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FILM / VIETNAM Konto Hanoi

aus DER SPIEGEL 46/1967

Präsident Johnson bricht in Tränen aus und singt: »Ich habe den Krieg verloren, ich gehe nach Haus.«

Die Zukunftsmusik von Johnsons Heimgang und vom Kriegsende in Vietnam erklingt in einem Film, mit dem sechs berühmte Regisseure gegen Amerikas Schlacht im Fernen Osten zu Felde ziehen wollen. Doch Proteste und Zensurauflagen haben den Start seit Monaten behindert. Nun aber ist die Premiere nahe: »Fern von Vietnam« -- so der Filmtitel -- soll von Mitte November an in Paris und nach Neujahr in der Bundesrepublik gezeigt werden.

Auf die Idee, den »Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes« mit einem Kollektiv-Film zu unterstützen, kam Chris Marker, Frankreichs links-engagierter Prophet des Cinéma vérité. Anfang des Jahres versicherte er sich der Beihilfe von 150 Technikern und Schauspielern und rief eine Internationale von Filmregisseuren zu den Kameras:

> die vier Franzosen Alain Resnais ("Der Krieg ist vorbei"), Jean-Luc Godard ("Die Chinesin"), Agnès Varda ("Das Glück"), Claude Lebuch ("Ein Mann und eine Frau");

> den Holländer Joris Ivens ("Erde und Himmel");

> den Amerikaner William Klein ("Wer bist du, Polly Magoo?").

Die Film-Guevaras, die unentgeltlich für den Vietcong arbeiten -- der Gewinn des Films wird auf ein Guerilla-Konto in Hanoi überwiesen

drehten an der Front und in der Heimat: Sie filmten mörderische Materialschlachten und Napalm-Angriffe auf die Zivilbevölkerung, die Siebte Flotte und die fünfte Kolonne der amerikanischen Volks-Résistance, Agitprop-Inszenierungen in Hanoi und Pro-Vietnam-Demonstrationen in New York. In Kuba ließen sie Fidel Castro die »Technik der Revolution« erklären, und in Bolivien nahmen sie Szenen des Widerstandskampfes auf.

Da die »direkte Darstellung des Krieges nur beschränkten informativen Wert hat und überhaupt die Gewöhnung an das Grauen fördert« ("Filmkritik"), ließ Marker in den Pariser Studios, fern von Vietnam, Resnais und Godard zusätzlich über »Vietnam, das Symbol des Widerstandes«, meditieren. Resnais: »Wir können nur schweigen.« Godard: »Wir müssen schreien.«

Das Schweigen und der Schrei, zwei insgesamt 30 Minuten dauernde Monologe, wurden in das Dokumentarmaterial eingepaßt« Sie sollen die These der sechs Regisseure vom Kräftespiel im Vietnam-Krieg erläutern -- ein Kräftespiel, das Marker so sieht: »Die USA führen »einen Krieg der Reichen', die Vietnamesen erleiden einen »Krieg der Armen', und die dritte revolutionäre Welt hat verstanden, daß ihre Zukunft vom Sieg der zweiten abhängt.«

Dieser Revolutions-Philosophie wegen war der Film in diesem Sommer von der Leitung der Festspiele in Venedig abgelehnt worden, bei der Mannheimer Filmwoche durfte er wenig später auf Anordnung des französischen Informationsministers Gorse nicht gezeigt werden. Der Minister nahm vor allem an einem Kommentar Anstoß, der beim Entrollen einer US-Flagge mit der Aufschrift »Gott mit Amerika« gesprochen wird: »Das ist die neue Version von »Gott mit uns'. Der Minister forderte einen Schnitt. Doch als Marker sich gegen den Eingriff sperrte, wurde eine vom Minister für Mannheim in Aussicht gestellte Sondergenehmigung nicht erteilt.

Dank einer solchen Vergünstigung durfte »Fern von Vietnam« bei den Fünften New Yorker Filmfestspielen und während einer französischen Filmwoche auf der Expo in Montreal aufgeführt werden. In die Ovationen des amerikanischen Publikums stimmte die britische »Times« ein: »Ein Markstein des europäischen Films.«

Damit der Markstein in die deutsche Landschaft paßt, muß er zunächst noch bearbeitet werden. Die Münchner »Telepool« eine Tochterfirma des Bayerischen, Österreichischen und Schweizerischen Rundfunks, hat die Arbeit übernommen: Der Film wird so beschnitten, daß er die »politische Grundsituation der Bundesrepublik auffängt« (Telepool-Geschäftsführer Siegfried Magold).

Vor allem wird am »Nerv des Films« (Kritiker Enno Patalas herumoperiert: Resnais' Monolog ist der Telepool »zu lang«, er soll auf die »wesentlichen Erkenntnisse« konzentriert, werden. Und als wesentlich erkannt hat Resnais: »Die Deutschen waren die Ungeheuer des Zweiten Weltkriegs. Jetzt sind die Amerikaner die Deutschen der Vietnamesen.

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