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PROPAGANDA Komödie gegen die Angst

aus DER SPIEGEL 24/1952

Unter dem Bilde des Kartoffelkäfers zanken sich Bruder und Schwester. Sie ist Journalistin im freien Westen, er Volksrichter im unfreien Osten. Sie hat ihn nach langer Trennung durch Krieg und Nachkrieg besucht, nun steht sie erschrocken vor seiner Parteigläubigkeit.

Daraus entwickeln sich die Wirrnisse in »Postlagernd Turteltaube«, einem Film, den die blitzneue Kölner Occident-Produktion ("Der Name Occident soll zur geistigen und menschlichen Verständigung unseres Abendlandes beitragen!") in einer Wannsee-Villa im Berliner Westsektor drehte:

Die ungleichen Geschwister wagen ein brutales Experiment. Der Volksrichter steckt durch jeden Postschlitz in seinem Haus im Osten den gleichen, anonymen Warnbrief. Alles sei herausgekommen, steht da, man möge sich eilig retten. Näheres werde man westlich der Grenze unter der Chiffre »Postlagernd Turteltaube« erfahren.

Niemand werde darauf reagieren, bläht sich der Volksrichter. Das Gewissen der Hausbewohner sei ja rein, ihr Einsatz für Staat und Partei freudig und anerkannt. Aber die Schwester ist sich sicher: Jeder werde auf den Brief hin fliehen, gleichgültig, ob er etwas zu verbergen habe oder nicht. Sie hat bei einer Hausversammlung trotz aller Brandreden und freiwilligen Meldungen nur Angst und Gedrücktheit beobachtet.

Sie behält recht: Alle Briefempfänger packen rasch und wandern heimlich über die Zonengrenze nach Westen.

Die Zuschauer haben den Eindruck, der Film spiele in Deutschland. Aber Produzent, Drehbuchautor und Regisseur Gerhard Traugott Buchholz wehrt dem Verdacht: »Wir haben darauf verzichtet, den Film in einem bestimmten Land anzusiedeln. Ich sage nicht 'Halle' und nicht 'Düsseldorf'.« Das Trautonium, das einzige Begleitinstrument des Films, intoniert nur einmal »An der Saale hellem Strande«.

Auch der östliche Schauplatz des Films blieb unbenannt. Die ostzonale HO, die staatliche Handels-Organisation, wurde zur Tarnung in OH umbenannt. Die von den Flüchtlingen angesteuerte westliche Stadt heißt Stahlfurt.

Autor Buchholz betont: »Die Leute erleben den Westen ganz und gar nicht rosig«. Ein Philosophie-Professor aus dem Osten zertrümmert gemeinsam mit seiner Schwiegermutter, der Freifrau, nach einem Wortwechsel begeistert Ziertisch und Blumentöpfe seines selbstgefälligen und geizigen Bruders, des Industriellen und Rückversicherers.

Eine Frau Plischke, die im Feinkostladen ihrer Verwandten aushilft, verjagt eine gute Kundin, die den nicht ganz vollfetten Käse bekrittelt, durch feurige Hinweise auf Ostzonen-Hunger und Ostzonen-Schlangen. Ihre Söhne werden in der Schule ausgelacht, weil sie noch den »Vater aller Schaffenden«, den heimischen Diktator, preisen. Als aber die Jungen einen zu Hause gefürchteten Spitzel in Stahlfurt entdecken, hindern Polizisten die Kinder an der Verfolgung.

Eine junge, hübsche, doch anfangs recht ostzonal unschicke Lehrerin hat selbst zu wenig gelernt, um im Westen zu unterrichten. Sie wird als Mannequin beschäftigt, der Professor findet einen Job als Nachtwächter.

Er hat auch einen Hörsaal zu bewachen, und dort überkommt es ihn. Vor leeren Bänken doziert er: »Alle Unfreiheit ist tödlich, wenn sie von materialistischen Gewalten ausgeht.« Andere, nicht materialistische Gewalt erscheint dem Professor sogar segensreicher: »Nur diese geistige Gewalt läßt uns in Gehorsam frei und in Freiheit gehorsam sein«, definiert er präzise.

Eine kräftige Kirchenpropaganda ist nicht zu überhören. Die junge Lehrerin und der Volksrichter, östlich der Zonengrenze in freier Liebe verbunden, entschließen sich westlich der Grenze zu kirchlicher Trauung. Über das »kirchlich« wird anfangs lange gestritten und schließlich am Kaffeetisch zufrieden geschmunzelt. Die Flüchtlingsjungen lernen nun endlich statt der politischen Lieder wieder fromme Choräle. Die alte Freifrau weiß noch die Texte.

Auch Wachsamkeit lehrt der Film: Ein Pressezeichner aus der Ostzone, ein heimlich immer noch linientreuer, verkauft einer westzonalen Redaktion verschiedene politische Karikaturen. Aber die Redakteurin der Frauenbeilage zerreißt empört die Blätter, die ihr Kollege schon angenommen und bezahlt hat. Mit solchen billigen Witzchen gegen die Demokratie

schadet man nur sich selbst, echauffiert sich die Journalistin. In ihrem Arbeitszimmer hängt der Wandspruch: »Nie wieder Erdbeben«, als zarte Parodie auf die Losung »Nie wieder Krieg«.

Der Film mündet in eine Ansprache gegen die Angst. Ein Flüchtling hält sie. Er sagt, er habe immer Angst gehabt, damals vor dem Blockwart, später vor dem Hausobmann. Wegen dieser Apotheose deklarierte Buchholz »Postlagernd Turteltaube« als »Komödie gegen die Angst«. Er widmet sie dem Osten so gut wie dem »schlafmützigen Westen«.

Gerhard T. Buchholz, Maler zarter, spätimpressionistischer Landschaften, unternehmender Bühnenbildner, Uebersetzer und Bühnenautor, war als Filmautor durch Jahrzehnte gut, aber nie sehr auffällig beschäftigt. »Ich kann von keinem meiner Filme sagen, daß ich auf ihn stolz wäre«. Manche, wie »Konzert in Tirol« und »Die Zaubergeige« findet er »ganz nett«.

Er schrieb der ostzonalen Defa die erste Fassung des Anti-Schieber-Films »Razzia«. Nach reichlichem, kaum originellem Ärger mit Filmproduzenten, Produzentengattinnen und Filmverleihern wollte Buchholz gern selbst Produzent werden. Er ging mit einem »Verständigungs-Stoff« nach Bonn, mit der Geschichte eines jungen Deutschen, der seine gesunde Hornhaut einem kriegsblinden Franzosen opfern will. Aber nach einiger Zeit fand selbst Buchholz »die Idee ein bißchen altbacken": »Das wollte in Deutschland kein Mensch mehr wissen.«

Mit seinem »Postlagernd Turteltaube« hatte Buchholz in Bonn eher Erfolg. Zwar bekam er weder eine Ausfallbürgschaft, noch die Finanzhilfe eines Verleihers, aber eine Bank gab ihm auf gewichtige, halbamtliche Empfehlungen hin 300 000 DM. (Dr. Pagel von der Berliner Filiale des »Ministeriums für gesamtdeutsche Fragen« auf die Frage, ob das Ministerium »Postlagernd Turteltaube« unterstützt habe:

»Ach, nicht sehr, im Anfang wohl ein wenig.")

Das Geld reichte für maßvolle Gagen. Buchholz hielt sich möglichst Darsteller, die im Film noch unerprobt waren, wenn auch einige von ihnen, wie Lu Säuberlich, 41, und der von der Berliner Kritik verhätschelte Horst Niendorf, 26, schon große Bühnenrollen bewältigt hatten.

Die Lehrerin in »Postlagernd Turteltaube«, Barbara Rütting, Berliner Jahrgang 1927, hatte als erotisch-exotische Bombe schon in die westsektorale Berliner Society eingeschlagen, aber als Schauspielschülerin noch nicht viel studiert, als Buchholz sie entdeckte. »Sie kann noch nicht viel, unter uns gesagt: sie kann gar nichts«, gesteht ihr Regisseur. Aber: »Die Gewalt des Photogenen erschlägt alles.«

»Mir hat keiner hereingeredet, ich war völlig unabhängig«, freut sich Buchholz. Ein schlanker, seriöser Herr war Ehrengast bei der Drehschlußfeier der Occident in der ehemaligen Villa des italienischen Botschafters Alfieri in Berlin. Der Herr gehörte zu Jakob Kaisers »Ministerium für gesamtdeutsche Fragen«. »Ohne ihn wäre ich nicht so weit, wie ich bin«, bemerkte Produzent Buchholz dankbar.

Auf der Drehschlußfeier hielt Produzent Buchholz auch eine kleine Ansprache:

»Warum tun wir es, werden sie mit einigem Mißtrauen fragen? Werden sie dafür bezahlt und was steckt dahinter? - Oh meine Freunde, es ist kaum zu glauben, aber es ist doch so: es steckt nichts dahinter als der Ueberdruß des Filmautors Buchholz ..., seine Manuskripte und Ideen weiterhin einer Industrie ausgeliefert zu sehen, die daraus noch mehr überflüssige Fließbandware der Mittelmäßigkeit erzeugt als sie es ohnehin tut.«

»Postlagernd Turteltaube« wird Deutschland auf den Internationalen Filmfestspielen in Berlin repräsentieren.

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