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Konsum-Burg hinter falschen Giebeln

Im Zentrum der Würzburger Altstadt soll in den nächsten Monaten ein Kaufhaus-Riese errichtet werden -- jüngstes Beispiel für die Verödung der gewachsenen Städte und für die noch immer wuchernde Grundstücks-Spekulation: Mehr als neun Millionen Mark steuerfreien Gewinn brachte das Geschäft um das Würzburger Kaufhaus-Grundstück.
aus DER SPIEGEL 36/1976

Wo das Gebaute huldvoll sich verschwisterte mit Gärten, Flußaue, Rebenhügeln«, so beschrieb jüngst das Monatsheft »Merian« schwärmerisch die Altstadt von Würzburg. Seit 30 Jahren harrt dort eines der schönsten Grundstücke der Bundesrepublik der Wiederbebauung: der Würzburger Mainkai.

Derzeit dient das Gelände zwischen der Alten Mainbrücke mit ihren barocken Heiligenstatuen und dem erhalten gebliebenen Tor des kriegszerstörten Hotels »Zum weißen Schwan« noch als provisorischer Parkplatz.

Im März 1945 war die Würzburger Altstadt von Bombern der Royal Air Force in ein »steinernes Stoppelfeld des Todes« ("FAZ«-Kritiker Jürgen Tern) verwandelt, in den Jahrzehnten danach mühevoll und maßstabsgerecht wieder aufgebaut worden.

Das Areal am Mainkai ist die letzte Trümmerlücke. »Einen der städtebaulich wohl schönsten Standorte Bayerns« nannte auch die »Frankenland Vermögensverwaltungs-Gesellschaft mbH«, Eigentümer des Grundstücks, den Besitz und versprach 1972, ihn »für eine dieser besonderen Lage gerecht werdende Bebauung zu erhalten und zu erschließen«.

Ein Jahr später kündigte Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeitler die Realisierung »eines der bedeutendsten Bauwerke Würzburgs« an.

Nun ist es soweit. Letzten Monat fiel im Stadtrat die Entscheidung: Hertie baut ein Kaufhaus -- 160 Meter lang, 22 Meter hoch.

Eine »städtebauliche Unverschämtheit« nannte das Fachblatt »Baumeister« den Plan, in das Gassengewirr der alten Bischofsstadt eine Konsumburg zu klotzen, die in den Abmessungen ihrer Front dem berühmtesten Bauwerk Würzburgs gleicht, Balthasar Neumanns barocker Residenz.

Auf der Bodenfläche eines Fußballfelds soll bis Ende 1977 der »Klotz am Main« hochgezogen werden, wie eine Würzburger Bürgerinitiative den Kaufhausneubau nannte. Der Entwurf stammt von dem Münchner Architekten, Hochschullehrer und Heimatpfleger Alexander Freiherr von Branca.

Mit Mauerwerk und Putz, Dachziegeln und holzgerahmten Fenstern, mit Türmchen, Gauben und Gesimsen altfränkisch verbrämt, soll sich der Mammutbau ins Altstadt-Weichbild fügen. Jedoch: »Architektur als charakterlose Verlogenheit« bescheinigte Kritiker und »Baumeister«-Chefredakteur Paulhans Peters dem Architekten. Parallelen zur volkstümelnden Bauweise von NS-Architektur, etwa bei Ordensburgen und Kl-Schulen, liegen nahe.

»Wird Würzburg sein Gesicht verlieren?« fragte der »Initiativkreis« die Mitbürger. Und: »Ein Großkaufhaus treibt die Verödung der Innenstadt, vor allem am Abend und an Wochenenden, weiter -- wie finden Sie das?«

Das Hertie-Projekt von Würzburg ist in der Tat das bislang brutalste Beispiel ökonomisch motivierter Barbarei: Reihenweise wurden Brennpunkte alter deutscher Städte von den Bastionen des Konsums erobert.

Durch Neubauten, klagte Bundespräsident Walter Scheel letztes Jahr, wurde »mehr historische Bausubstanz vernichtet als durch Kriegszerstörungen -- oft sei die Lebensqualität dabei einem »unkontrollierten individuellen Gewinnstreben geopfert« worden und »inhumane Umwelt« entstanden.

So ließen Privateigentümer ihre Altstadtanwesen planvoll verfallen, um ihre Grundstücke sodann mit hohem Spekulationsgewinn an Kaufhauskonzerne zu veräußern: Karstadt und Kepa, Hertie und Horten, Kaufhof und Co op nisten in deutschen Altstädten.

Denn Warenhäuser müssen, als Konzentrationsform des Einzelhandels, immer dort errichtet werden, wo das öffentliche Leben, wo Transport und Kommunikation sich zusammenballen: in den gewachsenen Städten meist in deren historischer Mitte, wo auch die Grundstückspreise kulminieren.

Als »Flächenbrand mit anderen Mitteln« bezeichnet der West-Berliner Architektur-Theoretiker Jonas Geist die Ausdehnung der Business-Areale, die Verwandlung historischer Wohnquartiere in ein riesiges, mit Blumenkübeln durchsetztes, abends totes Warenlager. Vom »Großangriff der Warenhäuser auf das mühsam Gerettete« berichtete die »FAZ«. Kabarettisten witzeln: »Unsere Altstadt heißt jetzt Karstadt.«

Es ist, als seien sie gegeneinander angetreten, die Warenhauskonzerne und die Reste der alten bürgerlichen Handelsstädte samt den Kathedralen, in deren Schatten es sich bei Glockenläuten und plätschernden Brunnen so schön verkaufen läßt.

Dutzendfach geschah es so oder ähnlich in den noch erhaltenden Altstädten der Bundesrepublik:

* Im Zentrum Bambergs, am Maximiliansplatz, baute Hertie einen sterilen Flachbau.

* In Lübeck errichtete Karstadt eine düstere Betonburg in direkter Nachbarschaft von Rathaus und Marienkirche (Erweiterung samt Tunnelzufahrt geplant).

* In Braunschweig mißachtete Horten mit seiner Neubaumasse am Schloßgarten »die von Struktur und Geschichte gesetzten Maßstäbe« ("Bauwelt"). Neckermann schickt sich an, 11 000 Quadratmeter Verkaufsfläche neben das Renaissance-Gewandhaus zu türmen.

* In Regensburg baute Horten die »Alte Wache« zum Kaufhaus um: die Altbaufassade klebt nun wie ein Feigenblatt vor der berüchtigten Wabenfront.

Hinter einer Architektur von falschen Giebeln fressen sich die Geschäftsflächen in Wohngebiete vor.

So bauen die Karstadt-Architekten nahe der weltberühmten Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel ein »scheußlich anzuschauendes« Kaufhaus ("Die Zeit"): ein Gemisch aus echtem Fachwerk und in Stein nachempfundenem Fachwerkdekor.

In Lübeck schiebt sich Horten nahe an ein Bauwerk, das Bundesbürgern bislang vornehmlich von 50-Mark-Scheinen und Marzipanschachteln vertraut ist: Das Wahrzeichen Holstentor soll alsbald wohl auch als Warenzeichen Hortentor dienen.

Dem Kaufhaus Schneider am Münsterplatz in Freiburg gelang die Verpackung so kunstvoll. daß sogar »Bauwelt«-Chefredakteur Ulrich Conrads die »Überlistung der gewachsenen Baustruktur« lobte.,. Baumeister«-Chef Peters sieht es anders: »Wer kann schon einen Elefanten in ein Puppenhaus sperren, ohne daß letzteres zu Bruch geht?«

Die Würzburger Altstadt wird nunmehr gleich von zwei Elefanten bedroht: Einerseits frißt sich die Kaufhof AG im verschachtelten Areal des Zentrums durch Rundumaufkäufe wie eine Krebsgeschwulst immer dichter an das Rokokohaus »Zum

Falken« und die gotische Marienkapelle heran. Die Kaufhof-Verkaufsfläche soll demnächst etwa verdoppelt werden.

Und am Mainkai wird Hertie schon zu Weihnachten nächsten Jahres, wie der Würzburger Kunsthistoriker Dr. Günter Schweikhart befürchtet, als ein »pseudo-mittelalterliches Disneyland« die »Stadtansicht verriegeln.

Im Würzburger Stadtrat fand der Branca-Bau überwiegend Beifall; die CSU zeigte sich »irgendwie begeistert«. der SPD schien der Plan »optimal gelungen«, und die FDP fand den neuen Anblick »besser, als es je war«.

Dagegen ist den Jungsozialisten im SPD-Kreisverband Würzburg-Stadt die Diskussion um Äußerlichkeiten wie Dachlandschaft und Fassade »unerträglich«. Für wichtiger halten sie die Probleme der zu erwartenden Verödung der Innenstadt, der zusätzlichen Verkehrsbelastung und der Gefährdung des Einzelhandels.

Für den Juso-Hinweis auf die Dringlichkeit der -- von CDU/CSU im Bundesrat blockierten -- Bodenrechts-Teilreform (Ziel: Abschaffung von Spekulationsgewinnen) läßt sich Würzburg geradezu als Paradebeispiel nennen. Es sind die typischen Bau- und Bodenprobleme einer Altstadt, die den Wildwuchs von Geschäftsbauten in ihrer Mitte städtebaulich nicht verkraftet.

In modernen Großstädten sind Warenhäuser als eigene Quartiere, beispielsweise über U-Bahnstationen, durchaus annehmbar. Dagegen sind solche Großbauten in gewachsenen Mittelstädten, deren gotisch himmelstrebendes Zentrum meist noch durch Mauer und Wall begrenzt ist, problematisch. In Konkurrenz zu Kathedrale und Rathaus verdrängt das Kaufhaus das

private Wohnen, aber auch sogenannte »parasitäre Einrichtungen« -- kleine Läden, Buden und Lokale -- aus dem Zentrum.

Warenhäuser und andere »parzellenübergreifende privatkapitalistische Einrichtungen« müßten auf freien Arealen zwischen Alt- und Vorstadt konzentriert werden, fordert Architekt Geist. »Das geht nicht ohne Eingriffe in die Verfügungsfreiheit über Grund und Boden, nicht ohne Festlegung maximaler Ausnutzung (wie in Bologna*), nicht ohne Festlegung der Inhalte durch die Kommune.«

In Würzburg geschah, Zug um Zug, das genaue Gegenteil, unter der Obhut eines selbstherrlichen Oberbürgermeisters, der »weiß, was die Bürgerschaft Würzburgs will«.

Als das »Grab am Main« nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurde, stiegen auch die Grundstückspreise, und »Trittbrettfahrer dieser Entwicklung« (Würzburger »Volksblatt") wurde der Münchner Bankier und Großgrundbesitzer August von Finck.

Zwischen 1952 und 1957 erwarb die von dem Milliardär mitbegründete »Frankenland Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH« am Mainkai insgesamt 30 Parzellen in einer Gesamtgröße von etwa 5000 Quadratmeter zu

* Um die alte Bausubstanz vor dem zugriff von Spekulanten zu schützen und somit zu erhalten, haben die Gesetzgeber von Bologna für geplante Neubauten im Innenstadtbereich die »Geschoßflächenzahl 1,0 verfügt, das heißt: Die Gesamtfläche eines Grundstücks kann höchstens eingeschossig bebaut werden. bei zweistöckigen Bauten darf nur noch die Hälfte, bei fünf Geschossen ein Fünftel des Grundstücks überbaut werden. Da aber die bestehenden Altbauten in der Altstadt von Bologna alle höher als eingeschossig sind, sind ihre Erhaltung und Pflege lohnender als Abriß und Neubau. Spekulationen sind uninteressant geworden.

einem von Ortskundigen geschätzten Gesamtpreis von 250 000 Mark.

Zwanzig Jahre später beziffert der Frankenland-Geschäftsführer Rudi May« ein ehemaliger IOS-Vertreter. den Grundstückswert mit etwa zehn Millionen Mark. Erstaufkäufer Finck hat sich offenbar schon vor 1973 von seinen GmbH-Anteilen getrennt.

May ist auch Geschäftsführer der Firma All-Bau, die das Kaufhaus für die Frankenland errichten und an Hertie vermieten will. Geschätzte Baukosten für die geplanten 9000 Quadratmeter Verkaufsfläche: 50 Millionen Mark.

Die Würzburger Stadtväter agierten bei dem Big Business als willige Statisten. Zunächst waren sie dem Baron Finck beim Erwerb der Grundstücke behilflich, weil er die Errichtung eines neuen Nobelhotels versprach (und mit der Zeit vergaß). Sodann beugten sie sich Mays Argument, der hohe Grundstückspreis schlösse eine andere Nutzung als die für ein Kaufhaus aus. Und schließlich unterließen sie es sogar -- um das Verfahren »nicht unangemessen zu verzögern« -, einen Bebauungsplan aufzustellen, wie ursprünglich »dringend« gefordert.

Entschuldigung im Würzburger Stadtrat: »Wir bejahen die freie Marktwirtschaft; jetzt müssen wir auch ihre Nachteile hinnehmen.«

Wohin derlei Nachgiebigkeit führen könnte, schwante dem ehemaligen München-OB Vogel schon vor Jahren: »Wenn der Dom von München nicht in der Hand der Kirche wäre, müßte er nach den Gesetzen der Rendite sofort einem Warenhaus weichen.«

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