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Konfirmation im Herbst

aus DER SPIEGEL 43/1976

Armin Grünewald über Jürgen Eick: »Das Regime der Ohnmächtigen«

Armin Grünewald, 45, war Wirtschaftsredakteur der »Stuttgarter Zeitung« und ist seit 1973 stellvertretender Regierungssprecher in Bann. -- Jürgen Eid<, 56, ist Mitherausgeber der »FAZ.

Leser von Rezensionen wollen wissen, wozu ein vorgestelltes Buch gut ist. Dieses hier eignet sich vorzüglich als Konfirmationsgeschenk; weniger vor Ostern für Jugendliche, sondern mehr zum Herbst und Winter für solche wichtigen Menschen, deren in Verantwortung zugebrachte Arbeitszeit nicht dazu ausreicht, sich ausreichend mit Politik selbst zu befassen, wie es Journalisten von Berufs wegen tun -- wie halt auch Jürgen Eick.

Zu Recht verspricht der Klappentext, daß das Buch Kernfragen aufwirft, ohne Antworten zu geben. Wer erwartet schon bündige Antworten zu einem säkularen Thema! Aber selbst die Fragen hätten mehr Sorgfalt verdient, zumal es sich um einen so kundigen Fragesteller handelt.

Warum Demokratie, beispielsweise, so anstrengend ist, wird nicht einmal gefragt. Vielleicht deshalb, weil sie im Gewoge des Pluralismus Mehrheiten, also Consens, finden muß? Möglich wär's ja. Warum Regieren in der parlamentarischen Demokratie anstrengender ist als in jeder anderen Staatsform, wird auch nicht gefragt. Vielleicht ebenfalls wegen des heilsamen Zwangs, Mehrheiten zu überzeugen? Und: Warum sind wohl Mehrheitsbeschlüsse nicht von jener erleuchteten Schlichtheit, wie sie sich der Bürger so gern vorstellt, sondern kompliziert -- weil sie vielerlei Interessen einzubündeln haben? Eick versagt es sich und seinen Lesern, solche Fragen zu vertiefen. Er konfirmiert Mißbehagen.

Leider macht er Schnitzer bei der Betrachtung von Fakten. Als Kollege im Wirtschaftsjournalismus will ich mich da kurz fassen.

Erstens; Eick lobt die Unabhängigkeit der Bundesbank und stellt lapidar fest: »Aber es ist der Bundesbank unmöglich, den Geldwert stabil zu halten, wenn die Regierung selbst über alle Stränge schlägt und Haushaltsdefizite in Milliardenhöhe zuläßt.« Zuläßt. Nicht: macht. Dies war nun in den letzten Jahren wirklich nicht das Problem. Die Milliardendefizite sind entstanden in der Zeit der Rezessionsbekämpfung ab Mitte 1974. Sie haben wahrlich die Politik der Bundesbank für stabilen Geldwert nicht gestört. Was sie störte, war der Zwang, jede spekulative Regung der Besitzer von ausländischer Währung nach den völkerrechtlichen Verpflichtungen des Bretton-Woods-Abkommens mit DM-Geldschöpfung beantworten zu müssen.

Zweitens: Es ist nun endgültig geklärt, »daß der Wechselkurs der Deutschen Mark kein Exportaufputschmittel mehr darstellt«. Wann im letzten Jahrzehnt ist eigentlich die Deutsche Mark abgewertet worden? Hat nicht im Gegenteil die deutsche Exportwirtschaft seit 1969 bis in die siebziger Jahre hinein immer Furcht davor gehabt, auch nur geringe Aufwertungen der Deutschen Mark würden den deutschen Export zerschlagen? -- Na ja.

Auch sonst findet sich Ungereimtes, etwa auf Seite 24: »Im Kreis der europäischen Nachbarn ist die Bundesrepublik noch immer ein viel beneideter Hort der Stabilität und der Freiheit.« Dagegen Seite 26/27: »Diese Herausforderung (höhere Rohstoff- und Energiepreise) von außen trifft die Bundesrepublik ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da sie von ihrer inneren Verfassung her nicht sonderlich gut gerüstet ist.« Leser, was nun?

Ersichtlich will Eick aber nicht als Ökonom, sondern als politisch analysierender und kritisierender Autor verstanden sein. Zweifellos ist er in Deutschland viel herumgekommen. Manchmal ist er dabei wohl auch an Bonn vorbeigefahren. Dort ausgestiegen sein kann er nicht oft, jedenfalls nicht in den letzten Jahren. Sonst würde ihm nicht ein so schlichter Gedankengang einfallen wie dieser: »1948 (sie!) war die Bundesrepublik mit der Maxime Freiheit angetreten. Aber wie lange ist das her? Inzwischen gilt als politische Maxime das Prinzip der Bevormundung durch den Staat.«

So einfach ist das. Und es wird noch einfacher, wenn Eick fortfährt zur Begründung: »Während man unter dem Stichwort vom mündigen Bürger solche zweifelhaften Rechte wie das auf Pornographie postuliert, wird in Wahrheit der dem einzelnen gezogene Freiheitsspielraum immer enger.«

Es mag das Publikum eher anziehen als abstoßen, wenn der Rezensent mitteilt, daß Eick unter anderem nichts hält von Pornographie, Mitbestimmung, den meisten Gesetzen, die die Wirtschaft betreffen, vom neuen Scheidungsrecht. von Lohnerhöhungen, von Bildung ohne wirtschaftliche Verwertbarkeit und vom klassenlosen Krankenhaus. Und wenig hält er auch von den Parteien, den Gewerkschaften, dem Fernsehen, der Gleichheit, die bei ihm absichtsvoll mit der Chancengleichheit ineinanderläuft.

Wie man sieht, ist dies kein positives Buch. Niemand verlangt das vom Autor Eick. Erwartet es sein Leserkreis? Wohl kaum noch jetzt. Die dem Buch beigefügte Biblio-Biographie zeigt, warum. 1958 sah er »Milch und Honig fließen« hei einem Sozialprodukt von 235 Mrd. DM. 1960 beschäftigte er sich mit dem »Jahrhundert des kleinen Mannes« -- er spürte, daß da etwas im Kommen war. Die siebziger Jahre haben ihm dann weniger gut gefallen. 1974 beschrieb er mit sicherem Gespür für seine Lesergemeinde, »Wie man eine Volkswirtschaft ruinieren kann«. Und nun regieren allenthalben »die Ohnmächtigen«. Logisch, nachdem er die Wirtschaft bei 1000 Mrd. DM Sozialprodukt ruiniert findet.

Um auch noch etwas ganz und gar Positives zu sagen: Bedenkenswertes schreibt Eick zur Bildungsökonomie. Er zitiert sieh da viel selbst aus der FAZ«, wo er überhaupt Besseres schreibt als in seinen Büchern. Wie heißt es so schön im General-Anzeiger-Stil: Viele Leser werden das Werk »befriedigt aus der Hand legen«. Im Ernst: Der Autor überfordert mit Gewißheit keinen seiner Leser.

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