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DENKER »Kontrolliert wie nie«

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben über den Lagercharakter und die Ökonomisierung der modernen Gesellschaft
Von Matthias Matussek und Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 9/2006

Agamben, 63, ist einer der meistdiskutierten Philosophen dieser Tage. Er ist in Rom geboren und lehrt Ästhetiktheorie in Venedig. Zurzeit hat der Guru der Globalisierungsgegner eine Gastprofessur an der Heine-Universität in Düsseldorf. Zuletzt veröffentlichte er die Bücher »Ausnahmezustand« und »Profanierungen« (Suhrkamp Verlag).

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SPIEGEL: Herr Professor, Sie haben einen Lehrauftrag der New York University abgelehnt und sind stattdessen an die Heinrich-Heine-Universität nach Düsseldorf gekommen. Ist das ein Akt von philosophischem Antiamerikanismus?

Agamben: Nun, es war sicher auch eine Form des Protests. Als mich die New Yorker einluden, führte Washington gerade die neue Prozedur der digitalen Identifikation von Ausländern ein, mit Fingerabdruck und Gesichtskontrolle. Diese Verfahren sind im 19. Jahrhundert eingeführt worden, um rückfälligen Verbrechern beizukommen. Heute werden genau diese zur Bekämpfung von Verbrechen und Verbrechern ersonnenen Methoden von Staaten, die sich demokratisch nennen, ganz allgemein angewandt - zuerst gegenüber Ausländern und nun schließlich, in Europa, gegenüber allen Bürgern.

SPIEGEL: Wie anders können sich die Amerikaner oder die Europäer vor reisenden Terroristen schützen?

Agamben: Da müssen wir über das Paradigma der Sicherheit sprechen, das zurzeit die Politik fast allein beherrscht. Es wurde erstmals besonders wichtig für die staatliche Verwaltung im 18. Jahrhundert, im vorrevolutionären Frankreich. Dabei hatte man jedoch nicht die Prävention von Unordnung und Katastrophe im Blick. Man dachte: Unordnung und Katastrophe ereignen sich, dagegen kann man vorher nichts tun, aber wenn sie passieren, muss man die Lage zu kontrollieren versuchen. Man hielt, anders als heute, nichts von Prävention. Wo es angeblich um Sicherheit geht, geht es in Wirklichkeit um Kontrolle und um Macht.

SPIEGEL: Sie haben die moderne Demokratie mit einem Konzentrationslager verglichen. Gehen Sie da nicht zu weit?

Agamben: Ich habe die moderne Demokratie nicht mit einem Konzentrationslager verglichen. Ich arbeite mit sogenannten Paradigmen: Das sind konkrete, historisch vorgefundene Phänomene, mit deren Hilfe wir andere Problemfelder besser verstehen können. In den Konzentrationslagern war das Gesetz vollständig außer Kraft gesetzt, insofern bieten die KZ ein perfektes Beispiel für den Ausnahmezustand. Außerdem standen sie völlig unter Sicherheitsdiktaten. Ich denke, dass wir uns heute immer mehr an solche Ausnahmebezirke gewöhnen. Ich beziehe mich hier nicht nur auf Guantanamo oder auf die »zones d'attente« für Immigranten in den europäischen Flughäfen. Worum es mir vielmehr geht, ist, dass im Zeichen dieser Entwicklung die europäischen Städte aufhören, noch politische Räume frei zu halten und zu fördern. Es hat noch nie eine so strenge Kontrolle der Menschen gegeben. Die Kontrollinstrumente reichen von Markenartikeln, die man kauft, um besonders individuell zu erscheinen, über den psychologischen Anpassungsdruck am Arbeitsplatz bis hin zu Scheckkarten, Computer-, TV-, Navigations-, Handy-Geräten und digitalen Ausweisen. Fast jede Minute Ihres Lebens lässt sich überprüfen, wo immer Sie sich aufhalten - so etwas ist noch nie da gewesen.

SPIEGEL: Sie sprechen in Ihrem Buch »Ausnahmezustand« von einer »ökonomischen Theologie« und, wie Walter Benjamin, vom »Kapitalismus als Religion«. Warum ist unser Wirtschaftssystem für Sie geradezu metaphysisch?

Agamben: Ich muss Sie wohl nicht daran erinnern, dass die Politik völlig durchökonomisiert ist. Es geht eigentlich nur noch um Fragen der Wirtschaft. Das hat längst eine religiöse Dimension erreicht.

SPIEGEL: Wenn, wie Sie sagen, der Kapitalismus die Ökonomisierung der Politik vollendet, dann ist Ihr Land ja an der Spitze der Bewegung, mit einem Unternehmer als Regierungschef.

Agamben: Das ist eine für die gegenwärtige politische Situation typische Konfiguration. Aber die Große Koalition in Deutschland scheint mir ein fast ebenso gutes Beispiel für die Entpolitisierung der Gesellschaft zu sein. Die größere bisherige Regierungspartei macht mit der größten bisherigen Oppositionspartei gemeinsame Sache - so wird Politik eliminiert, und zwar um Regieren möglich zu machen als den Versuch, das Leben möglichst aller Subjekte zu gestalten, zu leiten, zu führen - was traditionellen Souveränen ja eher fernlag.

SPIEGEL: 1989, als der Kommunismus im europäischen Osten zusammenbrach, ging etwas Wesentliches zu Ende. War es der dialektische Materialismus?

Agamben: Es ging eine Menge zu Ende, vor allem ein schreckliches stalinistisches Herrschaftssystem. 1989 war aber nicht das Ende jeder Idee, eine andere Gesellschaft zu suchen - was »Kommunismus« ja auch meinen kann.

SPIEGEL: In Ihrem Buch »Profanierungen« entdecken Sie Elemente dieser anderen Gesellschaft in der altrömischen Religion.

Agamben: Ja, da wurden heilige Dinge, etwa Opfergaben, der alltäglichen Benutzung

durch die Menschen entzogen und an heiligen Orten vom Alltag getrennt. Aber es gab eine Rechtsprozedur, durch die sie den Menschen zurückgegeben werden konnten, und die nannte man Profanierung. Das geopferte Tier zum Beispiel durfte verspeist werden. Profanierung ist die Rückführung des Heiligen in den freien Gebrauch durch Menschen.

SPIEGEL: Also hat die Profanierung die Entfremdung aufgehoben?

Agamben: Ja. Der Kapitalismus sorgt dafür, dass jede menschliche Tätigkeit verfremdet wird. Ich lebe in Venedig, einer Stadt, die der Massentourismus in ein komplettes Museum verwandelt hat. Wie durch diese totale Musealisierung die Bewohner einer Stadt zu Fremden in ihrem eigenen Leben werden, so trennt der totale Konsumkult die Dinge und die Menschen von ihrem wahren Gebrauch. Das gilt es zu überwinden.

SPIEGEL: Sie sind ein kämpferischer Humanist. In Ihrem Buch »Ausnahmezustand« lesen wir: »Wahrhaft politisch ist nur solches Handeln, das den Bezug zwischen Gewalt und Recht rückgängig macht.« Träumen Sie von einem rechtsfreien Zustand, bei dem es locker zugeht wie bei einem Fest?

Agamben: Sollten wir, statt endlos zwischen Abschaffung und Beibehaltung des Rechts, des Gesetzes hin- und herzuschwanken, nicht eher versuchen, die Beziehungen zwischen Leben und Recht, zwischen Recht und Gewalt anders und genauer zu denken? Etwa so wie die Franziskaner-Mönche: Sie verstanden ihre Regel gerade nicht als Gesetz, sondern als Lebensform, als Gestaltung ihres Zusammenlebens, übrigens bei einem Verzicht auf die Idee von Eigentum. Sie haben das Recht nicht auf das Leben angewandt, sondern überschritten, ohne es abzuschaffen.

SPIEGEL: Als junger Mann haben Sie Martin Heidegger bei einem Seminar in Südfrankreich erlebt. Wie war er?

Agamben: Vor vielen Jahren bin ich das schon einmal gefragt worden - vom großen französischen Philosophen Emmanuel Lévinas. Ich antwortete damals: Heidegger hat auf mich sehr sanft und freundlich gewirkt. Lévinas zeigte sich überrascht. Er hatte Heidegger in den dreißiger Jahren als energischen, strengen Mann erlebt. Dann unterbrach er sich und sagte: Ach ja, zwischen meinem und Ihrem Heidegger hat Deutschland ja den Krieg verloren.

SPIEGEL: Sie haben sich mit Walter Benjamin, dessen Schriften Sie in Italien herausgegeben haben, befasst, mit Heidegger, auch mit Carl Schmitt. Ist die deutsche Philosophie für Sie besonders wichtig?

Agamben: Wenn man als Italiener mit Interesse an Philosophie aus Italien nach Deutschland kommt, ist man geneigt, ein Land der Philosophen zu erwarten - und ist dann doch überrascht, dass es hier heute eine antiphilosophische Grundhaltung gibt.

SPIEGEL: Steckt das einstige Volk der Dichter und Denker in einer Identitätskrise?

Agamben: Ich denke, dass die Identitätskrise heute der Dauerzustand jeder Nation, jedes Volks ist. Das gilt ganz besonders für Deutschland. Wenn ich durch eine deutsche Stadt gehe, durch Berlin zum Beispiel, denke ich, dass diese Stadt nur den Namen gemeinsam hat mit jener, die vor dem Krieg Berlin hieß. Das ist vielleicht wegen der Zerstörungen so, jedenfalls ist die Stadt heute ein Raum ohne Gedächtnis. Deshalb braucht man wohl so viele sogenannte Denkmale.

SPIEGEL: Aber die nationale Identität der Sprache ist noch intakt?

Agamben: Wenn nationale Identitäten mit sprachlichen zusammenfielen, dann würde ein großer Klassiker des Judentums, Maimonides, kein Jude sein, denn er schrieb arabisch. Spinoza, der lateinisch schrieb, wäre dann ein lateinischer Autor. Die Identität einer Sprache ist ein politisches und historisches Konstrukt.

SPIEGEL: Brauchen wir sie nicht als Bollwerk gegen geistige Globalisierung?

Agamben: Globalisierung, Lokalisierung - wo man sie findet, sind sie schon kombiniert und integriert in Machtstrategien. Die globalen Räume und die lokalen Zonen stehen in einem sehr komplexen Zusammenhang. Den gilt es erst einmal genau zu verstehen.

SPIEGEL: Sie haben auch geschrieben, das »Schweigen« eines »schönen Gesichts« sei »die Heimat des Menschen«. Ein tröstlicher, fast religiöser Satz, der uns gefällt ...

Agamben: ... Wie Sie wollen. Sie können daran jedenfalls erkennen, wie wenig ich mit nationaler Identität anfangen kann. INTERVIEW: MATTHIAS MATUSSEK,

MATHIAS SCHREIBER

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