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Film Kopf hoch!

Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 22/1996

Erst einmal ziehen die Wolken herauf. Lebensverdüsterung also, Depression, Wirtschaftskrise. Im Restaurant »Dubrovnik«, dessen Geschäfte seit Menschengedenken ordentlich liefen, breitet sich Ratlosigkeit aus: Was läuft schief? Eine mögliche tröstliche Antwort: »Die Gäste werden alt und können nicht mehr soviel trinken.«

Beim Abschiedsabend vor der Kapitulation, den die Wirtin ihrer treuen Kundschaft gibt, sind noch älter als die Gäste die Musiker, die zum Tanz aufspielen: Mit Gleichmut knödeln sie sich durch ihr Repertoire von herzzerreißenden langsamen Walzern und Tangos. Der Tango, so behaupten bekanntlich die Finnen (zumindest jene, die Kaurismäki heißen), sei finnischen Ursprungs und erst später nach Argentinien exportiert worden: das Tränengefäß der nationalen Melancholie.

Fortan sitzt die ehemalige »Dubrovnik«-Kellnerin Ilona - Kati Outinen, die so unanrührbar desperat vor sich hinschauen kann wie keiner sonst - in ihrem unglaublich blauen Wohnzimmer auf ihrem unglaublich roten Sofa und starrt den Fernseher an. Es sei, wird gemeldet, ein Mann namens Ken Saro-Wiwa exekutiert worden. Hat das etwas mit den Wolken zu tun, die über ihr Leben heraufgezogen sind, und wenn ja, was?

Leider droht dann auch Ilonas Ehemann Lauri (Kari Väänänen), von Beruf Chauffeur bei einem Busunternehmen, die Entlassung. Sein Chef tritt, den Zwang der Umstände bedauernd (sind vielleicht auch die Fahrgäste so alt geworden, daß sie nur noch selten verreisen?), vor die versammelte Mannschaft, ein Pokerspiel in der Hand. Lauri gehört dann zu denen, die schlechte Karten haben, und fortan muß dieser Film Behördengänge, demütigende Verhöre, triste Gelegenheitsarbeit und kriminelle Anfechtungen verfolgen.

Aki Kaurismäki hat es immer verstanden, seine Heimat zu einem Ländchen immerwährender Ärmlichkeit zu verklären, das weniger dem realen heutigen Finnland gleicht als einer vergessenen Ostblock-Provinz. Ein Kaktus in einem verstaubten Schaufenster wirkt da wie ein unverhofftes Ausrufezeichen, und sogar ein Fresko im Arbeitsamt strahlt blütenreine sozialistische Fortschrittstrübsal aus. Es ist bei Kaurismäki schon immer viel getrunken worden, bevorzugt Wodka pur; der Drink zu diesem Film jedoch ist türkisblau und heißt, auch wenn man es nicht glauben will, »Hawaiian Winter«.

Kaurismäkis Blick hat Tschechows freundliche Ungerührtheit, auch Tschechows Sinn für die schreckliche Komik des Unglücks, der doch niemals Verrat an seinen Figuren übt. Wenn einmal, selten genug, eine kleine Kamerabewegung unumgänglich erscheint, ist es ein Rückzug wie auf Zehenspitzen, um einem Menschen in seinem Schmerz nicht zu nahe zu treten; diese Kamera überhaupt ist so wenig sensationslüstern, daß sie schamhaft wegschaut, als jemand eine Ohrfeige verpaßt kriegt. Warum auch noch zeigen, was doch zu hören ist?

Er hält die Kamera niedrig; ein wenig Sonne läßt er nur aufkommen, wenn der Schauplatz ein Friedhof ist; den Gang der Wolken liest er aus den Gesichtern. Dies ist der Augenblick, sich an den schnauzbärtigen Matti Pellonpää zu erinnern, menschlichen Inbegriff einer Trauerweide: Er wird uns in Kaurismäkis Kosmos immerdar fehlen.

Seine frühen Filmhelden hießen Raskolnikow oder Hamlet, und eine schwere Musik unterstrich, wie schicksalsschwer für sie die Versuchung des Bösen war. Jetzt erzählt er mit allereinfachsten Bildern vom alleralltäglichsten Unglück und braucht zur Untermalung nur ein Restchen Tschaikowski und ein paar halbvergessene Schnulzen wie »Wolken ziehen vorüber«. Dabei ist doch - etwa für Lauri, diesen Klotz von Rechtschaffenheit, dem ein Hilfsgangster-Job offeriert wird - die Versuchung des Bösen schwer wie je seit unserer Vertreibung aus dem Paradies.

Aber ach, wer geht denn ins Kino, um ein paar Arbeitslose unvergleichlich desperat ins Leere starren zu sehen? Wie kann man beglaubigen, daß dies kein grämliches Jammerstück ist, keine Depressionskiste, sondern zum großen Melodram der Liebe zwischen Ilona und Lauri erblüht? Es ist eine Liebe von der Art, die keine Worte zu machen weiß und doch niemals verzagt. Kopf hoch! Aki Kaurismäki ist nicht nur in der Reinheit seiner Ästhetik ein vorletzter Moralist. Deshalb hält sein Film, was der Titel verspricht.

Über den Gang der Dinge, also den Lauf der Welt, läßt sich grundsätzlich zweierlei sagen. Erstens, es ist immer zu spät. Zweitens, es ist nie zu spät. Genau das und nicht mehr erzählt Kaurismäki. Oder auch: Das Prinzip Hoffnung ist keine Milchmädchenrechnung - falls man sich das gesungen als Tango vorstellen kann. Mit freundlichen Grüßen!

Urs Jenny

* Mit Kari Väänänen, Kati Outinen.

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