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SCHRIFTSTELLER Komischer Bruder

Der in München lebende Exil-Russe Wladimir Woinowitsch wird in den USA als »Doyen der Satiriker des späten 20. Jahrhunderts« gefeiert. *
aus DER SPIEGEL 11/1988

Die Geschichte beginnt in einem Münchner Biergarten und führt ins Moskau des Jahres 2042. In einer Zeitmaschine, einem Flugzeug mit reichlich kleinen Wodkaflaschen an Bord, reist der Held namens Karzew aus der Bundesrepublik in seine alte, neue Heimat und findet seltsame, zugleich vertraute Dinge vor.

Der »Genialissimus« des Sowjetreiches kreist in einem Satelliten im Weltall und wacht aus dem Orbit über seine Landsleute. Nach seinem Motto »Bewegung ist alles. Das Ziel - nichts« reguliert eine Schar von Funktionären das Leben ganz im Sinne eines Post-Orwell.

Die traditionelle Klopapierknappheit ist beseitigt: Die Zeitungen werden in Rollen gedruckt. Die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse erfolgt »auf einer Selbstbedienungs-Basis«. Gestorben wird außerhalb der Moskauer Stadtmauern in einem beklemmenden Niemandsland. Die Schriftsteller dürfen schreiben, was sie wollen, allerdings nur in Gedanken - Papier bekommen sie nicht.

Wladimir Woinowitschs Satire »Moskau 2042«, die jetzt in der Bundesrepublik erscheint, ist der heimliche Bestseller in der sowjetischen Hauptstadt _(R. Piper-Verlag, München; 448 Seiten; ) _(39,80 Mark. ) . Allerdings haben auch die Moskowiter des Jahres 1988 kein gedrucktes Papier in der Hand: Es kursieren Tonbänder des Woinowitsch-Buches.

20 Stunden hat der sowjetische Exil-Schriftsteller, der seit acht Jahren im Münchner Vorort Stockdorf lebt, in stickigen und schalldichten Studios zugebracht und aus seinem Buch gelesen. Dann sandten die BBC, die Stimme Amerikas und Radio Liberty den Text gen Osten.

In den USA, wo »Moskau 2042« bereits seit ein paar Monaten auf dem Markt ist, wurden Buch und Autor emphatisch gefeiert. »Ein außergewöhnlicher und phantastischer Autor«, schwärmte die »New York Times« in ihrer Book Review und verlieh Woinowitsch den Titel »Doyen der Satiriker des späten 20. Jahrhunderts«.

Tatsächlich balanciert der Russe virtuos auf dem schmalen Grat zwischen präziser Alltagsbeobachtung und witzigen Absurditäten. Aus der Perspektive eines lebensklugen und wachsamen Allerweltsmenschen veräppelt er einen pompösen Exil-Schriftsteller names Sim Simytsch Karnawalow, der unschwer als Alexander Solschenizyn zu identifizieren ist.

Woinowitsch, der sich nach bewährter Satiriker-Art gegen jegliche politische Zwangsjacke wehrt, ähnelt seinem Helden in »Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Tschonkin«. Die russische Schwejkiade, in der er die glorreiche Rote Armee, Geheimpolizei und Planwirtschaft bloßlegt, wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und allein in den USA in einer halben Millionen Exemplare verkauft. Auch in der Bundesrepublik wurde die Demontage des heroischen Sowjetsoldaten dreimal aufgelegt. Daß Russen, zumal Exil-Schriftsteller, komisch sein können, hat nach der belehrend-moralisierenden Literatur verblüfft, die in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Osten kam.

Der Lebenslauf des kleinen, kräftigen Mannes mit den listigen Augen hat jedenfalls wenig Komisches an sich. Vor 55 Jahren kam Woinowitsch als Sohn eines Journalisten und einer Mathematiklehrerin in Duschanbe, der Hauptstadt des an Afghanistan grenzenden Tadschikistan, auf die Welt. Als er vier Jahre alt war, verschwand sein Vater für fünf Jahre in Stalins Straflagern.

Wladimir lernte zunächst tischlern und holte später das Abitur nach: »Meine Schulausbildung war trotz Abendschule und ein paar Semestern Geschichte für einen intelligenten Beruf zu schlecht - mir blieb keine Wahl, ich konnte nur Schriftsteller werden«, beschreibt Woinowitsch seinen Weg zur schreibenden Kunst.

Zu Anfang hatte er Erfolg. Er arbeitete als Redakteur bei Radio Moskau. Sein Text »Ich glaube, Freunde« wurde zur halboffiziellen Kosmonautenhymne der Weltallflieger Nikolajew und Popowitsch. »Nowy mir« druckte in den sechziger Jahren seine Erzählungen »Hier leben wir« und »Ich will ehrlich sein« - einen Titel, unter dem er das Baugewerbe und die Korruption einem überraschten Leserpublikum vor Augen führte.

Woinowitsch entwickelte sich zwangsläufig zum verbotenen Autor, eine fast klassische Karriere in der Breschnew-zeit. Seine Bücher verschwanden aus den Büchereien und Buchläden, Zensoren tilgten seine Beiträge in Zeitschriften.

Die Schikanen begannen: Eine größere Wohnung wurde trotz des Anspruchs darauf verweigert, das Telephon abgehört, abgestellt, die Wohnung bewacht. KGB-Abgesandte begleiteten ihn auf Schritt und Tritt. 1980 zwang man ihn zur Ausreise, ließ ihn wissen, daß sein »Leben von Zwischenfällen bedroht« sei. Als sein Kollege Konstantin Bogatyrjow nur einen Häuserblock weiter vor der eigenen Wohnungstür von niemals identifizierten Männern zu Tode geprügelt wurde, merkte Woinowitsch, daß es keine leere Drohung war.

Auf Einladung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, deren korrespondierendes Mitglied er noch in Moskau geworden war, kam er nach München. Barbara von Wulffen, die Tochter des langjährigen Akademie-Chefs, hat ihm ein Gästehaus im Vorort Stockdorf zur Verfügung gestellt.

Im Gegensatz zu vielen Emigranten lebt Woinowitsch mit seiner Frau Irina

und seiner 14jährigen Tochter Olga nicht in einer russischen Enklave, in der westliche Einflüsse als Werk des Beelzebubs verteufelt werden. Neugierig abwartend hat er sich auf das neue Leben eingelassen, kennt und schätzt deutsche Kollegen und genießt eine Maß im sommerlichen Biergarten.

Tochter Olga ist das wundersamste Produkt dieser sowjetisch-deutschen Metamorphose. Sie interessiert sich für Punks, träumt von haarsträubenden Frisuren, hat Null-Bock auf Vaters Romane und scheut sich nicht, ihre in Moskau zurückgelassenen Freundinnen »behindert« zu finden, »weil sie von morgens bis abends lesen« - fürwahr ein Sakrileg an der höchsten russischen Tugend.

Olga und ihre Mutter überredeten Woinowitsch, nicht in den USA zu bleiben, wo er kurz nach seiner Ausreise für ein Jahr an der Universität in Princeton russische Literatur las. Er ist nicht sicher, ob das eine gute Idee war: »In den USA hätte ich es leichter, ich bin dort bekannter, und ich würde dort auch mehr verdienen.«

Schlecht geht es ihm nicht in seinem Stockdorfer Exil. In einem geräumigen Studio, einen Steinwurf vom Wohnhaus entfernt, arbeitet er, flankiert von Puschkins Konterfei - dem für Russen größten aller Dichter - und einem Stadtplan von Moskau, an einem Computer mit kyrillischen Lettern, gekauft zum Preis von 25 000 Mark.

Von hier sind Woinowitsch und sein Erzähler Karzew in »Moskau 2042« in die Zukunft aufgebrochen. Bei einem Satiriker wie Woinowitsch, der vorgibt, Realist zu sein, sind Ähnlichkeiten mit lebenden Personen nicht zufällig.

Karzew gleicht dem Autor wie ein komischer Zwillingsbruder. Wie sein Schöpfer beobachtet Karzew bei einer Maß Bier befremdet die Exhibitionisten im Englischen Garten, wie jener trinkt er gern Wodka. Für die sonst eher puritanische russische Literatur ungewöhnlich, malt er die verschiedenen Amouren sinnlich-süffig aus.

Ganz einig sind Woinowitsch und sein Erzähler in ihrem Verhältnis zu Alexander Solschenizyn, für den sich der Schriftsteller in der Sowjet-Union eingesetzt hatte, dessen Ansichten er aber nicht teilt.

In »Moskau 2042« wohnt Solschenizyn alias Sim Simytsch Karnawalow nahe Toronto, wo er abgeschirmt und bewacht ein selbstherrliches Leben führt. Hier schreibt Sim Simytsch »Die Große Zone«, ein Werk aus »60« Brocken, in denen unschwer Solschenizyns »Knoten« wiederzuerkennen sind.

Sendungsbewußt bis zum latenten Wahnsinn will Sim Simytsch sein heilig Volk aus den Klauen der »Höllenhunde«, der Kommunisten, befreien und es gleichzeitig vor einer westlichen Demokratie bewahren. »Scheißdemokratie«, wettert Simytsch. »Demokratie hat überhaupt nichts Gutes. Wenn es brennt, dann klammern sich alle Demokraten und alle Pluralisten an den einen, der sie ins Freie führen kann. Diese vielgepriesenen Demokratien sind schon längst verrottet und verkommen, gehen in Luxus und Pornographie unter. Aber unserm Volk steht das nicht zu Gesicht. Unser Volk bringt immer aus seiner Mitte den einen hervor, der den Weg kennt.«

Dieser eine ist im Roman Sim Simytsch. Tiefgefroren hat er bis zum Jahr 2042 auf den Tag gewartet, an dem er in aller Pracht und Herrlichkeit der zaristischen Selbstherrscher sein grauenhaftes Regiment antritt.

»Natürlich«, beharrt Woinowitsch, sei »das eine Fiktion«. Ihn interessiere »nicht die Person, sondern das Phänomen Solschenizyn, das für Rußland sehr typisch ist«.

Führer und verblendete Anhänger eines extremen Nationalismus habe es »bei uns« immer gegeben. »Pugatschow, Bakunin, Tschernyschewskij, Tolstoi und Lenin waren Maximalisten, bereit, Staat und Gesellschaft zu vernichten. In Zeiten der Wirren kann so ein Messias schnell wieder groß werden.«

Der Kommunismus, den Karzew 2042 in Moskau vorfindet, ist eben auch kein Abbild der lichten Zukunft, die von den Ideologen prophezeit wurde. In diesem Moskau ist die sozialistische Heilslehre bis zur Unmenschlichkeit pervertiert. Dumpf, uniformiert leben die Kommunaner in totaler Abhängigkeit. Die Sexualversorgung ist ebenso staatlich geregelt wie Essen und Trinken. Kritische Schriftsteller schreiben an Computern, die nichts speichern oder drucken, Opportunisten dichten und denken nur zu Ehren des geliebten Führers, des »Genialissimus«, der im Weltraum kreist.

In Wahrheit ist der große Führer natürlich ein überzeugter Antikommunist, der mit seinem Werk zufrieden ist, weil nur er »auf den einfachen Gedanken kam, daß man den Kommunismus erst dann überwinden kann, wenn man ihn aufgebaut hat«.

Ist »Moskau 2042« ein Utopia, vergleichbar den Fiktionen von Orwell oder des Russen Jewgenij Samjatin? Woinowitsch lehnt diese Deutung ab. »Jene haben eine perfekte Maschinerie beschrieben, mein Staat dagegen ist zerrottet, am Ende.«

Und Gorbatschow? Woinowitsch hofft, aber zugleicht traut er der Entwicklung nicht. Zwar hat ein bekannter russischer Regisseur Interesse bekundet, den »Tschonkin« zu verfilmen. Der Chefredakteur einer großen Literaturzeitschrift möchte »Moskau 2042« auszugsweise veröffentlichen. Aber erst wenn alle seine Bücher in der Sowjet-Union gedruckt werden sollten, will Woinowitsch ernsthaft über eine Rückkehr nachdenken- wobei völlig unklar ist, was Tochter Olga, der 14 jährige Punk-Fan, dann macht.

R. Piper-Verlag, München; 448 Seiten; 39,80 Mark.

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