterkeit, als sie das damals brandneue »Lied von der Glocke«, das Schiller-Gedicht, zu Gesicht bekam, das kann der Romanleser, falls er es nicht schon weiß, einem der Originalbriefe entnehmen, die Irma Brandes ohne wesentliche Änderungen übernommen hat. Der schlanke, ungezierte Ausdruck Carolines hebt sich vorteilhaft von der verquollenen Sprache der Romanautorin ab.

Irma Brandes konnte auch die bisher unveröffentlichten Aufzeichnungen nutzen, die von Carolines jüngster Schwester stammen. überhaupt hält sich die Biographin möglichst an die vielen Dokumente jener brieftüchtigen Kreise (die Salons von Jena und Berlin um 1800), die den Klatsch so kunstreich und talentvoll ausübten.

Manches bringt uns die belesene Autorin in normaler Schulfunktechnik nahe: »Wer sonst als du, Caroline, vermochte es, diesen großen deutschen Balladendichter an seine Aufgabe zu erinnern, als er nach dem Tode der beiden geliebten Frauen sich gänzlich fallenließ?« Hin und wieder aber läßt Frau Brandes auch die eigene Phantasie losbrausen: Friedrich Schlegel ("Lucinde") sieht durch einen Türspalt Caroline, die geliebte Schwägerin, beim Knutschen mit dem Philosophen Schelling. August Wilhelm, Friedrichs Bruder, schneidet sich, an Caroline denkend, beim Rasieren.

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