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ROCKMUSIK Kopf und Bauch

Sie ist seit 15 Jahren aktiv und hat mehr als 20 hervorragende LPs eingespielt: Die englische Rockband The Kinks gastiert in Deutschland.
aus DER SPIEGEL 44/1979

Der dünne Brite Raymond Dauglas Davies, 34, ein hoch aufgeschossener, spilliger Mensch mit klaffender Lücke zwischen den Schneidezähnen, hüpft hektisch auf langen Beinen über die Bühne und schreit beschwörend seinen animierten Zuhörern zu: »Rockbands kommen und gehen, aber der Rock?n?Roll bleibt immer bestehen!«

Genausogut hätte er rufen können: »Aber die Kinks bleiben immer bestehen.« Denn die Band des Sängers, Gitarristen, Songschreibers und Komponisten Ray Davies aus dem Norden Londons gibt es jetzt schon 15 Jahre -- eine Dauer, die in der Rockgeschichte fast einer Ewigkeit gleichkommt.

Und das Hinscheiden der Kinks ist nicht zu erwarten: auf ihrer neuen Deutschland-Tournee, die am letzten Donnerstag in Hamburg begann, präsentieren sich Ray Davies, sein Bruder Dave (Gitarre), Mick Avory (Schlagzeug), lan Gibbons (Keyboards), Nick Newall (Saxophon) und um Rodford (Baß) in Hochform. Ihre Rock-Show ist zupackend, vital und voller Drive.

Wenn der frühere Kunststudent Ray Davies seine eckigen Clownerien abzieht, wirkt er wie eine traurige Figur, die ungelenk um die Sympathie des Publikums buhlt. Wie aufgezogen rast er pausenlos über das Podium oder springt steil in die Luft, und von der ersten Sekunde an vollführen seine Hände überdeutliche Klatschbewegungen, um die Leute im Saal zum Einsteigen zu ermuntern.

Seine täppischen Anmach-Manöver stecken voller Ironie: Davies, der intellektuelle Rocker und distanzierte Showman, führt das Gesten-Arsenal und die Klischees von Rockkonzerten verfremdet vor, ohne die Darbietung durch Gedankenblässe zu lähmen. Er bedient Kopf und Bauch in gleicher Weise und sorgt für fröhliche Rock-Rasereien.

Zu den Rolling Stones, neben den Who die anderen Überlebenden des Sechziger-Jahre-Pop in England, geht man, um immer mal wieder zu prüfen, ob Mick Jaggers Knochen die Anstrengungen des Jobs noch bewältigen. Bei den altgedienten Kinks hingegen, die in kleineren Hallen auftreten müssen als ihre schwerreichen Superstar-Kollegen, blickt man nicht ins Rock-Museum, sondern wird direkt ins Geschehen einbezogen.

»Wenn Leute zu Rad Stewart gehen«, sagt Davies, »wollen sie sich ein Ereignis ansehen. Wenn sie zu den Kinks gehen, sind sie selbst ein Teil des Ereignisses.«

Die Kinks sind nicht behäbig geworden und können sich nicht auf Tantiemen-Reichtum ausruhen, weil ihre größten Platten-Verkaufserfolge lange zurückliegen. Sie haben angefangen, als die Beatles, die Rolling Stones und die Who mit ihrer ungebärdig direkten und ungekünstelten Rhythm-and-Blues- und Rock?n?Roll-Musik die Jugend infizierten und als Englands Proletarierkinder zur Gitarre griffen, um im Sog der Beatles-Erfolge die Verheißung des besseren Musiker-Lebens außerhalb der Fabrik wirklich werden zu lassen.

1964 stürmten die Kinks mit dem rauhen Rock-Stück »You Really Got Me« zum erstenmal an die Spitze der Hitparaden, und bis 1967 servierte die Band in regelmäßigen Abständen Bestseller, darunter immergrüne Klassiker wie »Sunny Afternoon«, »Waterloo Sunset« oder »Dead End Street«.

Wie die rebellischen Punk-Rocker jüngster Zeit nutzte Ray Davies das Rockmedium von Anfang an für sarkastische Sozial-Kommentare: In »Dead End Street« beispielsweise beschrieb er die Ausweglosigkeit von Arbeiter-Existenzen, die »in der Sackgasse geboren sind, um dort zu sterben«.

Die desillusionierend pessimistischen Kinks-Texte hatten indes keine Entsprechung in harter musikalischer Punk-Aggressivität: Davies kleidete sie immer ein in elegant-ironische Arrangements, oft verwendete er zickige Blechbläser-Begleitungen oder Zitate aus britischer Music-Hall- und Vaudeville-Tradition. Auf urwüchsiger Rock?n?Roll-Grundlage haben die Kinks-Songs über die Malaisen der englischen Umwelt federnden Swing.

In den siebziger Jahren ließ der Verkauf von Kinks-Platten nach, aber mehr als 20 LPs, die bis heute erschienen sind, belegen die ununterbrochene künstlerische Produktivität der Band. Im Verlauf ihrer langen Karriere sind die Kinks unentwegt von Kritikerlob begleitet worden, und eine hartnäckige Fan-Gemeinde hat ihnen die Aura einer Kult-Band verschafft. Schon vor sieben Jahren notierte der englische »New Musical Express": »Für eine Pop-Gruppe haben die Kinks eine lange Geschichte. Man wundert sich, daß ihnen die Worte, Melodien, Ideen und die Energie nicht ausgegangen sind.«

Die neueste Kinks-LP, ein für 25 000 Dollar hergestelltes Billig-Produkt mit dem Titel »Low Budget«, zeigt, daß die fehlende Saturiertheit und der Zwang, das Publikum in jedem Konzert neu gewinnen zu müssen, Davies und seine Musiker daran gehindert haben, sich in schlaffe Rock-Opas zu verwandeln. Mit dem Feuer einer fightenden Newcomer-Band präsentiert Davies sein Bündel neuer Songs (sie bilden einen wesentlichen Bestandteil des Tournee-Programms) zu hart treibendem Rhythmus.

Dabei erweist sich Davies, in dem Stück »A Gallon Of Gas«, wie schon oft als Satiriker. Er stellt sich vor als Cadillac-Besitzer, der von der Ölkrise gebeutelt ist, weil er sich zwar »Koks« und »Gras« leicht beschaffen kann, aber nicht die nötige Menge Benzin für den Luxus-Schlitten.

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