Margarete Stokowski

Konsumkritik Schenken ist eine Insel im Kapitalismus

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Auch ein »Wir schenken uns nichts« muss man sich leisten können – pauschale Konsumkritik zu Weihnachten ist oft wohlfeil. Denn die Umverteilung von Gütern unterm Baum hätte sich Karl Marx nicht besser ausdenken können.
Man kann auch spenden und schenken – wenn man es sich leisten kann

Man kann auch spenden und schenken – wenn man es sich leisten kann

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Kseniya Ovchinnikova / Getty Images

Es gehört in vielen Kreisen inzwischen dazu, an Weihnachten auch ein bisschen Konsumkritik zu äußern. Das ist einerseits gut und richtig, auch dieses Jahr, in dem alles ein bisschen anders ist und dann auch wieder eben nicht alles. Es war vor dem Lockdown richtig, die Situation in den vollen Einkaufszentren zu kritisieren, es war richtig, Politiker zu kritisieren, die zum eifrigen Shoppen in den Innenstädten aufriefen (um dann zurückzurudern), es ist immer richtig, Amazon und seine Verwandten zu kritisieren, solange deren Geschäft auf Ausbeutung beruht.

Alles richtig. Aber: Konsumkritik kann auch schiefgehen. Sie ist gut, wenn sie Verhältnisse kritisiert, in denen Menschen zum Konsumieren mehr oder weniger gezwungen werden. Sie ist gut, wenn sie ausbeuterische Verhältnisse, überteuerte und nicht nachhaltige Produkte (bzw. deren Hersteller und nicht die Kaufenden) kritisiert. Sie ist schlecht, wenn sie einfach nur sagt: Haha, die Leute, die shoppen gehen, statt alles selbst zu basteln oder zu spenden – wie bescheuert!

Es ergibt keinen Sinn, sich generell über Leute lustig zu machen oder aufzuregen, die kurz vor Weihnachten noch Geschenke besorgen, ob nun offline oder online, als seien das die größten Trottel im Kapitalismus. Die einfache Sichtweise »Konsum ist böse, spenden ist gut« mag sich auf den ersten Blick richtig anfühlen. Aber Stopp, Freunde der Klassenanalyse. Es ist nicht falsch oder dumm, Leuten an Weihnachten oder zu anderen Festen Geschenke zu machen, das gilt auch für teure oder viele oder kitschige oder alberne Geschenke.

Schenken ist, wenn man es richtig macht, eine Insel im Kapitalismus. Beim Schenken passieren im besten Fall dieselben Dinge, die auch in der Revolution passieren würden: Umverteilung von oben nach unten und die Befriedigung von Bedürfnissen, die bisher nicht befriedigt wurden und von deren Erfüllung Leute eventuell sogar nicht mal zu träumen wagten. Im kleineren Maßstab als in einer Revolution, ja, klar. Geschenkt.

Umverteilung kann sich auf Geld beziehen, muss aber nicht. Sie kann sich auf Fähigkeiten beziehen, zum Beispiel wenn eine Person stricken kann und die andere nicht. Es mag etwas ungewohnt sein, dabei von »oben und unten« zu sprechen, aber kennt irgendwer nicht den Neid auf Leute, die mehr mit den Händen können als man selbst? Die sind dann, bezogen auf dieses Verhältnis, oben.

Umverteilung kann auch bedeuten, dass Leute mit Zeit etwas schenken, wonach sie erst mal suchen mussten, oder dass Leute mit Geschmack etwas an Leute verschenken, die nicht wissen, wie sie ihre Wohnung einrichten oder sich anziehen sollen. »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen«, wusste schon Geschenkexperte Karl Marx.

»Präsent hat etwas mit präsent sein zu tun«, schreibt Susanne Kippenberger in »Die Kunst der Großzügigkeit« und das mag etwas gewollt klingen, stimmt aber so. Geschenke machen heißt, zu sehen, dass jemand sich über etwas freuen könnte. Es stimmt natürlich auch, dass das oft schiefgeht. »Die Menschen verlernen das Schenken«, schrieb Shoppingmuffel Theodor W. Adorno und schimpfte auf die »peinliche Erfindung der Geschenkartikel«, völlig zu Recht. Was aber nicht heißt, dass Menschen heute nicht mehr gut schenken können.

Beispiel-Leak von sehr guten Geschenken, die ich in letzter Zeit bekommen habe: Bemalte Steine von einem Kind (sahen cool aus, würde ich privat eher nicht drauf kommen, das selbst zu machen), ein nachgesticktes Bild von Tove Jansson (eine meiner Lieblingskünstlerinnen), eine mobile Heizdecke (wusste nicht mal, dass es das gibt), Tee, von dem ich dachte, den gäbe es nicht mehr zu kaufen, ein Gutschein für eine Autofahrt an einen bestimmten Ort. Alles sehr gut, und im Übrigen nach Adornos Ideal: »Wirkliches Schenken ... heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergesslichkeit.«

Auch Gutscheine können glücklich machen

So ein genügsam-stolzes »Wir schenken uns nichts« muss man sich im Zweifel auch erst mal leisten können. »Wir schenken uns nichts« kann heißen: Wir schaffen es nicht, es ist zu viel los und wir stehen dazu. Es kann auch heißen: Muss halt jeder gucken, wo er bleibt, Sparsamkeit und Genügsamkeit sind, komplett grundlos, unsere Ideale. Das mag für einige okay sein, sie sollten aber erstens nicht vergessen, dass man auch mit Bescheidenheit prahlen kann. Und zweitens, dass manche in ihrem Umfeld vielleicht einfach traurig sind, nichts zu kriegen und das nicht zugeben wollen, um nicht gierig zu wirken.

In diesem Jahr haben in den sozialen Medien viele Menschen geschrieben, dass man auch spenden könnte, statt zu schenken. Das ist angesichts überforderter Paketboten und geschlossener Geschäfte natürlich ein sinnvoller Gedanke. Wenn es aber dazu führt, dass Leute an eine willkürlich ausgewählte Organisation spenden, um ihr Gewissen zu entlasten, statt im eigenen Umfeld zu gucken, ob es da Leute gibt, die gerade akute Geldsorgen haben und denen man mit einem gar nicht unbedingt so hohen Betrag oder einem Geschenk einige Probleme abnehmen könnte, so sie denn die Hilfe annehmen, dann ist es nicht ganz so sinnvoll. Nochmal Adorno: »Dafür übt man charity, verwaltete Wohltätigkeit, die sichtbare Wundstellen der Gesellschaft planmäßig zuklebt.«

Das heißt nicht, dass man nicht spenden sollte. Man kann auch spenden und schenken, wenn man es sich leisten kann. Aber da viele Menschen zumindest unbewusst eine gewisse Verachtung gegenüber denen empfinden, die nicht genug Geld haben, kann man ruhig mal daran erinnern, dass das Elend der Ungleichheit nicht nur weit entfernt ist, sondern auch mitten unter uns. Viel zu spenden und den Betrag im Internet zu posten, mag die Spendenden erst mal ehren, aber wenn ihre Freundinnen mit ärgsten Geldsorgen das dann sehen, schmilzt die Ehre ein bisschen ab.

Bevor hier zu hohe Ideale gesetzt werden: Auch Gutscheine sind nicht an sich schlecht. Sie haben einen schlechten Ruf bekommen, weil im Verlauf der Menschheitsgeschichte sehr viele Ausflüge nicht gemacht und Essen nicht gekocht wurden, die angekündigt worden waren.

Aber Gutscheine können auch glücklich machen. Entweder in Form von Geldgutscheinen, weil etwa die Möglichkeit, sich in einem Buchladen neue Bücher aussuchen zu können, für Leute mit wenig Geld ein sehr gutes Geschenk ist, oder in Form von Gutscheinen für Dinge, die wir zusammen machen werden, wenn die ganze Pestscheiße vorbei ist, und da gibt es ja wohl einiges, was einem beim bloßen Gedanken Freudentränen macht.

In diesem Sinne, frohes Schenken!

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