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POP »Komm sofort zurück!«

Die Sängerin Patti Smith, 60, über das Erweckungserlebnis Rock'n'Roll, die Verlogenheit des Popgewerbes und warum man manchmal die gleiche Sonnenbrille wie Bob Dylan braucht
aus DER SPIEGEL 12/2007

SPIEGEL: Ms Smith, Ihr neues Album ,"Twelve« enthält Neuaufnahmen von Rockklassikern. Die sind Ihnen zwar grandios gelungen, aber ist es nicht unwahrscheinlich, damit im Fernsehen oder Radio gespielt zu werden?

Smith: Mir egal. Das Radioprogramm wird doch eh von Robotern gemacht. Neulich habe ich einen Radiomoderator aufgefordert, andere Musik zu spielen. »Geht nicht«, sagte er mir, »entscheidet alles die Maschine.« Ich sagte: »Du bist ein DJ, und da drüben steht das Regal, nimm eine Platte, die dir gefällt, und spiel sie.« »Nein«, sagte er, »das wäre ungesetzlich.«

SPIEGEL: Warum widmen Sie sich denn jetzt noch mal diesen alten Stücken?

Smith: Ich liebe den Rock'n'Roll seit den fünfziger Jahren. Ich war ein kleines Mädchen, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zur Welt gekommen ist. Meine Mutter hörte Benny Goodman, mein Vater Frank Sinatra und Duke Ellington. Ich erinnere mich, wie ich eines Morgens an der Hand meiner Mutter zur Sonntagsschule ging. Wir kamen an einer Gruppe Jungs vorbei, die auf einem tragbaren Plattenspieler etwas von Little Richard spielten. Ich riss mich vom Arm meiner Mutter los, um diese Musik aus der Nähe zu bestaunen. Meine Mutter rief mir entsetzt nach: »Patti Lee, komm sofort zurück!« Ich war bis dahin immer ein braves Mädchen gewesen, aber von dem Tag an war ich auf ewig an den Rock'n'Roll verloren.

SPIEGEL: Was konnte der Rock'n'Roll Ihnen geben?

Smith: Ich war ein merkwürdiger Haut-und-Knochen-Bücherwurm. Die perfekte Außenseiterin, aber glücklich - abgesehen davon, dass eine wie ich bei den Jungs natürlich nicht ankam. Deren Ideal waren üppige Mädchen wie Jayne Mansfield. Der Rock'n'Roll verschaffte meiner Generation Erleichterung, er schenkte uns Aufregung und das Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein, die die Welt verändern könnte.

SPIEGEL: Auf welche Veränderungen hofften Sie?

Smith: Zum Beispiel war damals allein das Denken an Sex anstößig. Außerdem wurde in den Sechzigern Rock'n'Roll für uns eine essentielle Informationsquelle.

SPIEGEL: Was erfuhren Sie da?

Smith: Über die Vietnam-Demo von Ohio zum Beispiel las man nichts Brauchbares in der Zeitung. Aufklärung verschaffte Neil Youngs Song »Ohio«. Über die Anti-Kriegs-Bewegung erfuhren wir von Joan Baez und Bob Dylan. Lieder wie die von Dylan lieferten eine andere Sicht auf die amerikanische Wirklichkeit. Diese Wichtigkeit hat Rock'n'Roll für mich nie verloren. Diese Musik ist eben mehr als ein cooler Videoclip oder Marketingtrick.

SPIEGEL: Was erfahren Sie, wenn Sie heute MTV einschalten?

Smith: Das lasse ich schön bleiben, denn ich finde MTV verabscheuungswürdig. Der Sender betrügt eine Generation junger Menschen, indem er ihr einen verlogenen materialistischen Lebensstil vorführt: Rock'n'Roll bei MTV ist nicht mehr Ausdruck von Kunst und Politik, es geht bloß noch um Sex und Geld.

SPIEGEL: Wann fingen die Dinge an schiefzulaufen?

Smith: Die Wurzel allen Übels ist die Kreditkarte. Meine erste Gitarre kostete bei Manny's Music in Manhattan 210 Dollar, eine 57er Fender Duo-Sonic. Ich war 26, arbeitete in New York in einem Buchladen, verdiente 65 Dollar pro Woche. Jede Woche lieferte ich 15 Dollar ab. Als ich die Gitarre endlich in den Händen hielt, hatte ich sie mir verdient. Heute schiebt man einfach die Kreditkarte rüber. Ein so erworbenes Instrument wird aber nie einen wirklichen Wert für seinen Eigentümer darstellen. Ich habe Mädchen gesehen, die ihre 300-Dollar-Handys auf der Straße zertraten, weil sie Streit mit ihrem Freund hatten. Die Kreditkarte hat den Dingen ihren Wert genommen.

SPIEGEL: Trotzdem war Rock'n'Roll auch immer Ausdruck von Hedonismus.

Smith: Natürlich macht es auch Spaß, sich unnötigen Angelegenheiten hinzugeben, wie der Suche nach exakt der gleichen Sonnenbrille, die Bob Dylan gerade trägt. Habe ich in den sechziger Jahren auch gemacht. Aber das bedeutete ja noch lange nicht, dass man Dylan nur liebte, weil er eine coole Sonnenbrille aufhatte. Heute geht es dagegen meist nur noch um Äußerlichkeiten. Ich finde, auch im Rock'n'Roll sollte man sich die Dinge verdienen.

SPIEGEL: In Schweden und Norwegen bekommen Nachwuchsmusiker staatliche Unterstützung. Nutzt das der Kulturszene?

Smith: Ich habe noch nie etwas von irgendwem erwartet. Schon gar nicht von meiner Regierung. Was man von der Regierung

erhält, ist kontaminiert. George W. Bush könnte mir eine Million Dollar geben, ich würde darauf spucken!

SPIEGEL: Ihr Sohn Jackson spielt auf dem neuen Album mit. Braucht er Taschengeld?

Smith: Mein Sohn ist 24, arbeitet als Gärtner, schaufelt Schnee und ist überhaupt gut in praktischen Dingen. Aber vor allem ist er ein hervorragender Gitarrist. Das hat er von seinem frühverstorbenen Vater Fred »Sonic« Smith geerbt.

SPIEGEL: Auch Sie haben eine Zeitlang in einer Fabrik in New Jersey gearbeitet.

Smith: Ich war 16 und stand am Fließband in einem Backsteingebäude, in dem Kinderbettmatratzen und Fahrräder produziert wurden. Es gab 37 Dollar die Woche und keine Gewerkschaft. Im Sommer wurde es darin höllisch heiß. Ich habe an den Fahrradlenkern die scharfen Stellen abgeschliffen und musste überprüfen, ob die Klingeln funktionierten. In den Pausen las ich Bücher. Meine Kollegen erwischten mich mit einer zweisprachigen Ausgabe der »Illuminations« von Rimbaud, zerrten mich in den Waschraum und verhörten mich, weil sie davon ausgingen, dass nur Kommunisten zweisprachige Bücher lesen.

SPIEGEL: Sie sind dann von New Jersey nach New York gezogen. Was versprachen Sie sich dort?

Smith: Freiheit! Wenn ich irgendwohin wollte, musste ich meilenweit zu Fuß laufen, weil ich nicht Auto fuhr. New York war ein Fußgängerparadies und damals voll von Jobangeboten.

SPIEGEL: Ihr Durchbruch fand 1971 bei einer Lesung in der St. Mark's Church im East Village statt. Ein ziemlich weiter Schritt von der Fabrik.

Smith: Ich bestritt das Vorprogramm für Gerard Malanga und hatte mir vor- genommen, irgendwie Eindruck in der Szene zu machen. Ich las meine Gedichte und hatte meinen Freund Lenny Kaye gebeten, dazu Gitarre zu spielen. Das Problem war, dass Malanga in der Warhol-Szene ein Star war. Andy war da und auch Lou Reed. Ich hatte Freunde wie Sam Shepard, William S. Burroughs, Allen Ginsberg und Robert Mapplethorpe mitgebracht. Das Publikum war also wesentlich aufregender als das, was auf der Bühne geboten wurde. Wenn ich jetzt die Augen schließe, sehe ich das alles noch vor mir. All diese Menschen, von denen viele längst tot sind.

SPIEGEL: Wie kam Ihre Lesung an?

Smith: So gut, dass man mir danach eine Rockkarriere aufdrängte. Ein bekannter Plattenproduzent kam hinter die Bühne und meinte, ich sei der neue Jim Morrison und müsse umgehend eine Platte machen. Aber ich wollte nicht. Ich hatte noch kein Gefühl dafür, wohin mein Leben gehen sollte, und hatte noch nie gesungen.

SPIEGEL: 1975 erschien dann trotzdem Ihr legendäres Debütalbum »Horses«. Was hatte sich da geändert?

Smith: Ich lernte so viele Musiker kennen, bis ich eine Band hatte. Irgendwann hörte Bob Dylan von mir und kam zu einem Auftritt. Danach besuchte er mich hinter der Bühne, sagte sehr aufmunternde Sachen und ließ sich mit mir Arm in Arm fotografieren. Den Segen von Bob Dylan zu erhalten war 1975 eine ganz große Sache. Am nächsten Tag war ich in der »New York Times«, in der »Village Voice« und anderen wichtigen Zeitungen.

SPIEGEL: Ihr größter Hit, »Because the Night«, erschien dann 1978 auf dem Album »Easter«. Komponiert hat den Song Bruce Springsteen. Wie kam es dazu?

Smith: Zuvor hatte ich gerade das Album »Radio Ethiopia« veröffentlicht, kommerziell ein Reinfall, und auch die Kritiker hassten es. 1977 hatte ich dann einen schweren Unfall, der verhinderte, dass ich auf Tournee gehen konnte. Ich brauchte Geld. Mein Produzent, der auch für Springsteen arbeitete, gab mir ein Demo-Band von ihm. Aber ich war nicht interessiert, ich schrieb ja meine eigenen Songs. Also ließ ich die Kassette liegen. Eines Abends saß ich im Studio und wartete auf einen Anruf meines zukünftigen Mannes, die Stunden verstrichen, und ich lenkte mich ab, indem ich mir die Springsteen-Kassette anhörte. Darauf war »Because the Night«, ein tolles Lied, wie für mich gemacht. Ich wusste, das ist der Hit, den ich brauchte, und als mein Freund endlich nachts anrief, hatte ich einen Text zu der Melodie geschrieben.

SPIEGEL: Warum zogen Sie sich in den achtziger Jahren aus dem Geschäft zurück?

Smith: Ich heiratete Fred »Sonic« Smith und beschloss, Kinder großzuziehen. Am Ende hatte mich das ganze Rockstar-Getue bloß noch genervt. In Italien zum Beispiel wurde ich wie eine Heilige verehrt, von linken Frauen, deren Männer im Gefängnis saßen. Sie glaubten, ich könnte diese Leute befreien. Dabei wusste ich nicht einmal genau, was sie verbrochen hatten. Also nahm ich eine Auszeit. Wir waren in die Nähe von Detroit aufs Land gezogen, ich studierte Kunst und Politik, kochte, bügelte, schrubbte Toiletten und erzog meine Kinder. Nachdem mein Mann 1994 gestorben war, kehrte ich zurück zur Musik.

SPIEGEL: Vor einem halben Jahr schloss der berühmte New Yorker Club CBGB, in dem Sie und alle anderen Größen der New Yorker Punk-Bewegung ihre ersten Auftritte hatten. In der letzten Nacht standen Sie noch einmal auf die Bühne. War das ein Abschied vom New York Ihrer Jugend?

Smith: Ich spielte dreieinhalb Stunden, bis die Sonne aufging. Und das war wohl tatsächlich ein Abschied von dem New York, das ich einmal sehr geliebt habe. Einem New York ohne Kreditkarten und Millionenerben in Luxuslofts. New York ist heute ein zerstörter Ort.

SPIEGEL: Aber Sie leben da noch?

Smith: Ja, aber nicht mehr lange. In ein paar Jahren werde ich alles verkaufen und nach Wales ziehen oder nach England in ein kleines Dorf am Meer und davon träumen, wie aufregend New York einst war. INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH,

THOMAS HÜETLIN

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